Ob maßgeschneiderte Lerninhalte, Sprachverarbeitung, adaptive Lerntechnologien, die auf persönlichen Wissenstand und Lernstil eingehen oder intelligente Tutoren-Systeme, Datenanalysen und automatisierte Bewertungen – Künstliche Intelligenz spielt eine zunehmende Rolle im Bildungswesen von Schule bis Berufsalltag. Sie ermöglicht es zahlreiche Lernbereiche schneller und professioneller zu machen: Lerninhalte zu erstellen, zu personalisieren, zu analysieren, auszuwerten, Sprachbarrieren zu überwinden und einen besseren Zugang zu Bildung zu schaffen.
Besonders große Unterstützung bietet KI laut Joachim Giese bei der Beratung: „Früher mussten sich Berater sorgfältig vorbereiten, heute kann er den KI-Assistenten so füttern, dass er das ad hoc machen kann, wenn er im Hintergrund läuft.“ Giese arbeitet seit neun Jahren als Vorstand für einen Weiterbildungsanbieter und ist Vorstandsmitglied beim Bundesverband der Träger beruflicher Bildung (BBB). KI habe nicht nur die Materialerstellung revolutioniert, sondern auch das Abfragen von Wissen: „Zuvor haben Lehrende mit limitierter Zeit nur Multiple-Choice-Fragen stellen können, dank KI geht das inzwischen auch mit Freitext-Fragen“, so Giese, „da die Antworten mit weniger Zeiteinsatz und zugleich besser beurteilt werden können.“
KI-Anwendungen haben Freiräume für Lernende und Lehrende geschaffen, stellen uns aber auch vor Herausforderungen. Vor allem vor die Frage, wie KI-Systeme verantwortungsvoll und ethisch fair genutzt werden können, ohne das Gemeinwohl zu gefährden oder Menschenrechten zu widersprechen. Die UNESCO hat daher eine KI-Bildungsinitiative gestartet und fordert mit Artikel 106, dass „Mitgliedstaaten Lehrpläne für KI-Ethik für sämtliche Bildungsniveaus entwickeln und sich dafür einsetzen, dass die Vermittlung technischer KI-Fähigkeiten und die Behandlung humanistischer, ethischer und sozialer Aspekte der KI-Bildung miteinander verknüpft werden“ und mit Artikel 104, dass „KI den Lernprozess unterstützen sollte, ohne kognitive Fähigkeiten einzuschränken und ohne sensible Informationen zu extrahieren.“
Auch Giese hält es für unabdingbar, dass KI in einem geschützten Raum verwendet wird, auch um Daten- und Jugendschutz zu gewährleisten und Missbrauch zu vermeiden. „Je mehr wir die KI in die Hand nehmen, desto mehr haben wir es in der Hand“, sagt Giese vom BBB. Recherchiert man zum Thema, wird häufig als wichtig für die Gewährleistung des Datenschutzes genannt: Transparenz, Datenminimierung, Anonymisierung, Sensibilisierungsschulungen, Einholen von Einwilligungen, Zugangssteuerung, Nutzung sicherer Plattformen, Einhaltung gesetzlicher Vorgaben, Feedback-Mechanismen und regelmäßige Bewertungen. Als Maßnahmen, um den Jugendschutz sicherzustellen: transparente Algorithmen, inhaltliche Kontrolle, Überwachung von Anbietern, Einhalten der Privatsphäre, Einbezug der Eltern, ethische Richtlinien, Aufklärung und Schulungen sowie Monitoring und Feedback.
»Lernen ist auch etwas Soziales und das ist essentiell für die Lernkompetenz.«
Damit nicht genug: Nicht nur KI-Anwendungen sollten eingegrenzt werden, sondern haben auch selbst ihre Grenzen und sollten daher nicht ausschließlich genutzt werden. „KI allein reicht nie aus“, sagt Giese vom BBB, „es braucht immer eine Betreuung durch Expertinnen oder Experten.“ KI hilft beim Recherchieren, Erstellen von Präsentationen oder Verfassen von Mails, aber erspart niemals den Lernprozess. Sprich: zu schauen, inwieweit haben sich die Lernenden mit den Inhalten individuell auseinandergesetzt, beispielsweise mit anderen darüber ausgetauscht oder ihr Wissen angewendet und weitergegeben. „Es kommt nicht auf das Ergebnis an, sondern auf den Prozess“, so Giese, „denn der hat eine andere Tiefe des Lernens.“ Seiner Meinung nach herrscht derzeit ein großes Missverständnis in der Bildung: dass diese durch Nugget-Lernen, quasi Häppchen-Lernen von kompakten Lerneinheiten für ein spezifisches Lernziel, gewährleistet werden kann. Das sei aber nicht der Fall. „Reine Wissensvermittlung reicht nicht aus“, betont Giese, „denn Lernen ist auch etwas Soziales und das ist essentiell für die Lernkompetenz.“ Insbesondere im beruflichen Kontext, wo Wissen direkt ausprobiert und angewendet werden soll. Laut Giese ist das die eigentliche Revolution, die bei KI in der Bildung vor uns steht, dass sich Lernen durch KI stark verändert hat: Wir können nicht mehr davon ausgehen, dass wir etwas lernen und damit fertig sind und quasi ausgelernt haben. Wir müssen permanent etwas lernen und etwas verändern. Das hat uns die Digitalisierung, die Giese von Anfang an begleitet hat, gezeigt und die KI umso mehr. „Statt reiner Wissensvermittlung, denn das kann die KI durch einen Tutor machen, beispielsweise indem er Lernenden Inhalte anbietet, sie wiederholt und Fragen dazu stellt – sich also ihrem Lernverhalten anpasst, sodass sie das Wissen drauf haben – sind Lehrende keine Vortragende mehr, sondern Begleitende, die dafür sorgen, dass Lernende sich individuell mit einem Thema beschäftigen und einen Transfer leisten“, so Giese. Wir kommen also wieder zum Lernen wie bei Sokrates zurück, wo jeder seinen eigenen Lehrer hat. In Zeiten von KI sollte das auch bei Prüfungen berücksichtigt werden.
Deutschland ist bei dem Umgang mit KI-Anwendungen für die berufliche Weiterbildung laut Expertinnen und Experten gut aufgestellt. Große Teile sind vor allem durch den 2024 eingeführten AI-Act, der als erstes weltweites Gesetz zur Regulierung von KI gilt, festgelegt. Ansonsten gibt es viele Freiheiten, KI im Bildungswesen einzusetzen, da sie große Möglichkeiten für dieses bietet. „Wenn wir nicht zu ängstlich sind“, sagt Giese. Er findet, dass der Datenschutz in Deutschland zu häufig als ein Hindernis gesehen wird. „So wichtig er ist, sollten wir uns nicht fragen, ob wir es mit ihm hinbekommen, sondern wie“, findet Giese. Denn laut ihm gibt es immer einen guten Weg, KI nutzen zu können. Er ist neu und funktioniert anders als mit den gewohnten Bildungsmethoden. „Aber wenn wir nur auf die herkömmlichen Systeme setzen“, sagt Giese, „können wir die Transformation, die uns bevor steht, nicht bewältigen.“