Wenn ein Circus älter wird – und zugleich jünger

Wie Bernhard Paul den Circus Roncalli in die Zukunft führt – und warum der behutsame Generationenwechsel seiner drei Kinder zu einer besonderen Familiengeschichte wird.

Die Familie Paul im Roncalli-Zelt: Gemeinsam gestalten sie den Generationenwechsel, der den Circus in seinem 50. Jahr zugleich erneuert und in der Tradition verankert.
Die Familie Paul im Roncalli-Zelt: Gemeinsam gestalten sie den Generationenwechsel, der den Circus in seinem 50. Jahr zugleich erneuert und in der Tradition verankert.
Circus Roncalli Beitrag

Wer den Circus Roncalli heute betritt, spürt etwas, das man in Zahlen kaum fassen kann: eine lange gelebte Gegenwart. Seit fast fünf Jahrzehnten reist dieses poetische Unternehmen über Schienen durch Europa – ein wanderndes Erinnerungsstück, das sich dennoch ständig verwandelt. Und mittendrin steht Bernhard Paul, 78 Jahre alt, Gründer, Sammler, Bewahrer und immer noch Herz der Manege. Von Rückzug spricht er nicht. Von Weitergabe schon.

Denn Roncalli befindet sich in einem Moment, der in Familienbetrieben selten gelingt: ein Generationenwechsel, der nicht nach Bruch aussieht, sondern nach wachsender Leuchtkraft. Paul ist in der glücklichen Lage, dass alle drei seiner Kinder ihren eigenen Weg in das Unternehmen gefunden haben, ohne in Konkurrenz zu treten oder Rollen zu übernehmen, die nicht die ihren sind. Die Geschichten sind dabei so unterschiedlich wie die Rollen, die ein Circus braucht.
 

GENERATIONENWECHSEL OHNE BRUCH


Im Zentrum steht Vivian Paul-Roncalli, die älteste Tochter. Aufgewachsen zwischen Wohnwagen und Scheinwerfern, früher selbst Artistin, heute stellvertretende Kreativdirektorin. Seit Beginn des Jahres ist sie offiziell die rechte Hand ihres Vaters – und doch ist sie längst mehr als das. Sie steht für eine neue Form der Führung: eine, die Strukturen baut, wo früher Intuition genügte, und gleichzeitig die Atmosphäre bewahrt, die Roncalli groß gemacht hat. „Kreativität entsteht für mich dort, wo Menschen wirklich zusammenkommen“, sagt sie. „Im Circus sehe ich jeden Tag, wie gemeinsames Staunen Vertrauen schafft. Wenn Unternehmen ihren Kunden solche echten Momente schenken, entsteht Nähe – und darauf baut am Ende jede gute Zusammenarbeit auf.“ Ihr Blick ist nach vorn gerichtet, aber der Tonfall ihres Tuns bleibt leise und respektvoll gegenüber der Vergangenheit.

Vivian Paul-Roncalli, stv. Kreativdirektorin von Roncalli, führt das Familienunternehmen behutsam in die Zukunft – zwischen Tradition und neuer Handschrift.
Vivian Paul-Roncalli, stv. Kreativdirektorin von Roncalli, führt das Familienunternehmen behutsam in die Zukunft – zwischen Tradition und neuer Handschrift.

Adrian Paul-Roncalli, künstlerisch geprägt und eng verbunden mit dem Apollo Varieté in Düsseldorf, bringt neue ästhetische Handschriften ein, die jenseits der Manege entstehen und dennoch in sie zurückwirken. Und Lili Paul-Roncalli, international erfolgreiche Artistin, verknüpft Tradition und Gegenwart auf der Bühne mit jener artistischen Poesie, die seit den Anfängen zum Markenzeichen des Circus gehört. In ihren aktuellen Performances zeigt sich die Fantasie ihres Vaters, ohne dass sie dessen Stil übernimmt.
 

DIE KUNST DES WEITERGEBENS


2026/2027 feiert Roncalli sein 50-jähriges Jubiläum. Nur wenige große Circusunternehmen in Europa sind heute noch in Familienhand – Roncalli gehört zu diesen seltenen Ausnahmen. Fünf Jahrzehnte Circusgeschichte, die mit einem ausrangierten Wohnwagen begann und inzwischen zu einem weltweit bewunderten Kulturgut geworden ist. Ein Circus, der Nostalgie nicht als Rückschritt versteht, sondern als ästhetische Entscheidung.

Dass dieser Übergang gelingt, liegt vielleicht daran, dass Bernhard Paul das Altern nie als Verlust begriffen hat. Für ihn ist Altern ein kreativer Zustand. So wirkt Roncalli heute wie ein Circuszelt in dem Moment, wenn die Lichter angehen: Es bleibt das gleiche, aber es erscheint anders – heller, weiter, offener.

Wenn man es genau nimmt, erzählt dieser Generationenwechsel weniger von Abschied als von Vertrauen. Davon, wie eine Familie ein Werk fortschreibt, das längst größer geworden ist als jeder Einzelne. Und davon, dass ein Circus, der älter wird, manchmal einfach jünger aussieht, weil die nächste Generation nicht nur übernimmt, sondern weiterträgt, was immer schon der Kern war: das gemeinsame Staunen.

roncalli.de

 

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