»Freiheit ist unser Geschäftsmodell«

Während die deutsche Wirtschaft auf die großen KI-Anbieter blickt, geht sipgate-Gründer Tim Mois einen radikal eigenen Weg.

Baut auf eigene KI-Infrastruktur: sipgate-Gründer Tim Mois in Düsseldorf
Baut auf eigene KI-Infrastruktur: sipgate-Gründer Tim Mois in Düsseldorf
sipgate Beitrag

Herr Mois, sipgate entwickelt Telefonie-Lösungen auf eigener technologischer Basis und ist dadurch weitgehend unabhängig von der aktuellen Geopolitik. Weitsicht oder einfach nur Glück?

Angesichts der Weltlage würde ich nicht von Glück sprechen. Aber „Choose Freedom“, also die bewusste Entscheidung für Unabhängigkeit, ist seit 20 Jahren Teil unserer DNS. Wir wollten uns nie in die Hand eines Anbieters begeben, dessen Produktpolitik wir nicht kontrollieren können. Dabei bleiben wir pragmatisch und bauen nicht plötzlich eigene KI-Basismodelle, nur damit wir uns ein Europa-Label anheften dürfen. Uns ist wichtiger, immer das beste Tool auszuwählen und im Zweifel ersetzen zu können.
 

Wie man auf LinkedIn lesen kann, läuft Ihre Softwareentwicklung seit Neuestem auf eigenen KI-Tools. Ist das überhaupt effizient?

Es ist zunächst eine Umstellung und unsere Entwickler:innen müssen liebgewonnene Workflows neu denken, das stimmt. Und ja, die Open-Weight-Modelle sind noch nicht in allen Aspekten so komfortabel wie das Frontier-Modell von Anthropic. Aber der strategische Gewinn ist ungleich höher: Wir bauen weitere Kompetenz im Umgang mit KI auf, verstehen ihre Stärken und Schwächen, und wir sind wieder ein Stück weniger fremdbestimmt. Der wahre Wert von KI liegt in der Anwendung, nicht im Modell.
 

So haben Sie kürzlich den KI-Telefonagenten sona vorgestellt, den sie für Einsteiger unter bestimmten Voraussetzungen sogar zum Nulltarif anbieten. Wie ist das möglich?

Indem wir unsere Kostenstruktur selbst in der Hand haben. Der kostenlose Einstieg bei sipgate sona wird durch unsere eigenen, für Sprachanwendungen optimierten Open-Weight-Modelle in unseren eigenen Rechenzentren möglich. Die Vorteile können wir direkt an den Mittelstand weitergeben und reißen so die letzte Hürde für den KI-Einstieg ein.

Seit 2004 entwickelt sipgate VoIP-Lösungen für den Mittelstand.
Seit 2004 entwickelt sipgate VoIP-Lösungen für den Mittelstand.

Der Markt für KI-Bots wirkt überlaufen. Braucht es noch einen weiteren?

Es gibt viele Angebote, aber wenig brauchbare Lösungen für den Mittelstand. Der hatte bislang die Wahl zwischen der unbezahlbaren Enterprise-Lösung oder dem komplexen Prompt-Baukasten. In diese Lücke stoßen wir mit sona. Er ist nicht für den Konzern oder Coder gebaut, sondern für den Online-Händler oder die Hausverwaltung. Der Unterschied ist, dass wir das technische Risiko rausnehmen: Unternehmen benötigen keine KI-Expertise, sondern es reicht ihr fachliches Know-how. Der Markt ist laut und unübersichtlich und braucht genau deshalb einen Standard, der einfach funktioniert. Das ist sona.
 

Die grundsätzliche Frage bleibt: Wollen Menschen das überhaupt? Auf der einen Seite stehen schlechte Erfahrungen mit Bots. Auf der anderen fürchten Mitarbeitende um ihre Jobs.

Das ist der wunde Punkt: Das Vertrauen ist durch zu viele schlecht gemachte Automatisierungen beschädigt. Die Antwort kann nur in radikaler Transparenz liegen. Heißt, offenlegen, dass Kund:innen mit einer KI sprechen und ihnen die Wahl geben, ob sie ihr Anliegen sofort klären wollen oder einen Rückruf bevorzugen. Sobald die KI die schnellere Alternative ohne Zwang ist, steigt die Akzeptanz. Für Mitarbeitende gilt das Gleiche: sona ist kein Ersatz, sondern der beste Assistent, den sie je hatten. Es geht darum, die Standard-Anfragen wegzubekommen, damit sich menschliche Expert:innen auf die Fälle konzentrieren, die Fingerspitzengefühl erfordern. Und die werden eher mehr, wenn Produkte immer komplexer werden.
 

Das führt zur Frage der Agentic Transformation. Was unterscheidet diese von der effizienten Automatisierung?

Automatisierung ersetzt, was ein Mensch tut. Mit der Agentic Transformation erweitern wir die Fähigkeiten von Mitarbeitenden. Das kann in Form einer vereinfachten Abfrage über eine große Bandbreite von Unternehmensdaten sein, oder ein KI-Agent, der Workflows überwacht und auf Blockaden hinweist. Bei sipgate haben wir zahlreiche dieser Agenten im Einsatz. Ziel ist es nicht nur, schneller zu werden, sondern das menschliche Team als Ganzes noch klüger und selbstorganisierter zu machen.
 

Wie hat diese Transformation ihre persönliche Haltung als Unternehmer verändert?

Ich habe Technologie nie als neutral verstanden, sondern immer als Ausdruck einer gelebten Haltung. Die Entscheidung für die eigene Infrastruktur war keine technische, sondern eine für die unternehmerische Freiheit. Meine Rolle geht zunehmend dahin, die Prinzipien zu definieren, nach denen wir Technik auswählen.
 

Wenn Künstliche Intelligenz zur Infrastruktur wie Strom wird, welche Rolle spielt sipgate künftig?

Dann sind wir der vertrauenswürdige Versorger, der Unternehmen mit sauberen, sicheren und innovativen Lösungen hilft, die Kommunikation mit ihren Kund:innen zu verbessern.
 

ÜBER SIPGATE SONA

sipgate sona ist der KI-Telefonagent, der speziell für kleine und mittlere Unternehmen entwickelt wurde. Das Produkt baut typische Einstiegshürden von KI wie hohe Kosten und technische Komplexität ab. Anwender:innen können sona ohne Programmier- oder KI-Wissen konfigurieren. Ein kostenloses Einstiegspaket mit 500 Inklusivminuten pro Monat ermöglicht den risikofreien Start.
 

ÜBER TIM MOIS

TIM MOIS gründete sipgate 2004 gemeinsam mit Thilo Salmon in Düsseldorf. Als erster Anbieter Deutschlands brachten sie das Festnetz ins Internet (VoIP). Mit rund 270 Mitarbeitenden entwickelt sipgate heute Voice-AI-Lösungen für mehr als 40.000 Unternehmen in Deutschland und verarbeitet jährlich über eine Milliarde Gesprächsminuten. Seine Erfahrungen mit Künstlicher Intelligenz hat Mois zuletzt im Buch „21 Work Hacks für eine Agentic Transformation“ aufgeschrieben. Über die agile und leane Arbeitsweise von sipgate handelt sein Buch „24 Work Hacks“ von 2016.
 

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