Innovative Medizin

Die Redaktion befragt Akteure zu den aktuellen Herausforderungen.
März 2022 Die Zeit Zukunft Medizin

»MedTech-Innovationen sollten stärker gefördert werden«

Dr. Marc-Pierre Möll Geschäftsführer, Bundesverband Medizintechnologie

Politik und Gesellschaft konnten sich in der Corona-Krise auf die Medizintechnik-Branche verlassen: von der intensivmedizinischen Betreuung, der ambulanten Versorgung durch Homecare-Versorger und Sanitätshäuser bis hin zur gesteigerten Produktion von Spritzen und Hygieneprodukten für eine erfolgreiche Impfkampagne. Jetzt müssen wir die mittelständisch geprägte Medizintechnik-Branche bei der Bewältigung der Herausforderungen besser unterstützen.


Wir erwarten von der Bundesregierung entscheidende Weichenstellungen für die im Koalitionsvertrag angekündigte Stärkung des Medizintechnik-Standorts Deutschland und die Entlastung der Unternehmen von erdrückender Bürokratie.


Denn die MedTech-Branche steht zusätzlich zur Bewältigung der Corona-Pandemie vor großen Herausforderungen. So sorgen beispielsweise steigende Rohstoff-, Fracht- und Energiepreise für dramatisch steigende Kosten. Die EU-Medizinprodukte-Verordnung bindet die Forschungskapazitäten für die aufwändigen regulatorischen Prozesse zur Rezertifizierung von Bestandsprodukten. Hinzu kommen der digitale Wandel und die Transformation der Industrie zu mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz.


Der Koalitionsvertrag bietet gute Ansätze, um den Mittelstand zu stärken, Bürokratie abzubauen und Innovationen zu fördern. Dafür müssen nun die konkreten Schritte folgen, um die Versorgung der Patient:innen in Deutschland mit modernen Medizintechnologien auch in Zukunft zu sichern.


Der BVMed spricht sich unter anderem für eine „Initiative MedTech 2030“, für eine Beschleunigung des Innovationstransfers und für eine bessere Nutzung der Gesundheitsdaten für die Forschung und Versorgung aus. Deutschland braucht eine forschungsstarke, leistungsfähige, wirtschaftlich gesunde und international wettbewerbsfähige Medizintechnik-Branche!

www.bvmed.de

März 2022 Die Zeit Zukunft Medizin

»Besseres Frühwarnsystem gegen Versorgungsengpässe«

Dr. Johannes Bruns Generalsekretär Deutsche Krebsgesellschaft

Wenn über die Onkologie berichtet wird, stehen häufig innovative Arzneimittel oder die personalisierte Medizin im Mittelpunkt. Kein Zweifel, medizinische Innovationen sind für Menschen mit Krebs von enormer Bedeutung. Doch genauso wichtig ist der uneingeschränkte Zugang zu gut etablierten Therapien, die sich schon lange auf dem Markt befinden. Kommt es hier zu Einschränkungen, kann das gravierende Konsequenzen für die Betroffenen haben. Einen solchen Versorgungsengpass erleben wir gerade mit dem Antihormon Tamoxifen. Für viele Brustkrebspatientinnen, deren Tumor hormonabhängig wächst, ist die Einnahme dieses Wirkstoffs ein essenzieller Bestandteil ihrer Behandlung – kontinuierlich eingenommen, senkt er deutlich ihr Rückfallrisiko. Weil der Produzent der Grundsubstanz die Produktion aus Rentabilitätsgründen eingestellt hat, sind die Hersteller in Deutschland voraussichtlich bis Mitte bzw. Ende 2022 nicht lieferfähig.


Das Problem ist nicht neu. Auch in der Vergangenheit waren Krebspatient*innen immer wieder von Lieferengpässen, etwa bei Chemotherapeutika, betroffen. Die Gründe sind immer ähnlich: Der Preisdruck bei Generika führt dazu, dass möglichst billig produziert werden muss; häufig kommt es dadurch zu einer Konzentration der Marktmacht auf wenige Produzenten. Fallen die dann aus, ist der Versorgungsengpass nicht weit. Wir benötigen dringend ein besseres Frühwarnsystem und entsprechende Möglichkeiten, ein drohendes Versorgungsdefizit rechtzeitig abzuwenden. Dazu ist es unter anderem nötig, dass das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) einen besseren Überblick darüber erhält wo Arzneimittelhersteller von wenigen Zulieferern oder Standorten abhängig sind. Arzneimittel sind keine einfachen Konsumgüter. Ein System, mit dem wir vorausschauend planen und schnell reagieren können, ist dringend erforderlich.

www.krebsgesellschaft.de

März 2022 Die Zeit Zukunft Medizin

»mRNA-Medikamente: Chance für Patienten und für den Standort Deutschland«

Han Steutel Präsident Verband der forschenden Pharma-Unternehmen

Eine besondere Sorte Biomolekül macht von sich reden: Messenger-RNA, kurz mRNA. Nach vielen Jahren der Laborarbeit ist für sie die Zeit der medizinischen Anwendung angebrochen.


Ihr erstes Einsatzgebiet hat mRNA bekanntlich in zwei Impfstoffen gegen Covid-19 gefunden. Längst nutzen aber Unternehmen in Deutschland und weltweit die mRNA auch, um Impfstoffe gegen andere Infektionskrankheiten zu entwickeln, darunter Grippe, Gürtelrose, Lassafieber und Zika. Drei Projekte zielen auf Impfstoffe gegen das Epstein-Barr-Virus ab, das Pfeiffersches Drüsenfieber hervorruft und vermutlich auch Mitverursacher von Multipler Sklerose ist. Gegen HIV, Malaria und Tuberkulose – drei Krankheiten, gegen die immer wieder Impfstoffprojekte gescheitert sind – entwickeln Unternehmen nun ebenfalls neue Impfstoffkandidaten auf mRNA-Basis.


Damit nicht genug: Auch neuartige therapeutische Medikamente werden damit entwickelt, etwa gegen Krebserkrankungen oder schwer behandelbare Stoffwechselstörungen. Vielen Patientinnen und Patienten könnte das erstmals eine wirksame Behandlung ermöglichen. Die Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group schätzt, dass es erste Zulassungen für sie ab 2025 geben könnte.


Deutschland ist gerade in diesem Technologie-Bereich außergewöhnlich gut aufgestellt: Gleich drei Unternehmen erfinden hier neue mRNA-Impfstoffe und -Therapeutika; und etliche der zur Produktion nötigen Zutaten und Geräte werden hierzulande hergestellt. Dazu kommen eine Reihe von Auftragsproduzenten mit dem nötigen Know-how, die heute schon bei den Covid-19-Impfstoffen mitwirken.


Gleichwohl sind auch Firmen in anderen Ländern auf diesem Gebiet stark aktiv: u. a. in den USA, China, Belgien, UK und Südkorea. Deutschland sollte seine Chance nicht verspielen, bei dieser Klasse von Medikamenten künftig weiter vorne dabei zu sein.

www.vfa.de