Das Karlsruher Prinzip

Dezember 2019 | Wirtschaftswoche | Der starke Mittelstand

Das Karlsruher Prinzip

In Karlsruhe stellt man mit der Initiative karlsruhe.digital die Weichen für die Zukunft, gemeinsam im Schulterschluss von Politik, Wissenschaft und Wirtschaft, und ist damit außerordentlich erfolgreich.

Schlosslichtspiele Karlsruhe
karlsruhe.digital / Anzeige

Ein Gespräch mit den drei Vorsitzenden der Initiative.


Frau Luczak-Schwarz, bei den Stichwörtern „Digitalstandort“ und „Start-up-Szene“ denkt man in Deutschland eigentlich immer sofort an Berlin. Warum lohnt es sich, diesbezüglich seinen Horizont zu erweitern?
Natürlich hat Berlin mit Blick auf die beiden Stichwörter viel zu bieten – schließlich reden wir hier über unsere Hauptstadt. Das heißt jedoch nicht, dass überall sonst in Deutschland dahingehend wenig getan wird. Im Gegenteil: Innovation ist seit jeher tief in der DNA von Karlsruhe verankert. Das belegt auch eine Studie der EU, die Karlsruhe auf Platz 4 der wichtigsten IT-Standorte in Europa direkt hinter London, Paris und München sieht.
 

Herr Prof. Hirth, welchen Anteil hat die Wissenschaft an dieser exzellenten Platzierung innerhalb Europas?
Aus meiner Sicht ist der Zugang zu erstklassiger Forschung und Lehre sowie zu Universitäten und Forschungseinrichtungen für eine herausragende Platzierung essenziell. Und genau das zeichnet Karlsruhe aus: Wir haben starke Hochschulen und Forschungseinrichtungen und arbeiten intensiv an den Themen von morgen und übermorgen. Erst im Juli wurde das Karlsruher Institut für Technologie erneut als Exzellenzuniversität ausgezeichnet. Damit erhöhen wir die Sichtbarkeit und Attraktivität des Digitalstandorts Karlsruhe immens – für die Studierenden, die Wirtschaft und die Region.
 

Wissenschaft und Politik sind sich ohnehin nahe. Warum ist es Ihrer Meinung nach auch für die Wirtschaft wichtig, sich für eine Stadt oder Region zu engagieren, Herr Hubschneider?
Ein gemeinsames Wir ist stärker als ein isoliertes Ich. Das erlebe ich in meinem eigenen Unternehmen, der CAS Software AG, und auch im Rahmen meiner anderen Vorstandsämter. Zudem sehe ich eine große Gefahr und damit die Notwendigkeit, mich zu engagieren. Digitalisierung und Vernetzung sind der Megatrend unserer Zeit und durchdringen als Querschnittstechnologien einfach alles. Für viele kommt IT jedoch noch immer aus dem Silicon Valley und zunehmend auch aus China. Das ist für die meisten globalen Plattformangebote auf Konsumentenseite durchaus richtig. Das Bild bei Lösungen für Unternehmen ist jedoch ein anderes: Gerade der Mittelstand kauft mehrheitlich vom Mittelstand und benötigt an lokale Bedürfnisse angepasste Lösungen. Wir müssen es daher als unser gemeinsames europäisches „Moonshot-Programm“ verstehen, zu verhindern, dass wir nicht von außereuropäischen Anbietern abhängig werden.
 

Die Notwendigkeit haben Sie aufgezeigt. Aber Hand aufs Herz: Wie gut funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft in der Realität, Frau Luczak-Schwarz?
Die Zusammenarbeit funktioniert wirklich außerordentlich gut. Wir nennen es das Karlsruher Prinzip. Denn unsere Stadt und die Region mit der Initiative karlsruhe.digital als Motor der Digitalisierung weiterzuentwickeln, steht tatsächlich über allen anderen individuellen Interessen. Es ist ein gemeinsames Ziel, von dem alle Akteure profitieren. Zudem bringt jeder Bereich sein ganz eigenes Know-how in Projekte mit ein, womit wir die Schlagkraft deutlich erhöhen und Ideen und Konzepte schnell und zielführend umsetzen können.
 

Haben Sie dafür ein Beispiel?
Nicht nur eins! Aber exemplarisch möchte ich zwei Projekte hervorheben: Die vom Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration des Landes Baden-Württemberg geförderte Karlsruhe-App und unsere neue Tourismusinformation, die mit ihren digitalen Erlebniswelten zu der modernsten Tourist-Information Deutschlands zählt. Mit der Multifunktions-App mit dem Arbeitstitel „digital@KA“ bekommen unsere Bürgerinnen und Bürger künftig nicht nur Zugang zu den digitalen Verwaltungsleistungen, sondern auch gezielte Tipps, in welcher Buchhandlung sie beispielsweise ihr Wunschbuch erhalten oder eine kurze Info, dass es noch freie Plätze im Badischen Staatstheater Karlsruhe gibt – je nach individuellen Vorlieben. Der Prototyp der App wird bereits ausgiebig getestet.
 

Herr Prof. Hirth, Frau Luczak-Schwarz sprach vom „Karlsruher Prinzip“, dieser engen Verbundenheit der verschiedenen Akteure. Können Sie das unterstreichen?
Absolut. Diese enge Zusammenarbeit habe ich in der Form anderswo tatsächlich noch nicht erlebt. Es gibt eine gemeinsame Plattform, dieselben Ziele und genau deshalb sind auch die Voraussetzungen so gut, Karlsruhe zu einem der führenden Digitalstandorte zu machen. Wir waren kürzlich mit einer Delegation in den USA und Kanada und haben rund 80 Alumni des KIT im Silicon Valley getroffen. Das unterstreicht, welche wichtigen Impulse auch personell aus Karlsruhe kommen. Auf der anderen Seite liegt der Anteil ausländischer Studierenden am KIT bei rund 25 Prozent. Bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wie Studierenden sind in Summe mehr als 120 Nationen vertreten. Der exzellente Ruf unserer Stadt wird also auch international gehört.
 

Herr Hubschneider, wie profitiert der Mittelstand ganz konkret von einem derart starken Netzwerk wie karlsruhe.digital?
karlsruhe.digital muss man als Meta-Netzwerk von starken, unabhängigen Partnern mit einem gemeinsamen Zukunftsbild verstehen, wo neben Forschung, Wirtschaft und Politik auch die Kultur eine wichtige Rolle spielt. Die vielen kleinen und mittelständischen IT-Unternehmen sind durch das gemeinnützige CyberForum e.V. stark vertreten. Mit seinen über 1.200 Mitgliedern und 60 Mitarbeitenden wurde es als europaweit führend ausgezeichnet und leistet beispielsweise privat organisierte Wirtschaftsförderung bei der Gründung und Entwicklung von IT-Unternehmen. Wir haben in diesem Jahr zudem zum ersten Mal die „Bunte Nacht der Digitalisierung“ veranstaltet. Und die Rückmeldung zum Mehrwert unterstreicht, dass die Akteure – ganz besonders der Mittelstand – von der Aufmerksamkeit und Magnet-Wirkungen unserer Aktivitäten profitieren – nicht zuletzt, weil sie als attraktive Arbeitgeber für Fachkräfte in Erscheinung treten und sich dementsprechend präsentieren können.
 

Frau Luczak-Schwarz, wie passt das Thema Kultur zur Initiative karlsruhe.digital?
Letztendlich geht es bei unserem gesamten Engagement immer auch darum, Menschen eine lebenswerte Zukunft in unserer Stadt zu ermöglichen. Die Kultur ist hierzu ein wichtiger Baustein. Denn was bringt es, wenn Sie talentierte Fachkräfte in den Unternehmen vor Ort sowie den Hochschulen ausbilden, diese dann aber abwandern? Mit dem ZKM | Zentrum für Kunst und Medien haben wir eine weltweit einzigartige Kulturinstitution in Karlsruhe, auf die wir sehr stolz sind. Und mit den Schlosslichtspielen Karlsruhe bieten wir jährlich ein tolles digitales Erlebnis auf unserer Schlossfassade im XXL-Format.
 

Digitalisierung sehen und erleben


Die Initiative karlsruhe.digital vereint Karlsruher Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Verwaltung mit dem Ziel, Karlsruhe als Motor der Digitalisierung voranzutreiben. Rund 150 Expertinnen und Experten aus über 50 Institutionen arbeiten unter dem Dach der Initiative zusammen. In Arbeitskreisen werden die digitalen Erfolgskriterien des Standortes analysiert und weiterentwickelt. karlsruhe.digital bündelt Expertenwissen und fördert Vernetzung. So kann die digitale Zukunft Karlsruhes mit Impulsen aus allen Bereichen der Stadtgesellschaft aktiv gestaltet werden. Mit der Bunten Nacht der Digitalisierung machte karlsruhe.digital 2019 mit über 100 Partnern Digitalisierung in Karlsruhe für rund 6.000 Besucherinnen und Besucher sicht- und erlebbar.
 

www.karlsruhe.digital