Heizen und sparen

März 2015 | Die Welt | Wohnen der Zukunft

Heizen und sparen

Wohnhäuser haben ein enormes Potenzial, Energie einzusparen. Was bei Neubauten vorgemacht wird, ist auch im Bestand möglich.

Lars Klaaßen / Redaktion

Heizkosten machen private Haushalte zum Energieverbraucher Nr. 1 in Deutschland – noch vor der Industrie und dem Verkehr. Die gute Nachricht: Neubauten sind dank moderner Heiztechnik, und guter Dämmung deutlich effizienter geworden. Das wurde durch technische Innovationen ermöglicht und wird von gesetzlichen Anforderungen forciert. 

 

Verglichen mit einem Haus aus den 1960er Jahren kommt ein Neubau mit rund einem Drittel der Heizenergie aus, so die Bürger-Information Neue Energietechniken (BINE), die im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie arbeitet. BINE bezeichnet Gebäude aus der Zeit vor der ersten Wärmeschutzverordnung 1995 bereits als „energetische Altbauten“. Pro Jahr kommt zum Bestand weniger als ein Prozent Neubau dazu. Da Häuser sehr langlebig sind, stehen drei Viertel der im Jahr 2040 bewohnten Häuser also bereits heute. Daher geben Altbauten den Ausschlag beim Energieverbrauch aller Gebäude. 

 

Bis zum Jahr 2030 könnten die Treibhausgasemissionen im Gebäudesektor der EU um 50 bis 75 Prozent gesenkt werden. Zu diesem Schluss kam das europäische Forschungskonsortium ENTRANZE, in dem für Deutschland das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI sowie das Öko-Institut beteiligt waren. Deren Untersuchungen zufolge ließe sich mit ambitionierten Klimaschutzmaßnahmen allein der Einsatz von Erdgas in den kommenden 15 Jahren um 36 bis 45 Prozent im Vergleich zu 2008 drosseln. In der EU entfallen rund 60 Prozent des gesamten Energieverbrauchs auf Raumheizung, Warmwasser, Klimaanlagen und Beleuchtung. 20 bis 30 Prozent könnten eingespart werden, setzten die EU-Mitgliedsstaaten innovative Lösungen im Gebäudebereich um. Als einer der lohnendsten Maßnahmen gilt die Altbausanierung durch Wärmedämmung.

 

Nun steht gerade die Fassadendämmung in der öffentlichen Kritik. Wäredämmung, so der Vorwurf, wie ihn zum Beispiel das Magazin Der Spiegel in seiner Titelgeschichte „Volksverdämmung“ vom Dezember letzten Jahres erhob, sei „unwirtschaftlich, unsozial und umweltschädlich“. Der dritte Kritikpunkt bezieht sich auf Styroporplatten. Dass moderne Baustoffe zum Dämmen oder zur Kellersanierung „ein generelles Problem“ darstellen, gibt auch der Verband Privater Bauherren (VPB) zu bedenken: „Sie sind neu und damit in der Praxis noch nicht lange erprobt. Sie können funktionieren – oder eben auch nicht.“ Wer kein Risiko eingehen wolle, solle daher vor allem auf bewährte Baustoffe zurückgreifen.

 

Denn bei der Materialwahl gibt es ein großes Angebot: Neben mineralischen und kunststoffbasierten Materialien steht eine breite Palette von Produkten aus nachwachsenden Rohstoffen, wie zum Beispiel Flachs, Zellulose oder Schafwolle, zur Auswahl. Auch deshalb betont die Verbraucherzentrale, dass Dämmung „ökologisch sinnvoll“ ist: In spätestens zwei Jahren spare ein Dämmstoff mehr Energie ein, als für seine Herstellung eingesetzt wurde. Eine noch bessere Energiebilanz hätten Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen. Die seien schon nach wenigen Wochen „im Plus“. Hinzu kommen finanzielle Vorteile: „Die Einsparmöglichkeiten sind enorm“, so die Verbraucherzentrale. Der Bund, einige Bundesländer und Kommunen und auch manche örtlichen Energieversorger fördern außerdem die Dämmung von Wohngebäuden. Da Häuser sich energetisch stark unterscheiden, ist es wichtig, im Vorfeld zu analysieren, wo Bedarf besteht und was sich rechnet. Ohne Energieberater geht das nicht.

»Bundesländer und Kommunen fördern die Dämmung von Wohngebäuden.«

Ob das, was technisch machbar ist, auch realisiert wird, hängt nicht nur bei Eigenheimbesitzern von den Kosten ab. „Eine warmmietenneutrale Sanierung ist kaum möglich“, sagt Fabian Viehrig, Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Energie, Technik und Normung beim Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW). „Eine energetische Sanierung darf nicht dazu führen, dass die Bruttowarmmieten nach oben schnellen.“ Bei Gebäuden, die richtig schlechte energetische Werte haben, rechnet es sich jedoch meistens, in eine Sanierung zu investieren. Sinken die Energiekosten in ausreichender Höhe bei gleichzeitig notwendiger Erhöhung der Nettokaltmiete, ist es für die Mieter fast ein Nullsummenspiel, zumal der Wohnkomfort steigt. „Die GdW-Bestände wurden seit den 1990ern zu fast 65 Prozent bereits voll saniert, zum restlichen Drittel gehören auch Neubauten“, sagt Viehrig. „Gebäude mit richtig schlechten Werten gibt es kaum noch.“ 

 

Wer einen Altbau energetisch saniert, steht, steht noch vor anderen Hürden. „Eine Herausforderung stellen sowohl bauliche Begrenzungen dar, als auch die wirtschaftliche Umsetzung von innovativen und zukunftsfähigen Maßnahmen“, erläutert Benedikt Scholler, Teamleiter Energiedesign bei Drees & Sommer. Das Beratungs- und Projektmanagementunternehmen berät unter anderem bei  Sanierungen von Bestandsbauten und organisiert die Realisierung. „Wenn Eigentümer an ihrem Gebäude etwa Solarstrom produzieren und diesen ihren Mietern zur Verfügung stellen wollen, müssen sie auf recht komplizierte Geschäftsmodelle zurückgreifen. Hier wären energiepolitische Vorfahrtsregeln hilfreich, um den Strom direkt am Ort der Erzeugung auch gleich zu nutzen.“ 

 

Auch unter den heutigen Rahmenbedingungen initiieren große Wohnungsbaugesellschaften schon ehrgeizige Projekte. Erfahrungen die dort gesammelt werden, sollen nicht zuletzt einen Multiplikatoreffekt für ganze Siedlungen mit ähnlicher Bausubstanz entfalten. So baut das Berliner Wohnungsunternehmen degewo – unterstützt von Drees & Sommer – ein Mehrfamilienhaus aus dem Jahr 1954 zu einem Eigen-Energie-Haus um. Der Achtgeschosser mit 64 Wohnungen soll sich künftig selbst komplett mit Wärme versorgen. Dabei kommen verschiedene Technologien zum Einsatz. Unter anderem werden Photovoltaik, Solarthermie, Strom- und Wärmespeicherung, Wärmepumpen sowie eine hocheffiziente Lüftung mit Wärmerückgewinnung miteinander kombiniert.