Globale Jugend

 Schüleraustausch, aber auch schon kurze Reisen ins Ausland, fördern den Selbstwert junger Menschen.

Illustration: Natascha Baumgärtner
Illustration: Natascha Baumgärtner
Olaf Strohm Redaktion

Anna (Name geändert) war 16, als sie für ein Schüleraustauschjahr nach Madrid zog. Zu Hause in Berlin fühlte sie sich unsicher, oft zweifelte sie an sich. Doch schon in der ersten Woche bei ihrer Gastfamilie lernte sie, wie wichtig kleine Erfolge sind: Den Bus finden, auf Spanisch bestellen – jedes Mal wuchs ihr Selbstvertrauen. Damit ist Anna ein lebendiger Beleg für die Studie der Universität Münster: Austauschschülerinnen und -schüler berichten darin von einem bleibenden Selbstwertanstieg, der noch lange nach der Rückkehr anhält.
 

»Die Austauschschüler sahen sich nach dem Aufenthalt in einem positiveren Licht als vorher. «


Jährlich gehen knapp 20.000 deutsche Jugendliche im Rahmen eines Schüleraustausches ins Ausland. Gemeinsam mit der Uni Münster haben Forschende aus Utrecht, Kiel, Berlin und Mainz untersucht, wie sich der Selbstwert während eines Austauschjahres verändert. Sie befragten dazu mehr als 800 im Durchschnitt 16-jährige Schüler, die ein gesamtes Schuljahr im Ausland verbrachten – vor, während, direkt nach dem Aufenthalt sowie ein Jahr später. Als Vergleichsgruppe wurden mehr als 700 Schüler in die Studie aufgenommen, die während der gesamten Zeit in Deutschland blieben. Ein zentrales Ergebnis: Die Austauschschüler sahen sich nach dem Aufenthalt in einem positiveren Licht als vorher. Im Gegensatz dazu beobachteten die Forschenden bei den Daheimgebliebenen keine Selbstwertveränderung.

Dr. Roos Hutteman vom Institut für Entwicklungspsychologie der Universität Utrecht hatte gemeinsam mit Prof. Dr. Mitja Back vom Institut für Psychologie der Uni Münster die Federführung bei der Studie. „Es ist wichtig, auch die Erfahrungen, die die Schüler während des Austausches machen, zu untersuchen. Nur so kann man die Prozesse verstehen, die zu Veränderungen führen“, sagte sie gegenüber dem Portal Bildungsdoc. „Wir sehen zum Beispiel, dass sich nicht alle Schüler gleich stark verändern. Manche zeigen kaum einen Anstieg des Selbstwertes, während andere über die Zeit des Aufenthaltes viel selbstbewusster werden. Besonders spannend: Vor allem solche Jugendliche, die zuvor ein weniger positives Bild von sich hatten, scheinen zu profitieren.“
 

»Das Gehirn passt sich an, wird kreativer im Problemlösen. «
 

KOGNITIVE ENTWICKLUNG


Laut der Metastudie „Affective learning in shortterm educational travel abroad“ trainieren schon kurze Auslandsreisen die kognitive Flexibilität. In der spanischen Schule diskutierte Anna mit Mitschülern über Siesta und Flamenco, über Unterschiede zu ihrem Alltag. Plötzlich verstand sie: Ihre Welt war nur ein winziger Ausschnitt. Studien zu kulturellen Austauschprogrammen zeigen, dass die kognitive Flexibilität steigt – das Gehirn passt sich an, wird kreativer im Problemlösen. Die Münster-Studie fand heraus: Austauschschüler berichten über höhere Empathie und geringere Stereotype gegenüber Ausländern. Ergänzend zeigen Daten: Jugendliche lernen Nuancen wie nonverbale Kommunikation, was Karrierevorteile birgt – 70 Prozent der Arbeitgeber schätzen internationale Erfahrung. Globale Netzwerke entstehen, die lebenslang nützlich sind.

Heute, mit 20, studiert Anna Internationale Beziehungen. „Reisen hat mich verändert“, sagt sie. „Ich sehe, dass Probleme global sind und auch nur so lösbar.“

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