Achtsam mit den Medien!

Juni 2021 | Die Zeit | Eltern & Kind

Achtsam mit den Medien!

Eltern sind Vorbild – auch beim Medienkonsum. Wie sich Smartphone & Co. auf die kindliche Entwicklung auswirken und wie aus Kindern kompetente Mediennutzer:innen werden.

Illustration: Sabrina Müller-Wüsthoff
Iunia Mihu / Redaktion

Gehören Sie auch noch zur Generation, die ohne Smartphone aufgewachsen ist? Während sich ältere Jahrgänge digitale Kompetenzen erst aneignen müssen, wachsen unsere Kinder und Enkelkinder wie selbstverständlich in eine digitale Welt hinein. Smartphone, Tablet & Co. zu bedienen ist kinderleicht – schon Dreijährige wissen, wie sie auf Mamas oder Papas Handy scrollen müssen. Doch so langsam dämmert es uns, dass das nicht wirklich gesund ist fürs Kind. Mediziner vermuten schon länger, dass Smartphone & Co. die kindliche Entwicklung beeinträchtigen könnten – seit wenigen Jahren gibt es auch Studien dazu.

 

Probleme kann es bereits im Säuglingsalter geben. Ein Neugeborenes ist auf die Aufmerksamkeit seiner Eltern angewiesen, es sichert ihm quasi das Überleben. Für das Baby gibt es in den ersten Lebensmonaten, wie auch in den ersten Lebensjahren, nichts Wichtigeres als die Interaktion mit Mama oder Papa. Das fördert die Entwicklung und die Bindungsfähigkeit des Kindes – das Urvertrauen wird aufgebaut.

 

Schon Babys sind verunsichert

 

Wird aber dem Baby mütterliche oder väterliche Aufmerksamkeit verweigert, löst das beim Neugeborenen Stress aus. Das zeigt eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Psychologie. Mithilfe des „Still-Face“-Experiments wurde aufgezeigt, wie wichtig die Interaktion zwischen Mutter und Kind ist. Die Mutter wird dabei aufgefordert, plötzlich in ihrer Mimik zu erstarren und nicht mehr mit dem Säugling zu kommunizieren. Die meisten Babys reagieren auf das starre Gesicht der Mutter verunsichert und irritiert. Dann fordern sie die Mutter auf zu reagieren, indem sie strampeln, weinen oder mit Armen und Beinen wedeln. „Das Kind ist dabei deutlich gestresst“, schreiben die Autorinnen der Studie in ihrem Aufsatz „Der Blick zum Säugling – gestört durch Smartphones?“. Das Kind lernt dadurch, dass die Mutter nicht mehr verfügbar ist. „Ähnliche Reaktionen könnte der ständige Blick aufs Smartphone auslösen. Säuglinge könnten resignieren, weil die Lebendigkeit der Mimik fehlt und permanent dem Smartphone zugerichtet ist. Diese Hypothese bleibt noch wissenschaftlich zu erforschen“, schreiben die Studienautorinnen.

 

Auch die „BLIKK-Medien“-Studie aus Deutschland zeigt, wie gravierend sich Mediennutzung auf die kindliche Entwicklung auswirkt. Die Studie ist ein gemeinnütziges Projekt mehrerer Institutionen und Verbände, darunter auch der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte. Das Ziel: Die Medienkompetenz der Erziehungsberechtigten stärken. Denn nur wenn Eltern aufgeklärt sind, können sie das Nutzungsverhalten ihrer Kinder – und auch ihr eigenes – positiv beeinflussen. Die Studien-ergebnisse sind zudem für Mediziner:innen wichtig, um Eltern kün-
ftig besser rund umdas Thema Medienkonsum und die Folgen fürs Kind beraten zu können. Im Rahmen der Studie wurden mehr als 5.000 Eltern und deren Kinder zum Umgang mit digitalen Medien  befragt und im Rahmen der üblichen Früherkennungsuntersuchungen die körperliche, entwicklungsneurologische und psychosoziale Verfassung der Kinder dokumentiert.

 

Die Ergebnisse der BLIKK-Studie bestätigen, was Kinder- und Jugendärzte schon länger vermuten: Kinder zeigen eine Vielzahl an Entwicklungsauffälligkeiten, die in Zusammenhang mit der Nutzungsdauer von Medien stehen. Darunter zum Beispiel Sprachentwicklungsstörungen bei kleinen Kindern. Insbesondere in der Altersgruppe von acht bis 14 Jahren zeigt sich zudem ein Zusammenhang zwischen Lese- bzw. Rechtschreibe-Schwäche, Schlafstörungen, Aufmerksamkeitsschwäche und Aggressivität und einer fehlenden Kompetenz im Umgang mit digitalen Medien. Selbst Übergewicht, der Konsum von Süßgetränken und Kurzsichtigkeit wird mit frühem und übermäßigem Daddeln in Verbindung gebracht. Beunruhigend auch diese Zahl: Rund 75 Prozent der Kinder im Alter von zwei bis bis vier Jahren spielen bereits bis 30 Minuten mit Smartphones – dabei sagen Fachleute ganz klar: Smartphone & Co. sollten für Kinder bis drei Jahren tabu bleiben!

 

Wie viel Smartphone & Co. ist erlaubt?

 

Die Faustregel lautet: Je jünger ein Kind ist, desto weniger sollte es (digitale) Medien nutzen – unter drei Jahren am besten gar nicht. In den ersten drei Lebensjahren sollten es nur Bilderbücher sein, am besten gemeinsam anschauen und daraus vorlesen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche  Aufklärung (BzgA) empfiehlt für Kinder zwischen drei und sechs Jahren, höchstens 30 Minuten visuelle Medien (Fernsehen, Smartphone, Tablets, Spielkonsolen) pro Tag zu konsumieren. Zwischen sechs und zehn Jahren sollte der Medienkonsum  60 Minuten pro Tag nicht überschreiten. Vom Konsum verschiedener Medien bis hin zum eigenen Smartphone – klar ist: ohne Regeln geht es nicht.  

 

Wer heute Kinder erzieht, braucht vor allem eins: Medienkompetenz. Eltern müssen über die möglichen Folgen des Medienkonsums auf die eigene Gesundheit und die des Kindes Bescheid wissen – Aufklärung wird daher auch weiterhin immens wichtig sein und fängt eigentlich schon mit dem Schwangerschaftstest an. Denn gerade für jüngere Eltern ist das Smartphone allgegenwärtig. Es wird zunehmend auch Aufgabe der Hebammen, Gynäkologen und Kinderärzte sein, Eltern dahingehend zu informieren und zu sensibilisieren.

 

Eine wichtige Rolle nehmen auch Schulen ein, wenn es um den Erwerb von Medienkompetenz geht. Wurden früher Handys noch aus dem Unterricht oder gar vom Schulgelände verbannt, kommen digitale Medien heute immer mehr zum Einsatz – den Sprung ins kalte Wasser gab es für Schüler:innen und Lehrer:innen bereits im Corona-Lockdown. Lehrkräfte stehen vor einer riesigen Aufgabe: den Kindern einen sinnvollen und reflektierten Umgang mit neuen Medien beizubringen. Die wachsende Bedeutung der digitalen Medien im Unterricht wird sich künftig auch in den Bildungsplänen der Länder widerspiegeln. Medienerziehung lautet der Auftrag der Zukunft – dann werden aus Kinder auch kompetente Mediennutzer.