Wohnraum trifft auf Cyberspace

Mit Apps steuern wir zunehmend unsere Services rund ums Wohnen. Neben der technischen Seite hat die Vernetzung auch eine soziale: hinein ins Quartier.

Illustration: Anna Fedoseeva
Illustration: Anna Fedoseeva
Lars Klaaßen Redaktion

Herr B. erwacht gut ausgeruht in seinem klimatisierten, schalldichten Schlafraum. Auf einem tragbaren Schaltpult drückt er einige Knöpfe und bringt damit Leben in seine von Elektronik beherrschte Wohnung. Während er sich im Badezimmer rasiert, wird in der vollautomatisierten Küche im Hochfrequenz-Ofen das vorgefertigt angelieferte Normfrühstück FS 10/23 zusammen mit dem Kaffee zubereitet.

So beginnt ein Tag im Dokumentarfilm „Richtung 2000 – Vorschau auf die Welt von morgen“ aus dem Jahr 1972. Das Smart Home hat schon vor über einem halben Jahrhundert fasziniert. Zum Glück ist damit aber einiges anders gekommen als damals prophezeit. Mittlerweile ist Hightech längst in unsere Wohnungen und Häuser eingezogen – und wird unseren Alltag künftig noch stärker prägen als schon jetzt. So können digitale Gebäudetechnologien dabei helfen, Energie zu sparen. Studien haben gezeigt, dass Menschen beim Heizen und Lüften einiges falsch machen. Energiemanagementsysteme (EMS) machen es besser. Ursprünglich für Industrie und Gewerbe entwickelt, sind sie mittlerweile auch für private Haushalte verfügbar (HEMS). Stichwort Energiewende: Man benötigt sie vor allem dann, wenn in einem Gebäude nicht nur Energie verbraucht, sondern auch erzeugt wird – etwa durch Solarzellen auf dem Dach.

Im Fokus stehen jedoch Anwendungen, bei denen der Mensch am Drücker ist: Die einen bitten Alexa, das Licht zu dimmen oder einen bestimmten Song zu streamen, andere checken von unterwegs mit ihrem Smartphone, ob die Heizung ausgeschaltet ist oder werfen via Kamera einen Blick auf die Gartenterrasse. Saugroboter, die den Hausputz erledigen, sind schnöder Alltag. Dass wir es unserem Kühlschrank überlassen, Lebensmittelvorräte zu erfassen und bei Bedarf etwas nachzubestellen, ist dagegen noch ebenso Science-Fiction wie das Normfrühstück FS 10/23.

Einerseits spekulieren Technik-Fans munter, wie sich unser Wohnkomfort mithilfe des Smart Home und dem Internet of Things weiter steigern ließe. Andererseits rücken mit den zunehmenden Möglichkeiten auch die Sicherheitsrisiken in den Vordergrund. Ein Hightech-Heim ist voller Mikros und Kameras, auf die niemand Unbefugtes Zugriff bekommen sollte, ebenso wenig wie auf die digital gesteuerte Haustechnik.

Nicht nur Schließanlagen, Bewegungsmelder und Kameras reduzieren das Risiko eines Einbruchs. Mit zunehmender Digitalisierung müssen auch Hardware, Software und die persönlichen Passwörter wichtige Sicherheitsstandards erfüllen. „Der Router ist die Eingangstür, die Einbrüche verhindern muss“, sagt Christine Steffen. „Hacker drehen oft die Runde und checken, welche Router schwach gesichert sind. Wo sich im übertragenen Sinn die Klinke der Eingangstür herunterdrücken lässt.“

Während wir unsere digitalen Tools vor Zugriff von außen sichern müssen, nutzen wir sie zugleich, um Kontakte zu anderen herzustellen. Auch das soziale Leben in der Nachbarschaft wird mittlerweile durch Apps gestärkt – selbst auf dem Dorf. Zum Beispiel in Meyenburg, einer Ortschaft zwischen Bremen und Bremerhaven, wo rund 1.400 Menschen leben. „Viele hier sind neu zugezogen“, berichtet Bürgermeister Dominik Schmengler. „Auch die Hiesigen pendeln zur Arbeit, Zeit und Raum für den nachbarschaftlichen Austausch sind knapp.“ Diesen hat Schmengler mithilfe des Portals nebenan.de, das bundesweit als Quartiers-App angeboten wird, neu belebt.

Anders als Anbieter:innen herkömmlicher sozialer Medien zieht das Portal klare geografische Grenzen für alle, die sich dort anmelden. Alle sind mit ihren Namen samt Adressen erkennbar, man vernetzt sich dort explizit mit der Nachbarschaft. Dort sind Leute unterwegs, die sich mal eine Bohrmaschine ausleihen oder mit anderen ihr Hobby teilen wollen. Gewerbetreibende und Kommunen informieren über das, was im Amtsblatt kaum jemand wahrnimmt. Die Betreiber:innen von nebenan.de betonen, dass sie keine Nutzerdaten abschöpfen.

Dieses Konzept hat Schmengler gefallen: „Ich habe Vertreter:innen von der Schule und von unseren Vereinen zum Bier und zum Kaffee eingeladen und denen von nebenan.de erzählt.“ Danach wurden Flyer an die Haushalte ausgeteilt, die Lokalpresse informiert und Schmengler hat seinen alten Bully mit dem Logo des Portals beklebt. „Die ersten sechzig, siebzig Leute hatten sich dann schnell angemeldet“, erinnert der Bürgermeister sich, „und damit war die kritische Masse erreicht, das Netzwerk griff weiter um sich.“ Heute sind über 460 Nachbar:innen in Meyenburg aktiv, wobei einige ihren Account als ganze Familie oder mit Partner:in nutzen; insgesamt entspricht dies rund der Hälfte aller Einwohner:innen.

Bei der „Schaffung lebendiger (digitaler) Nachbarschaften“ können Wohnungsunternehmen in Deutschland „eine wichtige Rolle als Vorreiter und Treiber“ einnehmen, so die Studie „Wohntrends 2035“: In der Wohnungswirtschaft werde die Onlinekommunikation mit Kund:innen zum Normalfall. „Gerade größere Wohnungsbauunternehmen haben zum einen die Fähigkeiten, Nachbarschaften im großen Stil auch per App einzubinden“, sagt Katrin Trunec, Mit-Autorin der Studie und Senior Beraterin der Analyse & Konzepte GmbH. „Des Weiteren haben diese großen Akteure auch oft ganze Quartiere in ihrer Obhut.“ Während die Bewohner:innen über ihr Wohnumfeld informiert werden möchten, wollen die Vermieter:innen sozialen Zusammenhalt fördern – auch im Eigeninteresse eines attraktiven Wohnumfeldes. „Maßgeschneiderte Apps“, so Trunec, „bieten hierbei den größtmöglichen Spielraum.“ Die Gewobag, eine der sechs landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften in Berlin, brachte solch eine eigene App an den Start, mit direktem Draht zu ihren Mieter:innen. Darüber kann man einen Bankeinzug einrichten, den Mietvertrag einsehen oder Schäden melden, letzteres samt Upload von Fotos. Auch den Bearbeitungsstatus teilt die Gewobag über die App mit. Wer sich über das Feedback-Panel an den regelmäßigen kleineren Umfragen beteiligt – freiwillig und anonym –, nimmt Einfluss darauf, welche neuen Produkte und Dienstleistungen rund ums Wohnen die Gewobag künftig entwickelt und wie diese gestaltet werden. Für sogenannte Vorteilsangebote, etwa für eine neue Küche oder eine Umzugshilfe, kooperiert die Wohnungsbaugesellschaft mit diversen Partnern und macht eigene Angebote wie Quartierstrom. Derzeit sind knapp 38.000 der über 74.000 Gewobag-Mieter:innen in der App registriert.

Die heutigen Perspektiven sind in verschiedener Hinsicht erfreulicher als die Zukunft von früher. Herr B. aus dem Film „Richtung 2000“ lebt in einem riesigen, anonymen Wohnkomplex. Die Vereinzelung der Gesellschaft wird mahnend prophezeit. Von Apps, die manches bequemer machen und Nachbarschaften zusammenbringen, war 1972 noch nicht die Rede.

 

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