Eine kurze Geschichte der Zinsen

Februar 2021 | Die Welt | Geld

Eine kurze Geschichte der Zinsen

Warum sind sie so niedrig? Wann werden sie wieder steigen? Und warum gibt es sie überhaupt?

Illustrationen: Jasmin Mietaschk
Mirko Heinemann / Redaktion

Sparschwein, Sparstrumpf, Sparverein: Die Deutschen sind traditionell ein Volk von Sparern. Und sie sind zunehmend genervt von den niedrigen Zinsen. Geld, das auf dem Sparbuch oder Tagesgeldkonto liegt, vermehrt sich so gut wie gar nicht. Im Gegenteil, nagt doch die Inflation an dem Ersparten und lässt dessen Wert langsam aber sicher schrumpfen. Wann hört das auf? Wann zahlt die Bank ihren Kunden endlich wieder einen Lohn dafür, dass sie mit deren hart erarbeitetem Geld Geschäfte machen kann?

 

Laut Bibel geht der Zehnte an Gott

Bevor wir dazu kommen: Was sind eigentlich Zinsen? Um zu verstehen, warum deren Niveau derart schwanken kann, sollten wir uns erst einmal mit den Grundlagen befassen. Die Idee, dass überhaupt Zinsen auf Kapital fällig werden, liegt offenbar tief im Ordnungsrecht verankert. In der Bibel etwa wird die Zinszahlung als Grundpflicht vorausgesetzt. Um das Land nutzen zu dürfen, um Dankbarkeit für Schutz und Kleidung auszudrücken, gelobt der Himmelsleiter-Visionär Jakob, Gott von allem „gewiss den zehnten Teil zu geben.“ Später wurde dieser Anteil im so genannten mosaischen Gesetz festgeschrieben. Die Israeliten gaben dem Herrn einen Zehnten ihrer Ernte und des Viehs, als Dank für dessen Schutz und Gaben. Der „Zehnte“, also eine Abgabe von zehn Prozent pro Jahr, meist in Naturalien, zog sich dann durch die europäische Gesetzgebung, als Lehen, Miete, Pacht, Steuer oder eben als Zins.

 

Die Römer beschränkten den Zinssatz für Darlehenszinsen auf maximal 8,5 Prozent pro Jahr. Daher stammt auch das Wort Zins, nämlich aus dem lateinischen „Census“, es bedeutet übersetzt „Schätzung“. Im Mittelalter wurden mit Zins die zu entrichtenden Abgaben an Grundherren und Kirche bezeichnet. Heute wird der Begriff vor allem im Zusammenhang mit Geldkapital verwendet

 

Die Berechtigung, für verliehenes Geld Zinsen zu verlangen, war lange umstritten. Aristoteles etwa forderte in der Antike ein Zinsverbot. Nach seiner Auffassung war Geld zum Tauschen erfunden worden und nicht, um es durch Zinsen zu vermehren. Im Kanonischen Recht, dem Recht der katholischen Kirche, war es Christen untersagt, Zinsen zu nehmen. Daher traten in Europa besonders Juden als Geldverleiher und schließlich als Bankiers in Erscheinung – zudem war es europäischen Juden untersagt, ein Handwerk auszuüben. Das Zinsverbot wurde erst im Jahre 1822 endgültig abgeschafft. In vielen islamischen Ländern gilt es heute noch, dort werden Bankgeschäfte über Gebühren abgerechnet.

 

Heute werden Zinsen entweder per Vertrag (Vertragszinsen) oder per Gesetz (gesetzliche Zinsen) vereinbart. Paragraph 246 des Bürgerlichen Gesetzbuches besagt: „Ist eine Schuld nach Gesetz oder Rechtsgeschäft zu verzinsen, so sind vier vom Hundert für das Jahr zu entrichten, sofern nicht ein anderes bestimmt ist.“ Erheblich überhöhte vertragliche Zinsen sind sittenwidrig und können deshalb zur Nichtigkeit des Geschäftes oder zur Strafbarkeit wegen Wucher führen.

 

Und was ist nun mit dem Zins auf Kapitaleinlagen bei Banken? Den geben die Notenbanken der Länder vor, im Euroraum die Europäische Zentralbank EZB. Der „Leitzins“ bildet zusammen mit der Kreditpolitik ein Mittel zur Steuerung der Volkswirtschaft. In Zeiten von Wirtschaftswachstum erhöhen Notenbanken die Zinsen, um zu verhindern, dass sich die Konjunktur überhitzt. In wirtschaftlich schwachen Phasen senken sie die Zinsen, um Investitionen anzukurbeln und die wirtschaftlichen Folgen des Abschwungs zu begrenzen.

 

Dass die Leitzinsen in der gesamten Welt derzeit so niedrig sind, haben wir vor allem der letzten Banken- und Finanzkrise zu verdanken. Infolge dieser Krise senkten die großen Zentralbanken die Leitzinsen – also nicht nur die EZB, sondern auch die amerikanische Notenbank FED und die Zentralbanken von Japan und Großbritannien. Die Dauer und das Ausmaß der derzeitigen Niedrigzinsphase ist allerdings beispiellos: Seit 2008 sank der EZB-Leitzinssatz fast kontinuierlich von damals 4,25 Prozent auf heute 0 Prozent. Der sogenannte Einlagensatz, den Geschäftsbanken zahlen, wenn sie überschüssige Gelder bei der Notenbank parken, liegt derzeit sogar im Minus. Sie müssen 0,5 Prozent im Jahr zahlen, um ihr Kapital dort anlegen zu dürfen.

 

Investoren profitieren vom niedrigen Zins

Während Sparbuchsparer und Tagesgeldbesitzer wegen der unter dem Inflationssatz liegenden Zinsen Geld verlieren, profitieren alle diejenigen, die investieren. Das sind etwa Immobilienkäufer und Häuslebauer. Sie können hohe Kredite mit langen Laufzeiten zu extrem günstigen Konditionen abschließen. Auch Konsumgüter sind derzeit günstig, die niedrigen Zinsen wirken sich auf Kredite und Leasingraten aus.   

 

Ein weiterer Grund für die Niedrigzinspolitik ist die hohe Staatsverschuldung vieler Volkswirtschaften. Für ihre Schulden müssen die Staaten Zinsen bezahlen und allein diese Schuldzinsen belasten viele Staatshaushalte enorm. Sind die Zinsen sehr niedrig, können die Haushalte wesentlich leichter konsolidiert werden. Das betrifft nun mit der Corona-Krise längst nicht mehr nur die hoch verschuldeten europäischen Staaten des Südens – auch Deutschland wird sich aufgrund der Coronahilfen hoch verschulden. Zum Glück kann die öffentliche Hand neue Schulden quasi zum Nulltarif aufnehmen.

 

Diese Rahmenbedingungen sprechen nicht dafür, dass die Zinsen rasch steigen werden. Kapitalanleger, die Rendite erzielen wollen, werden sich zwangsläufig neu orientieren müssen. Das tun auch viele bereits. Sie investieren ihr Erspartes in Unternehmensanteile, Sachwerte oder Investmentfonds und partizipieren so an dem Aufschwung der Wirtschaft, der ebenfalls durch die niedrigen Zinsen getrieben wird. Dazu rät das Deutsche Aktieninstitut seit langem: „Statt Tagesgeld, Sparbuch & Co. helfen Aktien-Sparpläne Jung und Alt bei Vermögensaufbau und Altersvorsorge“, erklärt der Verein, der sich die Förderung der Aktienkultur in Deutschland auf die Fahne schreibt.

 

Der Erfolg ist überschaubar. Der langfristige Trend zeige zwar stabil aufwärts, so das Institut, denn im Vergleich zu 2010 sparen heute rund 1,3 Millionen Menschen mehr in Aktien oder Aktienfonds. Aber insgesamt sind es immer noch nur 15,2 Prozent der Bürger, die Aktien oder Aktienfonds besitzen. Bis aus Sparern überzeugte Aktionäre werden, scheint es ein langer Weg.