Sich Kinder wünschen…

 Paare wollen gerne Nachwuchs, nach wie vor. Warum sinkt dennoch die Geburtenrate?

Illustrationen: Anna Rupprecht
Illustrationen: Anna Rupprecht
Olaf Strohm Redaktion

In Deutschland sinkt die Geburtenrate auf ein historisches Tief von 1,35 Kindern pro Frau, wie aktuelle Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen. Dennoch offenbart eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) aus den Jahren 2023 und 2024, dass junge Erwachsene nach wie vor eine Familie gründen möchten. Diese Diskrepanz zwischen dem Kinderwunsch und tatsächlichem Nachwuchs wird als „Fertility Gap“ bezeichnet und ist seit Langem Gegenstand der Bevölkerungsforschung.

Die BiB-Studie, die 15.758 Personen im Alter von 18 bis 49 Jahren befragte, ergab, dass sich Frauen durchschnittlich 1,76 Kinder und Männer 1,74 Kinder wünschen – Werte, die sich seit 2021 kaum verändert haben. Gleichzeitig ist die tatsächliche Geburtenrate von 1,58 im Jahr 2021 auf 1,35 Kinder pro Frau im Jahr 2024 gefallen, was den Fertility Gap bei Frauen auf 0,41 vergrößert hat, also fast verdoppelt. Besonders betroffen sind 30- bis 39-Jährige: Der Anteil der Frauen, die in den nächsten drei Jahren ein Kind planen, sank von 28 auf 24 Prozent, bei Männern von 28 auf 25 Prozent. Solche Entwicklungen spiegeln sich im Leben vieler wider, etwa in Großstädten wie Berlin oder München, wo junge Paare trotz starkem Kinderwunsch durch hohe Mieten und unsichere Jobs zögern.

„Kinder zu bekommen bleibt ein zentrales Lebensziel für die meisten jungen Menschen“, so die Bevölkerungsforscherin Carmen Friedrich vom BiB. Die gegenwärtig sinkende Geburtenzahl weise aber „auf ein Aufschieben von Geburten hin“. Als einen Hauptgrund vermuten die Studienautorinnen und -autoren eine Unsicherheit junger Erwachsener wegen einer Kombination von internationalen Krisen wie Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg und Klimawandel sowie von ungewissen wirtschaftlichen und persönlichen Rahmenbedingungen.

Bereits frühere Untersuchungen wie die Generations and Gender Survey aus den Jahren 2005 bis 2010 zeigten einen Fertility Gap, der in Westdeutschland größer war als im Osten. International wächst der Gap ebenfalls: Das Institute for Family Studies sprach 2019 von einem „Global Fertility Gap“, bei dem Frauen weltweit im Ideal 2,5 Kinder anstreben, real aber oft nur 1,5 bekommen. In 19 EU-Ländern und den USA haben vor allem höhergebildete Frauen weniger Kinder als geplant, wie eine Studie zeigt. In Südeuropa wie Italien und Spanien verschärft sich das Problem durch mangelnde Work-Life-Balance und Jugendarbeitslosigkeit, was eine BBC-Analyse 2025 mit dem Aufstieg von Ein-Kind-Familien verknüpft.

Die BiB-Studie warnt, dass ohne gezielte Maßnahmen wie eine Kita-Garantie, bezahlbaren Wohnraum und stabilere Jobperspektiven die Geburtenrate dauerhaft niedrig bleibt und die Bevölkerung schrumpft. Beispiele aus Skandinavien, wo großzügiger Elternurlaub und umfassende Betreuung die Geburtenzahlen stabilisieren, zeigen Lösungswege auf. Experten fordern daher politische Investitionen, um den bestehenden Kinderwunsch in greifbare Realität zu verwandeln. Der Fertility Gap ist kein unabwendbares Schicksal, sondern ein Signal für dringenden Handlungsbedarf.

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