Das Kerngehäuse der Kultur

 Die Museumsinsel Berlin ist ein idealer Anlaufpunkt für kulturinteressierte Besucherinnen und Besucher. Hier wird das Selbstverständnis der Hauptstadt erlebbar.

Illustration: Natascha Baumgärtner
Illustration: Natascha Baumgärtner
Mirko Heinemann Redaktion

Warum wurde der Mensch sesshaft? Wie sahen die ersten Siedlungen aus? Wer sich dieser grundlegenden historischen Frage widmen möchte, kann in der deutschen Hauptstadt fündig werden. Auf der dortigen Museumsinsel wird noch bis Juli eine spektakuläre Ausstellung gezeigt: „Gebaute Gemeinschaft. Göbeklitepe, Taş Tepeler und das Leben vor 12.000 Jahren“ in der James-Simon-Galerie in Berlin-Mitte macht diesen Moment der Menschheitsgeschichte nun mit spektakulären Originalfunden sinnlich erfahrbar. Lange bevor in Europa Stonehenge errichtet oder in Ägypten die ersten Pyramiden gebaut wurden, schufen Gemeinschaften im heutigen Südosten der Türkei monumentale Kultstätten – mit bis zu sechs Meter hohen Pfeilern, mächtigen Statuen und aufwendig verzierten Gebäuden. Diese frühen sesshaften Gruppen aus der Region Göbeklitepe und dem Taş-Tepeler-Gebiet hinterließen Bildwerke, Alltagsgegenstände und Schmuck, die von dem tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbruch von der Jäger-Sammler-Kultur hin zu festen Siedlungen und neuen Formen des Zusammenlebens erzählen. 

Zu sehen sind Architekturrekonstruktionen und zeitgenössische Fotografien der Künstlerin Isabel Muñoz – viele der Objekte sind erstmals außerhalb der Türkei zu sehen. Kuratiert von einem deutsch-türkischen Team um Barbara Helwing und Necmi Karul zeigt die Schau, wie sehr Kulturgeschichte von Kooperation, Austausch und der Fähigkeit zur Gemeinschaft geprägt ist – und verknüpft so die frühesten Monumente der Menschheit mit einem der wichtigsten Museumsstandorte der Gegenwart.
 

BERLIN ALS KULTURMETROPOLE VON WELTRANG


Mit solchen Ausstellungen unterstreicht Berlin seinen Anspruch eine globale Kulturmetropole zu sein. Rund 20.000 professionelle Künstlerinnen und Künstler leben und arbeiten in der Stadt, hinzu kommen mehr als 160.000 Beschäftigte in der Kultur- und Kreativwirtschaft; diese Dichte an Akteurinnen und Akteuren, Institutionen und Projekten macht Berlin zu einem international beachteten Zentrum der zeitgenössischen Kunst und Kultur. 

Die Vielfalt reicht von Weltklasse-Museen und Opernhäusern über freie Theater und Off-Spaces bis zu Festivals und kulturellen Großereignissen, die Besucherinnen und Besucher aus aller Welt anziehen. Politisch wird diese Rolle gezielt gestützt: Bund, Land Berlin und zahlreiche Stiftungen investieren seit Jahren in kulturelle Infrastruktur – von der Sanierung historischer Häuser bis zur Förderung freier Szenen –, um die Stadt als „place to be“ für Kunst und Kreativität zu stärken.

Die Museumsinsel bildet dabei das historische Herz dieser Kulturmetropole. Als Ensemble aus fünf großen Museen – Altes Museum, Neues Museum, Alte Nationalgalerie, Bode-Museum und Pergamonmuseum – ist sie seit 1999 UNESCO-Welterbe und gilt als einer der herausragenden Museumskomplexe Europas. Hier verdichtet sich, was Berlin weltweit auszeichnet: der Anspruch, Kulturgeschichte aus verschiedenen Epochen und Weltregionen in einen offenen, kritischen Dialog zu bringen; die Bereitschaft, an einem Ort Antike, Moderne und Gegenwartskunst nebeneinander zu zeigen; und die Idee, Museen als Orte gesellschaftlicher Debatte zu verstehen.
 

DIE MUSEEN DER MUSEUMSINSEL


Das Alte Museum an der Lustgartenseite der Insel gilt als Urzelle des preußischen Museumswesens und präsentiert heute vor allem Kunst und Kultur der Griechen, Etrusker und Römer mit Skulpturen, Keramik, Schmuck und Alltagsobjekten von der frühen Kykladenkultur bis in die römische Kaiserzeit. Im Neuen Museum, das nach der Wiedervereinigung aufwendig wiederaufgebaut wurde, begegnen Besucherinnen und Besucher vor allem der altägyptischen und vorzeitlichen Archäologie; hier ist unter anderem die berühmte Büste der Nofretete zu Hause, eingebettet in eine Schau, die den Bogen von frühen Hochkulturen bis zur europäischen Vor- und Frühgeschichte spannt. Die Alte Nationalgalerie zeigt Malerei und Skulptur des 19. Jahrhunderts, darunter romantische Meister wie Caspar David Friedrich und Schinkel sowie Werke des französischen Impressionismus von Manet, Monet, Renoir und anderen, und macht so die spannungsreiche Epoche zwischen Französischer Revolution und Erstem Weltkrieg sichtbar.

An der Nordspitze der Museumsinsel erhebt sich das Bode-Museum mit seiner bedeutenden Skulpturensammlung, die Werke vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert umfasst, ergänzt um byzantinische Kunst und Teile des Münzkabinetts. Hier lassen sich etwa Arbeiten von Donatello, Bernini oder Canova in opulenten historischen Räumen erleben, die selbst Teil der Inszenierung sind. Das Pergamonmuseum, derzeit etappenweise saniert, ist weltweit bekannt für seine großformatigen Rekonstruktionen wie das berühmte Ischtar-Tor und den Markttorbau von Milet sowie für herausragende Bestände der vorderasiatischen, der islamischen und der antiken Sammlun. Ergänzt werden diese Häuser durch die James-Simon-Galerie als modernes Besucherzentrum und Ausstellungsort, die mit Sonderausstellungen wie der oben erwähnten „Gebaute Gemeinschaft“ die historische Sammlung der Insel ins Gespräch mit aktuellen Fragestellungen bringt.
 

DAS UMFELD: HUMBOLDT FORUM UND BERLINS NEUE MITTE


Direkt gegenüber der Museumsinsel liegt mit dem Humboldt Forum im rekonstruierten Berliner Schloss ein weiterer Knotenpunkt der Berliner Museums- und Kulturlandschaft. Auf rund 42.000 Quadratmetern vereint das Haus Kunst, Kultur und Wissenschaft, aber auch Communities und Perspektiven aus aller Welt und versteht sich explizit als Ort des Dialogs der Weltkulturen. Herzstück sind die Ausstellungen: Sie thematisieren die 800-jährige Geschichte des Ortes, die Rolle Berlins als Wissenschaftsstadt sowie globale Fragen von Kolonialismus und setzen diese in Bezug zu den umfangreichen Beständen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst, die hier mit rund 20.000 Exponaten auf 16.000 Quadratmetern neu präsentiert werden.

Das Umfeld der Museumsinsel ist damit zu einer dichten kulturellen Topografie geworden: Zwischen Spree, Lustgarten, Berliner Dom und Schloss spannt sich ein Raum, in dem historische Architektur, rekonstruiertes Barock und zeitgenössische Museumsbauten nebeneinanderstehen. Besucherinnen und Besucher können vormittags frühgeschichtliche Monumente in der James-Simon-Galerie erkunden, anschließend im Neuen Museum altägyptische Kunst betrachten, in der Alten Nationalgalerie vor romantischen Landschaften stehen und den Tag im Humboldt Forum mit einem kritischen Blick auf globale Verflechtungen und koloniale Vergangenheit beschließen. 

Berlin inszeniert sich damit nicht als abgeschlossene „Museumsstadt“, sondern als offene, konfliktsensible Kulturmetropole, in der die großen Fragen der Gegenwart – Migration, Globalisierung, Umgang mit kolonialen Sammlungen, Klimawandel, gesellschaftlicher Zusammenhalt – durch die Linse der Kulturgeschichte verhandelt werden. 

 

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