»Der Wunsch nach Familie bleibt«

 Wie bindungsfähig sind junge Menschen, wie denken sie über Partnerschaft, Familienplanung, Karriere? Simon Schnetzer veröffentlicht mit seinem Team regelmäßig die Studie „Jugend in Deutschland“, die solchen Fragen nachgeht. Sein Credo: Nicht nur über junge Menschen sprechen, sondern mit ihnen. Deshalb beteiligen sich an dem Gespräch der 18-jährige Laurenz Spies, Landesschulsprecher in Hessen, und die 20-jährige Mame Diore, Sprecherin der bundesweiten Jugendbewegung OurGenerationZ.

Illustrationen: Anna Rupprecht
Illustrationen: Anna Rupprecht
Verena Mörath Redaktion

Herr Schnetzer, Sie forschen seit 15 Jahren über die Lebenswelten junger Menschen, aktuell insbesondere der Generation Z – die Geburtsjahrgänge 1995 bis 2009. Sie untersuchen dabei auch, welche Vorstellungen von Beziehungen und Familie junge Menschen haben. Gibt es in der aktuellen Studie Überraschungen?
Simon Schnetzer: Was sich erstaunlich wenig verändert hat, ist das Bild einer „schönen Zukunft“. Familie, eine gute Beziehung, ein gewisser Wohlstand und eine Arbeit, die Spaß macht – das prägt weiterhin die Wünsche vieler junger Menschen. Interessant ist, dass nicht mehr Auto, Pferd oder Ferienhaus Statussymbole sind, es wird mehr auf Erlebnisse und Erfahrungen gesetzt, die man teilen kann. Eine weitere Erkenntnis ist, dass seit der Covid-19-Pandemie, Inflation und Ukrainekrieg die finanzielle Sicherheit wichtiger geworden ist, Geld spielt für viele eine größere Rolle. Aber trotz gefühlter Dauerkrise haben junge Menschen den Wunsch, eine Familie zu gründen.

Was können die Jüngeren über ihre Befindlichkeiten erzählen? 
Mame Diore: In meinem Freundeskreis ist Liebe und Bindung ein Ziel – aber eher für später. Gerade geht es darum, Erfahrungen zu sammeln und möglichst frei zu leben, ohne den Druck, dass mit Ende 20 schon alles feststehen muss. Für mich ist zum Beispiel klar: Vor 30 bekomme ich kein Kind. Gleichzeitig haben viele schon ein Zukunftsbild – mit Selbstständigkeit, Wohlstand und möglichst viel Freiheit im Arbeitsalltag statt klassisch 9-to-5.

Und wie sieht es aus mit eurem Bindungswunsch? Euch wird eher Unsicherheit zugeschrieben, sich fest zu binden. Ist das so?
Mame: Ich glaube, ein Grund ist die enorme Auswahl. Durch Social Media sehen wir viel mehr Möglichkeiten – auch unterschiedliche Beziehungsmodelle, nicht nur monogame. Viele wollen deshalb erst herausfinden, was wirklich zu ihnen passt, und schieben feste Bindungen eher nach hinten. Ich sehe darin etwas Positives: Wir reflektieren stärker, wie wir leben und lieben möchten.

Welche Erkenntnisse bieten denn die Studien zum Thema Bindung?
Simon: Als ich jung war, wusste man über jemanden, den man kennenlernte, erst einmal sehr wenig. Man musste Mut haben, jemanden anzusprechen, und hat sich Schritt für Schritt kennengelernt. Heute bekomme ich einen ersten Eindruck online: über Social Media, Dating-Apps, Chats. Man weiß scheinbar schon viel übereinander – aber die eigentliche Begegnung bleibt eine Hürde. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, es gäbe immer noch eine bessere Option. Dating-Plattformen verstärken das Gefühl einer riesigen Auswahl.

Es gibt mehr Auswahl – aber nicht unbedingt mehr Sicherheit?
Simon: Genau. Viele Optionen machen Entscheidungen oft schwieriger. Früher war Kennenlernen auch nicht einfach, aber man hat nach dem ersten Schritt weniger verglichen, weil das eine so große Hürde darstellte. Heute konkurriert eine reale Begegnung ständig mit idealisierten Bildern anderer Menschen und Beziehungen online. Beziehungstiefe zuzulassen, konkurriert mit dem Gefühl, es gibt doch noch so viele andere, vielleicht bessere Chancen und Matches, also lieber Status auf unverbindlich halten und weitersuchen.

Weicht heute das klassische Modell der festen Beziehung zu zweit auf? Welche Beziehungsmuster werden in der Generation Z gelebt?
Mame: Ich stelle fest: Manchmal hält man sich gegenseitig ein bisschen warm. Man schaut, ob sich noch etwas Besseres ergibt oder ob sich daraus vielleicht doch mehr entwickelt. Wir sind jung, wollen frei sein und uns nicht sofort binden. In einer festen Beziehung übernimmt man auch emotionale Verantwortung füreinander – man kümmert sich, versucht den anderen zu verstehen. In einer Situationship fällt ein Teil dieser Verantwortung weg. Das nimmt Druck und lässt Raum, erst einmal zu schauen, was daraus wird.

Wenn ihr von Freundschaft plus oder Situationship sprecht, wo verlaufen die Grenzen? 
Laurenz Spies: Das ist ziemlich fließend und hängt stark von den Menschen ab. Für mich ist Freundschaft plus vor allem eine Freundschaft mit einer sexuellen Komponente. Was dabei fehlt, ist die emotionale Verbindlichkeit der Beziehung. Eine Situationship ist eher eine Zwischenphase: Man ist sich näher, vielleicht sind auch Gefühle im Spiel, aber es ist noch keine klar definierte Beziehung. Für mich wird es erst eine festere Beziehung, wenn beide das gemeinsam so festlegen. Wenn man merkt, dass echte Gefühle da sind und man sich ohnehin schon wie ein Paar verhält – sich regelmäßig sieht, sich nahe ist – und dann sagt: Okay, wir sind jetzt zusammen. Freundschaft plus bleibt für mich eher etwas, bei dem diese emotionale Ebene bewusst außen vor bleibt.

Mame: Für mich hat das viel mit Verantwortung und Gefühlen zu tun. Wenn es mir plötzlich nicht mehr egal wäre, ob die andere Person noch jemand anderen datet, dann merke ich: Die Person bedeutet mir mehr. Dann möchte ich auch, dass es ihr gut geht und fühle mich stärker verbunden.

Wie beurteilen Sie diese Zwischenformen von Beziehungen?
Simon: Was sich stark verändert hat, ist die Öffentlichkeit von Beziehungen – das, was man heute Public Display of Affection nennt. Früher blieb Dating meist im kleinen Kreis: Freunde wussten vielleicht Bescheid, aber es war nicht für alle sichtbar und schon gar nicht dauerhaft dokumentiert. Heute werden Beziehungen oft auch über Social Media sichtbar und damit potenziell für ein viel größeres Publikum. Das erhöht den Druck, sich sehr sicher zu sein, bevor man etwas offiziell macht – etwa den Schritt von einer Situationship oder Freundschaft plus zu einer festen Beziehung.

Erschweren Social Media, sich zu verlieben und fest zu binden? 
Laurenz: Nun, ich glaube eher, was uns junge Menschen aktuell ein bisschen bedroht und davon abhält, in eine Beziehung zu gehen, ist eher alles, was außen herum passiert. Als Landesschulsprecher registriere ich, dass für viele junge Menschen die Schule immer stressiger wird, aber auch die weltpolitische Lage sie belastet. Und dass sie teilweise einfach sagen, ich habe jetzt gerade keinen Kopf für eine klassische Beziehung, ich wähle lieber Freundschaft plus oder Situationship, weil das für mich weniger Arbeit und weniger Mental Load bedeutet.

Interessant ist, dass Erhebungen des Gesundheitsministeriums zeigen, dass das „erste Mal“ bei Jüngeren später stattfindet, woran liegt das? 
Simon: Laut Erhebungen liegt das Durchschnittsalter für den ersten Sex heute bei etwa 19 Jahren. Das variiert stark je nach Umfeld, Familie oder Freundeskreis.

Ein wichtiger Faktor scheint Vertrauen zu sein: Junge Menschen wachsen heute mit sehr präsenten, oft extremen Bildern von Sexualität auf – etwa durch Pornografie im Netz. Dadurch entsteht schnell ein verzerrtes Bild davon, was „normale“ Sexualität ist. Gleichzeitig kursieren intime Bilder viel leichter online. Umso mehr Vertrauen braucht es, sich wirklich zu öffnen – und das könnte ein Grund sein, warum viele sich mehr Zeit lassen.

Mame: Ich denke häufig, dass wir in einer starken Reizüberflutung leben. Sexualität ist überall präsent – in Filmen, im Internet, auf Social Media. Das kann auch Druck erzeugen, weil plötzlich alles sexualisiert wirkt und bestimmte Erwartungen entstehen. Deshalb ist es umso wichtiger, für sich selbst herauszufinden, was sich richtig anfühlt. Für viele ist das ein Prozess, in dem man erst einmal seinen eigenen Umgang mit Sexualität finden muss.

Laurenz: Ich glaube auch, dass Pornografie junge Menschen beeinflusst. Viele kommen früh damit in Berührung und dadurch entsteht ein bestimmtes Bild davon, wie Sexualität abläuft. Natürlich entwickeln sich nicht bei allen automatisch extreme Erwartungen. Auch habe ich das Gefühl, dass sich in den letzten Jahren ein stärkeres Bewusstsein entwickelt hat. Viele hören von Freunden in Beziehungen oder von Influencern, dass das, was man im Internet sieht, wenig mit der Realität zu tun hat und hinterfragen inzwischen stärker, was gezeigt wird.

Frei sein, erst ausleben und keine frühe Elternschaft – dennoch ist Familiengründung eine Option. Welche Faktoren beeinflussen junge Menschen in ihrem Wunsch, wenn auch später, eine Familie zu gründen?
Simon: Der Wunsch nach einer eigenen Familie bleibt für viele junge Menschen ein Idealbild. Der Weg dorthin wirkt jedoch komplizierter. Zunächst geht es darum, jemanden zu finden, mit dem man sich eine Familie vorstellen kann. Die Suche nach Partnerinnen und Partnern hat sich im Kern nicht verändert, aber die Kriterien und Formen des Kennenlernens schon. Deutlich anders sind die Vorstellungen von Familiengröße. Viele wünschen sich heute weniger Kinder als früher – nicht zuletzt, weil der Anspruch gestiegen ist, „perfekte“ Eltern zu sein und alles richtig machen zu müssen. Am besten noch ein Elternstudium absolvieren, um sich den Schritt „wir bekommen ein Kind“ zuzutrauen. Insgesamt spielen zudem finanzielle Sicherheit, Wohnsituation und verlässliche Unterstützung heute eine größere Rolle als früher, wenn junge Menschen über Familiengründung nachdenken.

Illustrationen: Anna Rupprecht
Illustrationen: Anna Rupprecht
Illustrationen: Anna Rupprecht
Illustrationen: Anna Rupprecht

Und diese Aussagen übersetzt in die jugendliche Perspektive?
Laurenz: Wir sprechen früh über Beziehungen, Zukunft und Familie und fragen uns, was wirklich zu uns passt. Für mich wäre wichtig, dass ich in einer stabilen Lebensphase bin: Erst wenn Job, Wohnort und Partnerschaft einigermaßen gefestigt sind, würde für mich eine konkrete Familienplanung beginnen. Spannend ist, dass viele aus meinem Freundeskreis sich langfristig gesehen eher in einem klassischen Familienmodell sehen: zwei Elternteile und Kinder, unabhängig davon, ob es Vater und Mutter oder zwei Mütter oder zwei Väter sind. Offene Beziehungen oder sehr komplexe Patchworkmodelle spielen dagegen kaum eine Rolle. Gleichzeitig gibt es auch Menschen, die sich bewusst gegen Kinder entscheiden oder noch gar nicht wissen, ob sie welche wollen. 

Mame: Ich kann mich persönlich Laurenz anschließen: Auch für mich wäre es wichtig, dass mein Leben insgesamt stabil ist – finanziell, beruflich, aber auch mental. In meinem Umfeld gehen die Meinungen auseinander: Manche wollen früh Kinder, andere sind unsicher oder sagen, sie möchten lieber die „coole Tante“ bleiben. Und ich höre auch von Freunden, die Beziehungen eher als Lebensphasen sehen – etwas Schönes, das vielleicht nicht für immer bestehen bleibt.

In mancher Hinsicht unterscheidet sich die Generation Z nicht sehr von früheren Generationen: Freundschaften, Partnerschaft und Familie bleiben ein emotionaler Anker, ein Sicherheitsnetz und Sinnfaktor. Wird sich das ändern? Welche Entwicklungen sind vorstellbar? 
Simon: Wenn man in die Zukunft schaut, könnte Künstliche Intelligenz auch Beziehungen verändern. KI-Systeme werden immer besser darin, zuzuhören, zu beraten oder Menschen miteinander zu matchen. Für manche kann das das Gefühl erzeugen, verstanden und begleitet zu werden – ohne die Risiken und Unsicherheiten, die echte Beziehungen mit sich bringen.

Also eine Art emotionale Abkürzung?
Simon: Genau. Gerade schüchterne Menschen könnten darin eine Art Ersatz finden. Ähnlich wie viele soziale Bedürfnisse heute schon über Social Media erfüllt werden, ohne dass man das Haus verlassen muss. Das könnte dazu führen, dass der Schritt in echte Beziehungen – mit all ihren Reibungen und Anforderungen – für manche noch schwieriger wird. Gleichzeitig bleibt klar: Echte Begegnung, körperliche Nähe oder Kinder lassen sich nicht durch KI ersetzen. Die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse nach Nähe und Beziehung werden also bleiben – nur die Wege dorthin könnten sich verändern.

Welches Bild von der Zukunft der Liebe und der Familie zeichnet die junge Generation?
Mame: Ich glaube, einige Beziehungsmuster bleiben bestehen, weil sie sich über lange Zeit bewährt haben. Gleichzeitig könnte die Vielfalt größer werden. Vielleicht entstehen mehr unterschiedliche Modelle, die nebeneinander existieren und gesellschaftlich stärker akzeptiert werden. Menschen werden vermutlich freier darin, so zu lieben, wie es für sie funktioniert – auch beeinflusst durch andere Kulturen oder neue Lebensentwürfe. 

Laurenz: Ich denke auch, dass unsere Gesellschaft offener für verschiedene Formen von Beziehungen wird. Trotzdem bleibt der Kern gleich: Menschen wollen lieben und diese Liebe mit anderen teilen. Nähe, Freundschaft, Romantik – das gehört einfach zu uns. Deshalb glaube ich nicht, dass KI echte Beziehungen verdrängen wird. Für manche mag das eine Rolle spielen, aber die meisten werden weiterhin echte Begegnungen und Beziehungen suchen.

Wenn wir über die Zukunft von Familie sprechen – wird der Zusammenhalt vielleicht aus ganz praktischen Gründen noch wichtiger, etwa wenn es um Pflege oder gegenseitige Unterstützung geht?
Simon: Ja, davon gehe ich aus. Durch den demografischen Wandel wird es schwieriger werden, soziale Sicherungssysteme wie Pflege oder Betreuung allein über staatliche Strukturen zu organisieren und zu finanzieren. Vieles, was in den letzten Jahrzehnten ausgelagert wurde – Kinderbetreuung, Pflege älterer Menschen oder soziale Absicherung –, wird künftig stärker wieder in den Familien und im direkten Umfeld stattfinden müssen. Das bedeutet, dass Generationen wieder enger zusammenrücken könnten: innerhalb der Familie, aber auch in Nachbarschaften oder lokalen Gemeinschaften. Nicht unbedingt nur, weil Menschen das wollen, sondern weil es notwendig wird. Fachkräftemangel, steigende Kosten und eine alternde Gesellschaft werden dazu führen, dass Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung auf jeden Fall wichtiger werden.

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