»Wir benötigen eine umweltfreundliche Energieversorgungsalternative für alle Gebäudesektoren.«

Dezember 2019 | Handelsblatt | Perspektiven 2020
Willkommen 2020!
Die Redaktion befragt Experten zu kommenden Chancen für die deutsche Wirtschaft.
Dezember 2019 | Handelsblatt | Perspektiven 2020

Es wird höchste Zeit, die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen.«

Kerstin Andreae / Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung

In wenigen Tagen beginnt das Jahr 2020. Für dieses Jahr hatte die Bundesregierung viele gute Vorsätze: 40 Prozent weniger CO2-Emissionen als 1990, eine Million E-Autos, 20 Prozent weniger Energieverbrauch als 2008. Doch voraussichtlich werden all diese Ziele verfehlt. An der Energiewirtschaft liegt es nicht. Sie hat ihre CO2-Emissionen bereits im Jahr 2019 um über 40 Prozent gesenkt. Auch auf den Durchbruch der Elektromobilität ist sie vorbereitet: Schon heute gibt es doppelt so viele Ladepunkte wie aktuell benötigt.


Die Energiewirtschaft steht in den Startlöchern, auch die nächsten Etappen in Angriff zu nehmen und Strom immer grüner zu machen. Denn nur mit CO2-freiem Strom und Wasserstoff werden Industrie, Gebäude- und der Verkehrssektor ihre Emissionen substanziell reduzieren können. Aber ohne die passenden politischen Rahmenbedingungen kann dies nicht gelingen. Aktuell droht die Bundesregierung, sich in Schnellschüssen zu verlieren. Dabei wäre es wichtiger, jetzt den regulatorischen Rahmen richtig zu setzen.


Strom beispielsweise muss billiger werden. Die von der Bundesregierung vorgesehene Senkung der EEG-Umlage von 0,25 ct/kWh im Jahr 2021 verfolgt den richtigen Ansatz, ist jedoch viel zu gering, um eine Lenkungswirkung zu erzielen. Für das Erreichen des Ziels von 65 Prozent Erneuerbaren Energien am Stromverbrauch im Jahr 2030 ist der weitere Ausbau von Windkraft an Land unverzichtbar. Die notwendigen Maßnahmen, um den Ausbau wieder anzukurbeln, sind hinlänglich bekannt. Jetzt müssen sie schleunigst umgesetzt werden.


Um Kernkraft- und Kohleausstieg zu stemmen, müssen wir zudem stärker auf Gas setzen – auch im Zusammenhang mit Kraft-Wärme-Kopplung. Es müssen Anreize gesetzt werden, damit Kraftwerksbetreiber entsprechend investieren. Für das kommende Jahrzehnt hat sich die Bundesregierung wieder viele Ziele gesetzt. Doch gute Vorsätze allein reichen nicht. Es wird höchste Zeit, die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen. Die 2020er-Jahre werden darüber entscheiden, ob die Energiewende gelingt.

 

www.bdew.de

Dezember 2019 | Handelsblatt | Perspektiven 2020

E-Mobilität ist mehr als ein neuer Antrieb.«

Kurt Sigl / Präsident Bundesverband eMobilität BEM e. V.

Der Mühlstein hat sich in Bewegung gesetzt. Deutschland ist aktiv geworden. Wenn auch nur langsam, so haben sich Regierung und Industrie nun doch auf den Weg ins Zeitalter zur Elektromobilität gemacht. Mit dem Masterplan Infrastruktur und der Schaffung von einer Million Ladesäulen im öffentlichen Bereich bis 2030 soll der batterieelektrische Antrieb die Mobilitätswende auf deutschen Straßen anführen. Was zwischenzeitlich mehrfach in Frage stand, ist ökologisch wie technisch der sinnvollste Weg für verantwortungsvollen Umweltschutz. Die Fahrzeughersteller haben vor Jahren begonnen, Modelle zu entwickeln und das System zu testen. Mit der Freigabe durch die Politik erreicht die Reform jetzt die zweite Phase, in der es um den Roll-out geht, den Schritt in den Massenmarkt.


 Natürlich ist die technische Entwicklung noch nicht bis zur Perfektion ausgereift, das war bei der Einführung des Volkswagens auch nicht anders. Die Geschichte des Autolandes Deutschland bestätigt uns darin, dass es Fehler geben wird und andererseits unsere Ingenieure und Entwickler noch viele Verbesserungen finden werden. Dennoch ist jetzt der Knoten gelöst, die Angst vor der Reform weicht dem Vertrauen in unseren Verstand. Und den werden wir brauchen. Denn: E-Mobilität ist mehr als ein neuer Antrieb. Um die neue Technologie dreht sich ein ganzes Ökosystem neuer Aspekte wie zum Beispiel die Ladestationen, der Energievertrag, die Werkstattfrage, Versicherung, Fahrzeugbedienung und vieles mehr, zu denen die Kunden ganzheitliche Beratung erwarten.


Das betrifft neben den Automobilherstellern übrigens auch die Energieversorger. Hier wird es im neuen Jahr mehr Informationen geben müssen und viele branchenübergreifende Gespräche. Das Potenzial ist erfreulich, die Perspektiven sind es auch: Mit dem Schritt in den Massenmarkt steigt die Aufmerksamkeit gegenüber den Kunden, die E-Fahrzeuge gewinnen durch bessere Ausstattung unter anderem mit der Schnell-Lade-Technologie CCS, die Industrie orientiert sich in Richtung Erneuerbare Energie, um E-Autos in fünf Jahren CO2-frei zu produzieren und die Konkurrenz belebt das Geschäft. Welcome 2020!

 


https://www.bem-ev.de

Dezember 2019 | Handelsblatt | Perspektiven 2020

»Wir benötigen eine umweltfreundliche Energieversorgungsalternative für alle Gebäudesektoren.«

Julius Reiner / Mitarbeiter Projektleitung Verband für Wärmelieferung VfW e. V.

Egal ob Kommune, Vermieter, Unternehmen oder Industriebetriebe, alle benötigen mal mehr, mal weniger Wärme für ihre Gebäude. Sei es reine Raumwärme, Warmwasser oder auch Prozesswärme in der Produktion. All dies läuft heutzutage größtenteils noch über alte Öl- oder Gasanlagen. Oft fehlt es schlicht an Geld oder der Kenntnis über den wahren Zustand der Energieerzeugungsanlage. Solange die Räume warm werden und man warm duschen kann, wird das Thema oft vernachlässigt. Erst wenn es von heute auf morgen kalt bleibt, lassen die Beschwerden nicht lange auf sich warten. Und dann wird es teuer. Eine Möglichkeit, diesen Kosten aus dem Weg zu gehen, ist das Contracting.


Beim Contracting übernimmt ein Energiedienstleister die Versorgung einer Liegenschaft mit der benötigten Energie. Der Contractor errichtet, betreibt und wartet die Energieerzeugungsanlage. Er liefert die dort erzeugte Energie an die Liegenschaft. Dafür verlangt er einen sogenannten Wärmepreis. Dieser enthält die Kosten für die Energieerzeugungsanlage sowie die Brennstoff- und Wartungskosten. Außerdem übernimmt der Contractor das Risiko bei einem Ausfall. Vermieter müssen sich auch keine Gedanken um Beschwerden ihrer Mieter wegen steigender Kosten machen, da der Contractor an das Kostenneutralitätsgebot nach der Wärmelieferverordnung gebunden ist und nicht teurer sein darf als die zentrale Eigenversorgung zuvor.


Auch bei der Größe der zu versorgenden Liegenschaften gibt es wenige Beschränkungen. Von wenigen Mehrfamilienhäusern bis zu ganzen Stadtvierteln sind kaum Grenzen gesetzt. Contracting muss sich nicht auf reine Wärmelieferung beschränken. Genauso verbreitet ist die Lieferung von Kälte, Strom oder Druckluft, was vor allem für die Industrie interessant ist. Auch dort gibt es ein hohes Potenzial, Energie einzusparen.

 

www.vfw.de