Ich bin immer gern gereist. Der Reisejournalismus hat mich in die Welt getrieben. Aber auch privat plagte mich stets die Angst, etwas zu verpassen. Georgien soll die neue In-Destination sein? Nichts wie hin da. Die alte Uni-Freundin fragt, ob ich am Wochenende spontan nach Paris komme? Keine Frage, bien sûr! Der jährliche Wanderurlaub in Südtirol? Sowieso gesetzt. Es gab Monate, da war ich öfter unterwegs als zuhause: life before kids. Und jetzt? Habe ich darauf gerade gar keine Lust.
Zu stressig, zu teuer, zu wenig erholsam. Das Kofferpacken habe ich schon immer gehasst, das Beladen des Autos, wahlweise die Hetze zum Bahnhof, die meist nervige Anreise, die man nur mit wahnsinnig vielen Snacks übersteht. Und überhaupt: Wo Wirtschaft und Klima gleichermaßen straucheln, wo Meldungen durch die Zeitungen gehen, dass sich jeder Fünfte keinen Urlaub mehr leisten kann, ist mir die Lust abhandengekommen. Ein einziger Hin- und Rückflug auf die Malediven, rechnet das Umweltbundesamt vor, verursacht pro Person rund 2,8 Tonnen CO2 – fast das Doppelte dessen, was pro Kopf und Jahr überhaupt klimaverträglich wäre. Da muss einem nicht mal das Geld fehlen. Da vergeht einem das Fernweh von selbst.
Erholen aber will ich mich trotzdem. Gerade wegen des Stresses. Also habe ich mir eine große gelbe Bank für den Balkon gekauft, die nicht nur umwerfend aussieht, sondern auch noch sehr bequem ist. Darauf: all die Kissen mit Bezügen, die ich über die Jahre auf Basaren zwischen Marrakesch und Istanbul zusammengetragen habe. Den staubigen Stapel Bücher und Zeitungen habe ich vom Schlafzimmer auf den Balkontisch verfrachtet, den Sonnenschirm aufgespannt, den ich einst für das Haus in spe gekauft hatte, und die Lichterkette montiert, unter der ich abends mit dem Mann ein Bier trinken will. Und wenn ich es mir richtig gutgehen lasse, mache ich mir einen Affogato, der mich vom Strand von Rimini träumen lässt. Und die Kinder? Genießen das unaufgeregte Leben des Nichtstuns und Nichtsmüssens, planschen zu meinen Füßen im Mini-Pool, futtern Wassermelone und spielen endlich mit all den Dingen, die sich zu unzähligen Geburtstagen angesammelt haben.
Am schönsten aber ist die Stunde, wenn die Sonne tief steht. Der erste Sundowner, die Lichterkette geht an – und mehr Stimmung als jeder Club, in den ich früher gegangen wäre. Kein Türsteher, kein überteuerter Drink, kein Kater am Morgen danach. Manchmal braucht Erholung keine Landebahn, und kein All-inclusive-Buffet.
Was die da große Töne spuckt? – fragen sich jetzt alle ohne Balkon. Ich verstehe den Einwand. Und ich sage: Es muss nicht der eigene Balkon sein. Warum nicht jeden Tag in den nahen Park, durch den man sonst nur zur Arbeit hetzt? Es gibt so viele kleine Hacks, sich die alltäglichen Orte zu eigen zu machen. Weniger ist mehr. Klingt abgedroschen, stimmt aber. Erholung, das ist die eigentliche Erkenntnis dieses Sommers 2026, entsteht meist an unspektakulären Orten. Man muss sich nur einmal darauf einlassen.
Illustrationen: Elena Resko