Der Preis der Daten

Dezember 2019 | Handelsblatt | Perspektiven 2020

Der Preis der Daten

Die Digitalisierung macht viele Vorgänge effizienter. Und damit, zumindest in der Theorie, auch nachhaltiger. Doch der weltweite Datenverkehr verschlingt auch große Mengen an Strom.

Illustration: Helena Pallaré
Klaus Lüber / Redaktion

Zum Einstieg ein kleines Gedankenexperiment. Stellen Sie sich vor, das Internet wäre ein eigenes Land. Bestehend aus sämtlichen Rechenzentren und Kommunikationsnetzwerken. Und nun ermittelt man den Energieverbrauch dieses Staates und vergleicht ihn mit denen anderer Nationen weltweit. Das Internet stünde auf Platz fünf!


1,5 bis 2 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs entstehen nach Schätzung von Greenpeace aus der Nutzung des Internets – bei einer jährlichen Wachstumsrate von zehn Prozent. Von 2005 bis 2010 stieg der Energieverbrauch sogar um mehr als die Hälfte an. Schon 2030, so prognostizieren Forscher der TU-Dresden, könnte das Surfen im Netz so viel Storm verbrauchen wie die gesamte Weltbevölkerung im Jahr 2011. Jede Suchanfrage bei Google, auch das eine interessante Hochrechnung, erzeugt im Schnitt einen CO2-Ausstoß von 0,2 Gramm, 1.000 Vorgänge damit schon die Verschmutzung eines PKW für eine ein Kilometer lange Fahrt. Fast vier Milliarden Anfragen bearbeitet Google täglich.


Solche Zahlen sind unangenehm, und zwar vor allem deshalb, weil sie so gar nicht in das so hoffnungsvolle Narrativ der technischen Lösbarkeit großer Zukunftsherausforderungen passt. Gilt doch gerade die Digitalisierung nach wie vor als hochwirksame Strategie, um unsere Welt zu einer nachhaltigeren zu machen. Wer auf dem Land lebt und sich Waren liefern lässt, muss nicht mit dem Auto in die Stadt fahren. Wer im Haus smarte Thermostate oder Stromzähler nutzt, kann Strom und Heizwärme einsparen. Und wer in der Stadt wohnt, braucht nicht mehr unbedingt ein eigenes Auto. Er nutzt Carsharing. Oder Bikesharing. Oder schwingt sich auf einen E-Scooter.


Die, vielleicht lange etwas verdrängte, Wahrheit ist aber: All diese Dinge verbrauchen Strom. Ohne Energie geht digital gar nichts. Und gerade weil die Digitalisierung so grundlegend in unser Leben eingreift und zunehmend auch ehemals analoge Vorgänge ersetzt, kommen die Energieeinsparpotenziale, die zweifellos vorhanden sind, nicht recht zum Tragen. Nämlich dann, wenn in Zukunftselbst das Ausknipsen der Schreibtischlampe von Alexa übernommen wird.


Und selbst wenn digitale Anwendungen rein rechnerisch einen Umweltnutzen brächten, ist die Frage, ob dies nicht drastische Nachteile auf anderer Ebene hätte. So könnte man dem Onlinehandel durchaus einen Nachhaltigkeitseffekt zusprechen. Schließlich können große, zentrale Lagerhallen energieeffizienter wirtschaften als eine Masse von Einzelhändlern. Das Problem: Die Kalkulation geht nur dann auf, wenn der Einzelhandel komplett aus den Innenstädten verschwunden wäre. Wem lebenswerte Innenstädte am Herzen liegen, kann diesen Trend natürlich kaum gutheißen. Gleichzeitig wächst der Lieferverkehr in den Metropolen massiv an, Bestellungen werden zunehmend auf viele kleine Sendungen verteilt. Verstopfte Straßen, Berge an Verpackungsmüll – mit einer nachhaltigeren digitalen Welt hat das nur wenig zu tun.


Wie weit hier leider aktuell Theorie und Praxis auseinanderklaffen, betont auch der Beirat Globale Umweltveränderungen in seinem im April dieses Jahres veröffentlichten Hauptgutachten. Der Bericht „Unsere gemeinsame digitale Zukunft“ macht deutlich, dass Nachhaltigkeitsstrategien und -konzepte im Zeitalter der Digitalisierung grundlegend weiterentwickelt werden müssen. Es mangele zwar nicht an rhetorischen Bezügen, insbesondere durch die Anwendung des Begriffs „smart“ auf jedes klimafreundlich zu transformierende Teilsystem der Industriegesellschaft – Smart Grids, Smart Cities, Climate-Smart Agriculture – so der Bericht. Doch die digitalen Ressourcen und Projekte würden bisher überwiegend für konventionelles Wachstum auf etablierten Märkten im internationalen Wettbewerb eingesetzt. „Im Großen wirken Digitalisierungsprozesse heute eher als Brandbeschleuniger bestehender nicht nachhaltiger Trends, also der Übernutzung natürlicher Ressourcen und wachsender sozialer Ungleichheit in vielen Ländern.“


Ein Beispiel ist das schon zitierte Thema „Carsharing“. Menschen könnten, so zumindest die Idee, ihr Auto in den Innenstädten abschaffen und dennoch mobil bleiben. Wertvoller Parkraum würde frei, die Luft besser, usw. Leider ist davon in der Realität bislang nur wenig zu erkennen. Im Gegenteil. In Berlin und Hamburg, beides Metropolen mit großen Sharing-Flotten, ist die Zahl der Privatautos innerhalb eines Jahres um 7,5 Prozent angewachsen. „Es gibt empirisch keinen Beleg, dass sich durch Carsharing und Digitalisierung der Straßenverkehr entspannt“, so Daniel Rieger, Mobilitätsexperte beim Naturschutzbund Nabu, gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Eher würden junge Leute durch die Angebote an das Auto als Transportmittel herangeführt und sich, sobald sie eine Familie gründen, dann doch einen eigenen PKW anschaffen.


Auch in einem weiteren Bereich, der Verwendung von Mobilitätsdaten zur Effizienzsteigerung der komplexen innerstädtischen Verkehrsflüsse, ist man noch nicht wesentlich weitergekommen. Die Hoffnung wäre, so predigen Mobilitätsexperten schon seit Jahren, sämtliche anfallende Bewegungsdaten miteinander zu koppeln, um beispielsweise den Öffentlichen Nahverkehr zu optimieren. Das Problem: Die meisten dieser Daten sind im Besitz privater Firmen, deren Priorität in der Gewinnmaximierung und nicht unbedingt Nutzung der Information zu Nachhaltigkeitszwecken liegen dürfte.


Die gute Nachricht: Wer für die richtigen, vor allem politischen, Rahmenbedingen sorgt, kann sehr wohl damit rechnen, dass die Digitalisierung ihr ganzes Potenzial in Hinblick auf eine lebenswertere Zukunft entfaltet. Der Beirat Globale Umweltveränderungen benennt nur einige von ihnen: Dekarbonisierung, Kreislaufwirtschaft, umweltschonendere Landwirtschaft, Ressourceneffizienz und Emissionsreduktionen, Monitoring und Schutz von Ökosystemen. Allerdings: Sehr viel Zeit sollten wir uns hierfür nicht lassen. Oder, wie es im Bericht „Unsere gemeinsame digitale Zukunft“ etwas nüchtern aber dafür umso präziser heißt: „Die rasche und umfassende Mobilisierung dieser Möglichkeiten einer digital getriebenen Nachhaltigkeitstransformation ist daher ein Imperativ.“