Herr Scheel, Deutschlands Industrie ist für ihre Produkte und ihr technologisches Know-how bekannt. Aber wie zukunftsfähig sind die im Hintergrund laufenden digitalen Strukturen der Unternehmen?
Entscheidend ist, wie effizient, agil und datengetrieben Unternehmen arbeiten und wie schnell sie auf Veränderungen reagieren. Dafür brauchen sie robuste digitale Strukturen und durchgängige Prozesse. Standardisierung und Automatisierung können dabei helfen, schneller und flexibler zu werden. Da gibt es in der deutschen Industrie noch großes Potenzial.
Viele Firmen stellen derzeit ihre SAP-Systeme auf S/4HANA um. Warum sind diese Transformationen so schwierig?
Oft beginnt ein solches Projekt aus technischem Zwang, weil ein Altsystem abgelöst werden muss. Aber die Transformation ist eine strategische Aufgabe. Systeme und Daten sind über Jahrzehnte gewachsen, Prozesse komplex und heterogen. Zugleich nehmen sich Unternehmen oft zu viel vor und überschätzen, was ihre Organisation bewältigen kann. Wir haben verschiedene Studien ausgewertet. Unsere Lesart: Von einer Transformationsambition, die bei 100 Prozent liegt, kommen häufig nur 30 bis 40 Prozent Wirkung an.
Wie lässt sich das verhindern?
Wir nennen unseren Ansatz „Fast Value“. Große Ambitionen sind richtig, aber sie müssen in umsetzbare Schritte aufgeteilt werden, die schon auf dem Weg zum Gesamtziel Nutzen bringen. Solche Programme laufen über Jahre und können dreistellige Millionenbeträge kosten. Entscheidend ist deshalb nicht, nach zwei Jahren eine einzelne Landesgesellschaft auf das neue System gebracht zu haben. Ein relevanter Anteil des Firmenumsatzes muss möglichst früh von der neuen Plattform profitieren – dauert eine Transformation zehn Jahre, hat sich die Welt längst verändert und die Technologie ihren Innovationsbeitrag verloren. Wie bei einem Smartphone, das man jetzt kauft, aber erst in fünf Jahren verwendet.
Nun kommt auch noch KI hinzu. Macht sie die Transformation zusätzlich komplizierter?
KI erhöht die Komplexität, bietet aber zugleich große Chancen. Firmen werden sie brauchen, um Prozesse stärker zu automatisieren – gerade angesichts von Fachkräftemangel und Kostendruck. Deshalb gehört KI heute in das Zielbild einer neuen Unternehmensplattform. Dabei ist längst nicht für jeden Geschäftsprozess klar, wie KI sinnvoll eingesetzt werden kann. Vor allem bei unternehmensspezifischen Abläufen braucht KI ein solides Fundament. Eine Bilanz muss stimmen – nicht irgendwie, sondern ganz genau. Voraussetzung sind saubere Daten, klare Strukturen und robuste Prozesse.
Was machen Unternehmen richtig, denen solche Transformationen gelingen?
Sie priorisieren nach Geschäftswert. Es geht nicht darum, jeden Ablauf zu standardisieren oder zu harmonisieren. Man muss dort ansetzen, wo tatsächlich Mehrwert entsteht. Erfolgreiche Firmen setzen klare Prioritäten und verlangen früh greifbare Ergebnisse, die in der Breite des Unternehmens wirken. Eine Transformation darf nicht jahrelang Ressourcen binden, bevor sie dem Geschäft etwas bringt.
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