Hoffnungsträger Schiene

Oktober 2021 | Capital | Mobilität der Zukunft

Hoffnungsträger Schiene

Die Eisenbahn ist wichtig, um den Verkehrssektor nachhaltiger zu machen. Nun sind erneut politische Initiativen gestartet, um die Schiene auszubauen.

Illustration: Wyn Tiedmers
Axel Novak / Redaktion

Anfang Oktober, vormittags in Hamm, Westfalen: Der dortige Güterbahnhof ist eher kein Symbol für Aufbruch. Die Anlage versinkt seit Jahren in stiller Bedeutungslosigkeit. Die Güterströme fließen längst woanders, auf der Autobahn A2 zum Beispiel, ein paar Kilometer weiter südlich.

 

Das aber soll sich nun ändern an diesem Oktobertag. „In Hamm entsteht ein westfälisches Modell deutscher Möglichkeiten“, kündigt Sigrid Nikutta, Chefin der Güterbahn DB Cargo, an: „Die DB kehrt mit dem Schienengüterverkehr in die Fläche zurück.“ Auf fast 60 Hektar Fläche sollen Schiene, Straße und Wasserstraße miteinander verknüpft werden und eine Logistikdrehscheibe formen.

 

„Deutschland muss wieder Bahnland werden“, sagt auch NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst. „Dazu gehört die Verlagerung von Güterverkehren von Lkw auf die Schiene und Wasserstraße. Mit der Transformation des ehemaligen Rangierbahnhofs zur multimodalen Verkehrsdrehscheibe wird in der traditionsreichen Eisenbahnstadt Hamm das nächste Kapitel Mobilitätsgeschichte geschrieben.“

 

Tatsächlich spielt die Bahn eine wichtige Rolle im Verkehr von morgen. Denn noch entfallen rund 25 Prozent der Treibhausgasemissionen in der EU auf den Verkehr – mit steigender Tendenz. Wenn der Sektor bis 2050 klimaneutral werden soll, müssen mehr Güter anders und nachhaltiger transportiert werden. Dabei spielt die Bahn eine große Rolle.

 

Allerdings ist der Anteil der Bahn am Transportaufkommen in den vergangenen Jahren stetig gesunken: Wurden 1991 etwa 34,5 Prozent der Güter auf der Schiene transportiert, waren es 2019 nur noch 18,9 Prozent. Dieser Trend setzt sich auch in anderen europäischen Staaten fort: Europaweit rollen nur etwa elf Prozent des Güterverkehrs über die Schiene.

 

Dabei hat die Eisenbahn schon oft bewiesen, was sie kann. Bei den transkontinentalen Verkehren zwischen Asien und Europa ist sie zuverlässiger als das Schiff. Mit schnellen innereuropäischen Logistikketten verbindet sie Werke von Polen bis Portugal. „Mit einem Marktanteil von unter 20 Prozent hat der Schienengüterverkehr sein Potenzial bei Weitem nicht ausgeschöpft“, bestätigt Armin Riedl, Sprecher des Netzwerks Kombinierter Verkehr bei der Allianz pro Schiene.

 

Doch zwei Dinge sorgen dafür, dass Industrie und Handel lieber den Lastwagen nutzen: Die Bahn ist oft zu teuer und zu unflexibel. Die nächste Bundesregierung soll es nun richten: Strecken elektrifizieren – das senkt Dauer und Aufwand für den Lokwechsel – mehr Ausweichstrecken und moderne Güterbahnhöfe bauen für mehr Pünktlichkeit, mehr Tempo und längere Züge.

 

Dabei erhält die Bundesregierung Rückenwind aus Europa: Denn 2021 ist das Europäische Jahr der Schiene. Mit dieser Initiative will die EU-Kommission viel Geld in die Bahn stecken. Vor 175 Jahren wurde die erste Eisenbahnverbindung zwischen zwei europäischen Hauptstädten eröffnet: Brüssel und Paris. Gut möglich, dass mit dem Geld aus Brüssel die Bahn in einigen Jahren erneut zum Symbol wird: für nachhaltige und klimafreundliche Logistik.