Energie hat sich für die Industrie vom kalkulierbaren Kostenfaktor zum strategischen Risiko entwickelt. Wer Produktion absichern will, muss die Kontrolle über die eigene Energieversorgung zurückgewinnen. Der Bodenbelagshersteller Gerflor zeigt in Delmenhorst, wie das konkret aussehen kann: Eigenstrom aus Sonnenenergie wird zum Instrument der Standortsicherung – und damit zur Basis für langfristige Wettbewerbsvorteile.
Im niedersächsischen Delmenhorst betreibt Gerflor eines der traditionsreichsten Linoleumwerke Europas – mit energieintensiven, thermischen Produktionsprozessen im kontinuierlichen Betrieb. Um die Marktunabhängigkeit zu sichern, hat das Unternehmen seine Versorgung neu strukturiert: Eine Photovoltaikanlage mit aktuell 5,8 Megawattpeak Leistung deckt bereits einen großen Teil des Strombedarfs am Standort ab. Weitere Ausbaustufen sind geplant. Der Effekt: Die Kosten pro Kilowattstunde und Netzentgelte sinken und Preisstrukturen bleiben langfristig kalkulierbar – ein entscheidender Resilienz-Faktor im volatilen Marktumfeld.
„Die eigene Energieerzeugung ist nicht nur ein fester Bestandteil unserer internationalen Nachhaltigkeitsstrategie, sondern garantiert uns im Wesentlichen Planungssicherheit“, sagt Werksleiter Mathias Wiechert und ergänzt: „Wir haben uns für KRAFTWERK Renewable Power Solutions entschieden, weil das Unternehmen langjährige Erfahrung in der Konzeption, Umsetzung und Integration von PV-Anlagen mitbringt und Lösungen bietet, die auf unsere industriellen Anforderungen abgestimmt sind.“
ALTBAU TRIFFT HOCHLEISTUNGSTECHNIK
Die Umsetzung folgte keinem Standard: Die Anlage entstand in einer gewachsenen Industrieumgebung mit Strukturen, die bis zurück ins Jahr 1882 reichen – bei laufender Produktion und unter konstantem Zeitdruck. Die Planung glich dabei einer Revision: Da für historische Gebäude oft statische Unterlagen fehlen, rekonstruierte KRAFTWERK RPS Tragfähigkeiten aus Archivmaterial und bewertete 22 verschiedene Dachflächen neu. Brand- und Blitzschutzkonzepte wurden in Abstimmung mit Gutachtern entsprechend angepasst. Auf dieser Basis folgte die Installation von rund 20.000 Solarmodulen auf Freiflächen, Dächern – darunter auch Gründächer – sowie an Teilen der Fassade. Parallel dazu entstanden rund 40 Kilometer neue Leitungsinfrastruktur sowie ein standortweites, 1,8 Kilometer langes Glasfasernetz, das eine schnelle und stabile Datenübertragung zwischen allen Anlagenkomponenten sicherstellt.
STROM IM TAKT DER PRODUKTION
Den Kern bildet die elektrotechnische Integration über sechs Verknüpfungspunkte direkt in das Werksnetz. Das Ziel: Den Strom genau dort verfügbar zu machen, wo er benötigt wird. Dabei wird die PV-Anlage so in das Energiemanagement des Werks eingebettet, dass die Eigenversorgung maximiert wird und Stabilität des Werksnetzes gewahrt bleibt.
„Industrieprojekte an gewachsenen Standorten lassen sich nicht standardisieren“, sagt Dr. Karsten Schulte, Managing Director von KRAFTWERK RPS. „Jedes Projekt hat seine eigene Logik. Unsere Aufgabe ist es, diese so zu übersetzen, dass sich neue Energiequellen nahtlos integrieren – technisch sauber und wirtschaftlich sinnvoll.“
Auch die wirtschaftliche Struktur des Projekts folgt einem zunehmend verbreiteten Modell. Realisiert wurde die Anlage über einen langfristigen Stromliefervertrag (Power Purchase Agreement, PPA). Ein externer Investor übernimmt die Finanzierung, während Gerflor die Flächen bereitstellt und den erzeugten Strom zu langfristig fixierten und günstigen Strompreisen bezieht. Gleichzeitig gewinnt die Eigenversorgung auch vor dem Hintergrund steigender CO2-Kosten an Bedeutung: Sie reduziert nicht nur Emissionen, sondern schützt den Standort langfristig vor zusätzlichen regulatorischen Belastungen und damit verbundenen Kostenrisiken.
QUALITÄT ALS RISIKOMANAGEMENT
Neben dem Engineering entscheiden die Belastbarkeit und Stabilität der Systemtechnik über die jahrzehntelange Wirtschaftlichkeit. „Wir setzen auf Komponenten, die in Langzeit-Stresstests auf reale Bedingungen wie extreme Temperaturwechsel und mechanische Belastungen geprüft wurden – weit über Standardnormen hinaus“, erklärt René Schüler, Head of Product Marketing bei DMEGC Solar. Gerade bei industriellen Anwendungen und anspruchsvollen Standorten sind Belastbarkeit und Stabilität entscheidend.
Ergänzt wird diese Sicherheit durch Versorgungssicherheit. „Alle Solarprojekte erfordern robuste Lieferketten sowie hochzuverlässige Produkte. Wir investieren kontinuierlich in Produktionskapazitäten sowie -innovationen, um das zu garantieren“, so Schüler. Die Technologie ist zudem zukunftsoffen: Verbesserte Modularchitekturen führen zu einer stetigen Optimierung des Wirkungsgrades und zu immer mehr Anwendungsmöglichkeiten. Damit wird die PV-Anlage zum Grundbaustein einer resilienten Infrastruktur.
Das Projekt markiert einen Paradigmenwechsel: weg von externer Abhängigkeit hin zur eigenen Energieversorgung. Photovoltaik – perspektivisch ergänzt durch Batteriespeicher – bildet dabei die Grundlage für eine Infrastruktur, die nicht nur Kosten reduziert, sondern auch die Resilienz von Produktionsstandorten stärkt. Der entscheidende Hebel liegt dabei weniger in der einzelnen Anlage als in ihrer Integration in bestehende Prozesse. Erst dadurch wird Energie von einem externen Einflussfaktor zu einer steuerbaren Größe im Unternehmen.
gerflor.de
kraftwerk-rps.com
dmegcsolar.com/de