Welcher Urlaub tut gut?

Welche Aspekte man bei der Planung des Urlaubs beachten sollte, weiß Dr. Benjamin Siemann, ärztlicher Leiter der Privatklinik Falkenried für Psychotherapie, Psychiatrie und Psychosomatik.

Illustration: Natascha Baumgärtner
Illustration: Natascha Baumgärtner
Andrea Hessler Redaktion

Herr Dr. Siemann, in der Privatklinik Falkenried werden Menschen mit psychischen Problemen behandelt. Hilft es Ihren Patientinnen und Patienten, wenn sie eine Erholungsreise machen?

Jeder Mensch braucht ein gewisses Maß an Erholung. Auch bei psychischen Erkrankungen kann ein Erholungsurlaub hilfreich sein. Während früher die Meinung vorherrschte, man müsse während der Krankschreibung zuhause bleiben, hat sich das inzwischen geändert. Eine Reise ist erlaubt, solange sie die Gesundung nicht verhindert. Trotzdem machen viele Menschen, die psychisch erkrankt sind oder an einem Burn-out leiden, keinen Urlaub.

 

Warum verzichten sie auf Urlaub und Verreisen?

Sie haben Angst davor, nicht produktiv zu sein. Vor allem Menschen, die als Selbstständige arbeiten, fragen sich, ob sich ein Urlaub lohnt, wenn man bedenkt, dass in dieser Zeit kein Umsatz gemacht wird, dass man sogar Geld ausgibt und dass umso mehr Arbeit auf einen wartet, wenn man zurückkommt. Es war vor dem Urlaub schon schwierig, man muss viel organisieren, damit alles weiterläuft, und anschließend ist es schwer, wieder reinzufinden in den Alltag. Hinzu kommt, dass manche psychisch angeschlagenen Menschen auch gar nicht wissen, wie sie am besten abschalten und sich erholen können. Da kann es passieren, dass sie den Laptop mitnehmen oder gar nicht erst wegfahren, sondern zuhause bleiben und endlich mal das Archiv sortieren. Dann hat der Urlaub seinen Zweck verfehlt. Aber man kann natürlich auch zuhause Ferien machen und sich erholen, das Wegfahren ist nicht zwingend notwendig.


Selbst wenn man eine Reise an einem anderen Ort bucht und sich auf die freie Zeit freut, endet das manchmal in Enttäuschungen. Man ist hinterher gestresst und schlecht erholt, leidet immer noch an einem Burn-out oder einer Depression und ist unter Umständen sogar schlechter dran als vor der Reise. Warum ist das so und was hilft dagegen?

Es kann zum Beispiel sein, dass man regelmäßig an den Ort fährt, wo man schon als Kind mit den Eltern die Ferien verbracht hat und glücklich war, und man kann dieses Gefühl dort anschließend jahrelang aufleben lassen. Und dann tritt genau das Gegenteil ein. Man kann plötzlich auch dort nicht mehr aus dem negativen Gedankenstrudel rausfinden und macht sich dann selbst Vorwürfe wie „Ich schaffe es nicht mal mehr, hier glücklich zu sein, was stimmt nicht mit mir“. Wichtig ist grundsätzlich das richtige Management von Erwartungen, die man aus sich selbst heraus hat oder die von außen geschürt werden, etwa durch unrealistische Darstellungen in Katalogen.


Wie lassen sich Enttäuschungen vermeiden? Soll ich, wenn ich schon psychisch angeschlagen bin, vor dem Urlaub einen Psychologen oder Therapeuten konsultieren?

Grundsätzlich sollte man das Thema nicht pathologisieren. Wichtig ist, selbst rauszufinden, welches Urlaubsmodell einem guttun könnte. Manche Menschen mögen zum Beispiel Gruppenreisen, um endlich mal wieder unter Menschen zu sein, andere erholen sich am besten allein in einer einsamen Hütte in den Bergen. Sicherlich nicht sinnvoll ist es, eine bestimmte Reise zu machen, um vor dem sozialen oder beruflichen Umfeld gut dazustehen. So nach dem Motto „meine Kollegen waren alle schon in den USA, da muss ich dieses Jahr unbedingt auch mal hin“. Bei all diesen Überlegungen ist das Problem, dass man erst in der Rückschau weiß, ob die Entscheidung richtig war. Umso wichtiger ist es, im Vorfeld zu sich selbst ehrlich zu sein. 

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