Im Takt der Heide

 Radfahren, Wandern oder mit dem VW Bulli durch Wacholder und Wolle – ein traumhafter Trip durch die Lüneburger Heide.

Illustration: Natascha Baumgärtner
Illustration: Natascha Baumgärtner
Gaby Herzog Redaktion

Wenn der Nebel noch tief über der Heide liegt, macht sich Schäfer Kuhlmann auf den Weg. Er drückt seinen grünen Lodenhut ins Gesicht, nimmt seinen Wanderstock und zieht das alte Holztor zu seinem windschiefen Stall hinter sich zu. Die hungrigen Heidschnucken sind schon auf ihren dünnen schwarzen Beinen an ihm vorbei gestürmt und knabbern am Gras am Wegesrand. Pelle und Jola, Kuhlmanns altdeutsche Hütehunde, sind ihnen gefolgt und halten die Herde mit 900 Tieren zusammen.

„Jeder von uns“, sagt Kuhlmann, „macht jeden Tag genau das, was er immer tut. Und was Generationen vor uns auch schon getan haben.“ Beim Fressen haben die Schafe mit dem struppigen grauen Fell eine klare Vorliebe. Sie mögen Calluna vulgaris – die Besenheide. Während andere Tiere das trockene Kraut verschmähen, ist es für diese genügsame Schafrasse eine Delikatesse. Genüsslich „schnucken“ sie die oberen Triebe der Pflanzen ab.

Zwischen Anfang August und Anfang September entfaltet die Heide ihre besondere Pracht. Ihre Abermillionen kleinen Blüten verwandeln die Landschaft in ein flirrendes Meer aus Violett – ein einzigartiges Naturschauspiel. Doch diese Schönheit ist kein Zufall. Die Heide ist eine von Menschen geschaffene Kulturlandschaft. In der Jungsteinzeit begann man, die Wälder zu roden, um Ackerbau zu betreiben. Im Mittelalter, als in Lüneburg Salz gewonnen wurde, stieg der Holzbedarf rasant, um die Sole zu sieden. Über Kanäle wurden ganze Wälder aus der Heide herangeschafft. Was blieb, war saurer, nährstoffarmer Boden, auf dem kaum noch etwas wuchs. Kaum etwas – außer der zähen Besenheide.

Die Menschen machten das Beste daraus und züchteten Heidschnucken. Im Mittelalter entwickelten sie ein System, das zugleich Dünger lieferte: Die Bauern trugen die oberste Erdschicht mitsamt Heidepflanzen ab. Diese „Plaggen“ kamen in die Ställe, wo sie als Streu dienten und sich mit Kot und Urin vollsogen. So entstand wertvoller Dünger für die kargen Felder. Eine anstrengende Arbeit war das – eine echte „Plackerei“. 

Doch wenn die Heide nicht dauerhaft kurz gehalten wird, erobern Bäume und Sträucher die Gebiete innerhalb weniger Jahre zurück. „Unsere Schnucken sind echte Landschaftspfleger“, sagt Kuhlmann. Deswegen wird die Haltung auch durch EU-Gelder subventioniert. Sechs bis sieben Kilo Heidekraut, junge Birken und Kiefernnadeln frisst jede von ihnen am Tag. Mit ihrem Appetit erhalten die Schafe den wichtigen Lebensraum für wärmeliebende Insekten und Eidechsen – und für uns alle als ein beliebtes Erholungsgebiet.

Heide, soweit das Auge reicht. Über 200 Quadratkilometer erstreckt sich diese Landschaft in der Nord- und in der Südheide. Besonders schön ist es, das Naturwunder auf dem Heidschnuckenweg zu erleben, der auf seinen 223 Kilometern an Schäfer Kuhlmanns Hof vorbeiführt. Ganz in der Nähe liegt auch Müden. Ein Ort wie aus dem Bilderbuch: alte Höfe mit Backsteinfachwerk, Bauerngärten, eine Wassermühle – und ein Tante-Hanna-Laden.

Tante Hanna? Ja, genau. Als 2019 der letzte Supermarkt schloss, standen die Bewohner ohne Nahversorgung da. Kurzentschlossen kaufte die Gemeinde das Ladenlokal, die Müdener renovierten, zimmerten Regale und eröffneten ihren eigenen Dorfladen. Heute trägt sich Tante Hanna selbst und ist ein sozialer Treffpunkt. An einem langen Holztisch vorne, im Kassenbereich, sitzen Nachbarn bis Ladenschluss, trinken ein Glas Wein und „schnacken“. Dieser Laden hat Seele.

Ganz so wie die alten VW-Busse von Anni Sötebier. Die 45-Jährige wartet schon vor „Tante Hanna“ auf dem Parkplatz. „Bereit für eine etwas andere Heidetour?“, ruft sie und öffnet die Schiebetür ihres cremefarbenen T2-Bullis, Baujahr 1974. Die Gäste steigen ein. Die Sitzbänke sind mit Schaffellen gepolstert, der Motor knattert in tiefer, sonorer Gemütlichkeit.

„Das ist das Besondere an einer Bullifahrt“, erklärt Anni, während sie mit einem Ruck in den vierten Gang schaltet. „Man sieht viel – und entschleunigt trotzdem.“ Mit Tempo 60 geht es vorbei an Birkenhainen, Heideflächen und über das ehemalige Militärgelände von Camp Reinsehlen – sogar die Queen war mal zu Besuch. Und 1998 der Dalai Lama. Für ihn und 10 000 Pilger wurde eine riesige Zeltstadt gebaut. Früher fanden dort Manöver und Paraden statt. 

„Heute brüten auf dem Areal über 70 seltene Vogelarten, darunter das extrem seltene Birkwild“, erklärt Naturführerin Pat Bülk. Die 56-Jährige zeigt auf einen Wacholderbusch. „Früher war das die Apotheke der Heidebewohner“, sagt sie. Die Beeren helfen gegen Bauchweh, Husten und schlechte Stimmung. „Mein Großvater hat damit sein Herz gestärkt. Während der Pest hat man das Holz, das antiseptisch wirken soll, verbrannt und heute noch kenne ich Frauen, die mit Wacholder die Wohnung ausräuchern, wenn der Haussegen schief steht.“
 

»Kratzig, etwas eigenwillig, aber einfach wunderschön.«
 

Pat Bülk, Naturführerin

Pat ist ein wandelndes Lexikon und vielseitig interessiert: Sie arbeitet nicht nur als Gästeführerin, sondern ist auch Ameisenhegerin, Waldpädagogin, Imkerin, Falknerin und Korbmachermeisterin. „Ich liebe es, mit allen Sinnen mit der Natur in Kontakt zu kommen“, sagt sie und streicht über ihren grauen Pullunder. Der ist selbst gefilzt aus Heidschnuckenwolle, hält im Winter warm und im Sommer kühl. „Wollt ihr sehen, wie ich das Garn spinne?“, sagt Pat und lädt spontan zu sich nach Hause ein.

Auf dem Sofa liegt ein Berg aus Wolle. „Die bekomme ich von den Schäfern geschenkt“, sagt Pat, während sie die Spindel durch ihren Finger gleiten lässt. „Heidschnucken sind nämlich leider durch und durch unrentabel. Ihre Haltung ist sehr arbeitsintensiv, dafür produzieren die Tiere aber nur wenig Fleisch. Die Schur ist teuer, aber trotzdem findet die Wolle keine Abnehmer, weil die Fasern sehr derb sind. „Im Grunde ist die Wolle der Heidschnucken wie die Landschaft, aus der sie kommen“, sagt Pat. „Kratzig, etwas eigenwillig, aber einfach wunderschön.“ 
 

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