Kurz vor den Osterferien. Drei Abgaben. Fünf Termine. Und dann diese eine Mail: Das Hort-Team hat eine Krankheitswelle erwischt. „Bitte holen Sie Ihr Kind direkt nach Schulschluss.“ Das ist 13.30 Uhr. Die Mail kam an einem Mittwoch. Drei kurze Arbeitstage für den Rest der Woche. Nicht, weil man nicht länger arbeiten will, sondern weil man schlicht nicht kann.
Wer das nicht kennt, hat entweder keine Kinder – oder ist der Vater. Denn was sich wie ein persönliches Planungsproblem anfühlt, ist strukturell: Sobald in Deutschland eine Frau Mutter wird, beginnt eine Abwärtsspirale, die sich in Lebensläufen, auf Gehaltsabrechnungen und am Ende in Rentenansprüchen einschreibt.
Bis zur Geburt des ersten Kindes sind die Chancen annähernd gleich. Doch mit dem Mutterschutz beginnt eine Biographie voller Kerben: Elternzeit, die meist Mütterzeit ist, weil der Partner sich „leider nicht freinehmen kann“. Eine Rückkehr in Teilzeit, weil nun Kita-Zeiten und Schulschluss die Arbeitszeiten diktieren. Und irgendwann die Pflege der eigenen Eltern. Sie wird erneut von Töchtern übernommen, wie eine aktuelle Studie von Johannes Geyer und Kolleginnen zeigt. Das Ergebnis: Fast 60 Prozent aller beschäftigten Frauen in Deutschland arbeiten heute in Teilzeit. Bei Männern sind es 20 Prozent. Das ist kein Ausreißer, das ist manifestierter Normalzustand.
KEIN LIFESTYLE, SONDERN NOTWENDIGKEIT
Als die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) der CDU auf dem Bundesparteitag Anfang Februar einen Antrag mit dem Titel „Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit" einbrachte, war die Empörung berechtigt. Das Framing war gänzlich unpassend: Als ob Frauen in Teilzeit zwischen Pilates und Prosecco wählen würden (we wish!), statt zwischen Kindergartenabholzeit und dem nächsten Kundentermin.
Inzwischen ist der Wortlaut geändert – kein „Lifestyle“ mehr. Jetzt sollen „Teilzeitansprüche geordnet“ werden. Schön ausgedrückt, nur das Problem ist dasselbe. Denn die Realität ist: Teilzeit ist Überlebensstrategie. Frauen arbeiten in Teilzeit, weil es keine Ganztagsbetreuung gibt, die zuverlässig funktioniert. Weil die Gesellschaft Care-Arbeit bis heute als Frauensache behandelt. Denn Kinder sind eben einfach auch mal krank. Und weil Frauen tatsächlich auch mit ihren Kindern Zeit verbringen wollen, zum Beispiel ein Eis bei Sonnenschein essen, statt sie nur fremdbetreuen zu lassen, bis sie müde aus dem Kindergarten fallen.
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) rechnet es vor: Männer arbeiten im Schnitt 38 Stunden pro Woche, Frauen 31 Stunden – ein Gender Working Time Gap von 24 Prozent. Aber damit ist es nicht getan: Frauen wenden zusätzlich knapp 30 Stunden pro Woche für unbezahlte Care-Arbeit auf. Zusammengerechnet arbeiten Frauen oft mehr als Männer, sie werden aber im Verhältnis wesentlich geringer bezahlt.
Auf diesen Zeitnachteil kommt der Einkommensnachteil: der Gender Pay Gap. Frauen verdienen in Deutschland im Schnitt 16 Prozent weniger. Der Karriereknick nach der Geburt verstärkt das: Eine Führungsposition an eine Mutter vergeben, die „plötzlich ausfallen könnte“? Das trauen sich nur die fortschrittlichsten Unternehmen. Einmal Teilzeit, immer Teilzeit. Und am Ende der Spirale wartet die Altersarmut. Wer jahrelang weniger arbeitet, seltener befördert wird und deshalb weniger verdient, erwirtschaftet auch weniger Rentenansprüche. Das ist kein individuelles Versagen. Das ist Systemversagen. Bemühungen zur Gleichstellung? So rar wie Frauen in Führungsrollen.
Was man dem CDU-Antrag immerhin lassen muss: Das Thema ist wieder auf dem Tisch. Denn die Problemlage ist nicht verhandelbar: Laut einer IW-Studie könnten bis 2028 rund 770.000 Stellen unbesetzt bleiben, vor allem in Pflege, Erziehung und Sozialarbeit. Ausgerechnet jene Berufe, die Care-Arbeit professionell leisten. Gleichzeitig sind die Geburtenzahlen auf historischem Tiefstand. Das spricht für sich. Höchste Zeit also, wirklich Tabula rasa zu machen.
Denn jede Mutter, die wegen fehlender Betreuung in Teilzeit verharrt, obwohl sie mehr arbeiten könnte oder wollte, ist vergeudetes Potenzial – für sie selbst, für die Wirtschaft, für die Gesellschaft. Das Problem ist nicht, dass die Lösungen unbekannt wären. Das Problem ist, dass ihre Umsetzung unbequem ist – für Arbeitgeber, für den Staat, und ja, auch für viele Männer, die von der aktuellen Verteilung profitieren, ohne dass sie es je zugeben würden.
WELCHE VERBESSERUNGEN SINN MACHEN
Die Soziologin Jutta Allmendinger hat bereits 2017 ein bestechend einfaches Modell vorgeschlagen: 32 Stunden Arbeitswoche für alle. Ihre Rechnung: Addiert man die durchschnittlichen Arbeitszeiten von Männern und Frauen und teilt durch zwei, kommt man auf 32 Stunden, ohne dass dem Arbeitsmarkt insgesamt Stunden entzogen würden. Eine Umverteilung von Arbeit und Zeit, die Frauen ermöglicht, mehr zu arbeiten und Männern, mehr zu sorgen.
Die Publizistin Teresa Bücker argumentiert in ihrem Buch „Alle Zeit“ ähnlich grundsätzlich: Die Vereinbarkeit von Arbeit, Haushalt, Familie und politischem Engagement sei in der aktuellen Struktur schlicht unmöglich. Care-Arbeit sei der Kitt für die Gesellschaft – und wenn alle Vollzeit arbeiten und abends erschöpft auf dem Sofa liegen, fehlt genau dieser Kitt.
Was es braucht, ist ein Strauß aus Maßnahmen (kein Strauß zum Weltfrauentag): Weg mit dem Ehegattensplitting, welches das Zuverdiener-Modell strukturell belohnt. Eine Absage an den leistungsorientierten Lean-in-Feminismus, der in der Realität nicht umsetzbar ist. Her mit flächendeckenden, verlässlichen Betreuungsangeboten bis in den Nachmittag. Steuerliche Anreize für eine gleichmäßigere Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit. Homeoffice und flexible Arbeitszeiten und -orte nicht als Ausnahme, sondern als Standard. Führungspositionen in Teilzeit – nicht als Experiment, sondern als Normalfall. Ab 2026 ist eine steuerfreie Prämie für Teilzeitbeschäftigte geplant, die ihre Arbeitszeit ausweiten. Ein kleiner Schritt, aber ein Schritt. Denn die nächste Hort-Krankheitswelle kommt bestimmt. Und sie wird wieder Mütter treffen.