Wenn der Alltag weicht und sich Sehnsüchte erfüllen

Beim Urlaub haben Bundesbürger die Qual der Wahl. Ob Wanderurlaub im derben Outfit durch ein nahes Mittelgebirge oder luxuriöse Wüstensafari, die Angebote der Tourismusindustrie sind so vielfältig wie die Sehnsüchte der Urlauber. Wichtige Trends sind Nachhaltigkeit, die Kombination verschiedener Erlebnisse und Exotik.

Illustration: Natascha Baumgärtner
Illustration: Natascha Baumgärtner
Andrea Hessler Redaktion

Kaum etwas haben Menschen während der Corona-Beschränkungen so vermisst wie das Reisen. Kein Wunder, denn Forscher haben herausgefunden, dass rund 20 Prozent der Menschen ein Gen in sich tragen, das noch von den Jägern und Sammlern unserer nomadisierenden Vorfahren aus Asien und Afrika stammt. Es beflügelt Neugier und Wanderlust. Diese Bedürfnisse lassen sich heutzutage auf sozial kompatiblem Wege am ehesten im Urlaub befriedigen. Laut der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen ist der Urlaub immer noch das zweitwichtigste Konsumgut der Deutschen hinter Lebensmitteln. Der Anteil der Bundesbürger, die im vergangenen Jahr eine Reise von wenigstens fünf Tagen Dauer unternommen haben, erreichte mit 61 Prozent das Vor-Corona-Level. Allerdings zeigte sich wie beim sonstigen Konsumverhalten eine einkommensabhängige Diskrepanz. Von den Geringverdienern mit einem Netto-Haushaltseinkommen von weniger als 1.500 Euro pro Monat konnte oder wollte sich nicht einmal jeder Dritte eine Reise leisten. Dagegen fuhren 83 Prozent der Besserverdiener mit einem Haushaltsnettoeinkommen von über 5.000 Euro in den Urlaub. Wohin die Reise geht, bestimmen Geldbeutel und individueller Geschmack. Doch wenn man sich für eine bestimmte Gestaltung entschieden hat, soll diese auch mit Sicherheit klappen. Nach Jahren der Last-Minute-Schnäppchenjagd liegt daher wieder das möglichst frühe Buchen im Trend. So meldet Europas umsatzstärkster Reisekonzern TUI, dass sich die Zahl der Frühbucher gegenüber 2023 um ein Viertel erhöht habe; das ist vor allem bei begehrten Zielen der Mittelstrecke wie Mallorca und Antalya notwendig, will man ein Zimmer im Lieblingshotel ergattern. Bei den Fernzielen haben
 

»Morgens Fango, abends Tango«

Gottlieb Wendehals

laut TUI immer noch die USA den Spitzenplatz inne, gefolgt von den Malediven und Thailand, Kanada und Mauritius. Doch nicht nur das Ziel ist entscheidend. Auch die Art der Anreise sowie der Erlebniswert des Aufenthalts spielen eine große Rolle. Die Kombination aus verschiedenen Reisekomponenten wiederum beweist erneut, dass die früher übliche Einteilung in feste Kundentypen wie Pauschalreisende, Individualtouristen und Backpacker passé ist; das Fachmagazin fvw hat schon vor Jahren festgestellt, dass das reisefreudige Individuum den „Alles-muss-möglich-sein“-Urlaub wünsche; vielleicht nicht alles vereint in einer Reise, aber doch bei verschiedenen Reisen nacheinander. Auch im Tourismus ist der hybride Verbraucher auf dem Vormarsch, der mal den schnellen Wochenend-Billig-Trip mit Kumpels nach Mallorca bucht und kurz darauf eine exklusive Glamping-Reise, also eine Luxus-Campingreise, etwa organisiert vom Spezialreiseveranstalter Take Memories. Er entführt abenteuerlustige Urlauber zum Beispiel in den exotischen Wüstenstaat Oman. Dort warten Reitausflüge auf dem Dromedar, Baden in der Oase und Übernachtungen im Luxuszelt für moderne Nomaden; die Szenerie erinnert an den Hollywood-Film Lawrence von Arabien mit dem legendären Frauenschwarm Omar Sharif, hingebettet auf wertvolle Teppiche, umgeben von dienstbaren Geistern und umhüllt mit einer Wolke von Weihrauch, wenn abends der Sound der Mirwas, der Handtrommeln, vom Lagerfeuer herüberweht.

Illustration: Natascha Baumgärtner
Illustration: Natascha Baumgärtner

Wer es weniger exotisch, trocken und heiß, dafür eher kontemplativ und gesundheitsorientiert mag, für den sind die klassischen Heilbäder von Baden-Baden bis in die polnische Hohe Tatra ebenso eine Option wie moderne Hotels, die mit ihrem allumfassenden Wellnessangebot für die unterschiedlichsten Bedürfnisse etwas parat haben. Im Hotel Jungbrunn im österreichischen Tannheimer Tal etwa können Gäste wählen zwischen Faszien-Therapie und Ayurveda, Verjüngungskuren in der Solegrotte und geführten Meditationen; die Wellness-Treatments von Hotels wie dem Jungbrunn verwöhnen ihre Gäste mit deutlich mehr Komfort und Hingabe als es frühere Heilkuren vermochten, bei denen sich Gäste angesichts frugaler Mahlzeiten und unsanfter Weckmethoden noch mit dem ironischen Spruch „Morgens Fango, abends Tango“ des Spaßbarden Gottlieb Wendehals aufmunterten.

Völlig andere Vergnügungen suchen hingegen Freunde klassischer Musik. Die Sommersaison ist in ganz Europa Festspielzeit. Für besondere Aufführungen ihrer Lieblingskomponisten und favorisierten Interpreten fahren oder fliegen Klassikfans weite Strecken. Es zieht sie zur Oper in der Arena von Verona, zu Musikfestspielen in Potsdam oder Dresden oder zu den weltberühmten Proms, den traditionellen Sommerkonzerten in London. Kultur ist ein Tourismusmagnet, doch oft sind Planung und Buchung von Eintrittskarten und Hotels nervenaufreibend. „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“, singt die Rosalinde in der Strauss-Operette Die Fledermaus, ein Motto, das für die Liebhaber sämtlicher Musikgenres gilt, wenn sie sich mal wieder vergeblich um Eintrittskarten für Beyoncé oder Bayreuth bemüht haben. Wagner-Opern etwa ziehen jedes Jahr Tausende Liebhaber auf den berühmten Grünen Hügel. Doch trotz Preisen von teils mehr als 2.000 Euro pro Karte gleicht deren Erwerb eher einer Lotterie. Ein Ausweg aus dem Dilemma ist die Buchung über einen Reiseveranstalter inklusive des Transports. Wie wäre es zum Beispiel mit der Anreise im Salonwagen des Luxon, eines luxuriös ausgestatteten Privatzugs des privaten Zugunternehmens Rail Adventure, der für außergewöhnliche Ausflüge und Events gebucht werden kann. Aktuell sind zum Beispiel Fahrten ab München zu den Aufführungen der Opern Der fliegende Holländer und Parsifal im Angebot, inklusive Sterne-Dinner an Bord und Shuttle-Service zum Festspielhaus. Auf dem Weg kann man im Panoramawagen speisen und die liebliche fränkische Landschaft betrachten. Nach einigen Stunden schließlich begibt man sich völlig relaxed mit anderen mehr oder weniger prominenten Wagnerianern, gekleidet in Abendgarderobe, zu den engen, schlichten Holzsitzen im Richard-Wagner-Festspielhaus und lauscht mehrere Stunden ergriffen der bombastischen Musik. Nach der Vorstellung darf man die Beine auseinanderknoten, den Rücken strecken und sich auf eine entspannende Massage in einem Wellnesstempel freuen.