Vier Jahre lang hat Gertrud Meier die kleine Ina* begleitet, bis sie im September 2024 mit gerade mal 8 Jahren starb. „Ina hatte Kinderdemenz. Als ich sie kennenlernte, konnte sie noch laufen und vieles andere machen. Im Laufe der Jahre hat sie dann immer mehr Fähigkeiten verloren“, sagt die 65-Jährige. „Als sie starb, durfte ich zusammen mit der Familie bei ihr sein. Das war eine unglaublich berührende Erfahrung für mich.“ Mit Inas Eltern hat Gertrud Meier nach wie vor Kontakt. „Das Mädchen war unglaublich, sie hat einfach immer gelacht. Ich habe durch sie gelernt, Momente zu schätzen: Wenn ein erkranktes Kind dir eine Umarmung schenkt oder auch nur ein Lächeln, ist das einfach das größte Geschenk, egal, wie doof der Tag vorher auch gelaufen ist. Das macht glücklich, zufrieden und demütig.“ Und auch von den Familien komme so viel Dankbarkeit zurück, das sei einfach schön.
Seit 2012 engagiert sich Gertrud Meier ehrenamtlich – neben ihrer vollen Stelle als Betreuungskraft im Caritas-Zentrum Wenden im Sauerland. Die ersten Jahre war sie in einer Kindertrauergruppe, danach und bis heute ist sie bei verschiedenen Kinder- und Jugendhospizdiensten des Deutschen Kinderhospizvereins (DKHV) tätig. Durch einen Zeitungsartikel über den Kinder- und Jugendhospizdienst Sternentreppe der Caritas in Hagen wurde sie seinerzeit auf das Thema aufmerksam. „Damals waren meine Kinder schon aus dem Haus, ich hatte also mehr Zeit und dachte ‚Du hast so viel Glück gehabt im Leben und so viel Gutes erlebt. Nun kannst du etwas zurückgeben‘.“ Mit Hospizdiensten hatte sie bis dahin keine Erfahrung. „Aber meine Schwägerin hat ein Kind mit lebensverkürzender Erkrankung in die Ehe mit meinem Bruder gebracht. Da hab ich gemerkt, dass ich keinerlei Berührungsängste habe.“ Inzwischen begleitet Gertrud Meier den dritten jungen Menschen mit lebensverkürzender Erkrankung, den 21-jährigen Tim*. In der Regel besucht sie ihn einmal in der Woche für zweieinhalb bis drei Stunden, geht mit ihm spazieren oder in einen Tierpark. „Außenstehende empfinden diese Arbeit als sehr hart und traurig. Für mich ist es das beste Geschenk, das ich bekommen habe.“
Es waren betroffene Familien, die 1990 den DKHV gegründet haben. Mit seinen ambulanten Kinder- und Jugendhospizdiensten an bundesweit mehr als 30 Standorten begleitet und unterstützt der Verein Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit einer lebensverkürzenden Erkrankung sowie deren Familien. Neben gut 180 hauptamtlichen sind mehr als 1.450 ehrenamtliche Mitarbeitende bei dem Verein aktiv. Die Ehrenamtlichen gehen zu den Familien nach Hause und verbringen dort Zeit, unternehmen gemeinsame Dinge, begleiten auch die Geschwister und stehen als Gesprächspersonen für sie und die Eltern zur Verfügung.
„Ehrenamtliche sind sozusagen das Fundament unserer Arbeit. Das heißt, sie stellen ihre Zeit zur Verfügung und sind das Bindeglied der Gesellschaft“, sagt DKHV-Vorstand Marcel Globisch. „Sie zeigen: Wir stehen an der Seite der Familien und wir unterstützen euch.“ Der DKHV qualifiziert die Ehrenamtlichen nicht nur, sondern unterstützt sie auch während der Begleitung kranker Kinder und ihrer Familien.
BUNDESWEIT 27 MILLIONEN EHRENAMTLICHE
Laut dem sechsten Deutschen Freiwilligensurvey der Bundesregierung engagierten sich 2024 hierzulande rund 27 Millionen in Deutschland freiwillig und unentgeltlich: zum Beispiel in Sportvereinen, sozialen Einrichtungen, Umweltinitiativen, Feuerwehren, Kirchengemeinden oder Nachbarschaftsinitiativen. Ohne dieses Engagement wäre Deutschland um vieles ärmer: sozial, menschlich und auch kulturell. Viele Familien müssen mit schweren Belastungen leben, etwa wenn ein Kind schwer krank ist, wenn das Geld vorne und hinten nicht reicht oder ein alleinerziehendes Elternteil Arbeit und Familie irgendwie unter einen Hut bekommen muss. In solchen Situationen geraten Familien oft an ihre emotionalen und organisatorischen Grenzen. Genau hier setzen viele ehrenamtliche Initiativen an. Zum Beispiel gemeinnützige Organisationen wie die wellcome gGmbH, die junge Familien im ersten Jahr nach der Geburt eines Kindes unterstützt. Ehrenamtliche helfen den Familien ein- bis zweimal in der Woche für zwei bis drei Stunden im Alltag: Sie passen auf das Baby auf, damit sich die Eltern mal erholen können, gehen mit ihm spazieren oder spielen mit dem Geschwisterkind.
Auch sogenannte Familienpaten unterstützen junge Eltern mit Babys und Kindern im Alltag: Sie kümmern sich zum Beispiel um die älteren Geschwister, betreuen deren Hausaufgaben, gehen einkaufen oder begleiten bei Arztbesuchen. Wohlfahrtsverbände wie AWO, Caritas, Diakonie, DRK oder der Kinderschutzbund schulen und begleiten die ehrenamtlichen Familienpaten. Häufig sind das Frauen, die selbst Kinder haben. So eine Patenschaft beginnt oft schon während der Schwangerschaft und geht so lange, bis das Kind drei Jahre alt ist.
Das christliche Kinder- und Jugendwerk Die Arche betreibt bundesweit Standorte in sozialen Brennpunkten. Kinder aus armen Familien bekommen hier täglich eine warme Mahlzeit, sie erleben Wertschätzung und Vertrauen. Bundesweit unterstützen knapp 300 Ehrenamtliche Kinder und Jugendliche bei den Schulaufgaben und beim Lernen, unternehmen mit ihnen Freizeitaktivitäten und sind verlässliche Ansprechpersonen.
* Namen von der Redaktion geändert
ANLAUFSTELLEN
Die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE) unterstützt und fördert ehrenamtliches und bürgerschaftliches Engagement: deutsche-stiftung-engagement-und-ehrenamt.de
Die Aktion Mensch listet auf ihrer Website bundesweite Möglichkeiten für soziales Engagement auf: engagement-plattform.de
Die großen deutschen Hilfsorganisationen haben ein Freiwilligenportal eingerichtet: helfenkannjeder.de
Online-Community für ehrenamtliches Engagement: govolunteer.com
Über Ehrenamt im Zivil- und Katastrophenschutz informiert das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe: mit-dir-fuer-uns-alle.de/ehrenamt