»Wir müssen so früh wie möglich durch technische Bildung mit der Sicherung des Ingenieurnachwuchses beginnen.«

Juni 2015 | Die Welt | Talente der Zukunft
Wie gewinnen wir mehr Nachwuchs für technische Berufe?
Die Redaktion befragt Akteure zu Herausforderungen in ihrer Branche.
Juni 2015 | Die Welt | Talente der Zukunft

»Wir müssen so früh wie möglich durch technische Bildung mit der Sicherung des Ingenieurnachwuchses beginnen.«

Prof. Dr.-Ing. Udo Ungeheuer / Präsident des Verein Deutscher Ingenieure VDI

Werden Sie Ingenieurin oder Ingenieur! – diesen Rat gebe ich technikbegeisterten jungen Menschen. Aus gutem Grund: Nach wie vor bietet der Ingenieurberuf sehr gute Chancen für eine Beschäftigung. Der Ingenieurberuf ist und bleibt ein Beruf mit Zukunft. Ohne Ingenieure läuft nichts in unserem Land. Sie tragen mit mehr als 211 Milliarden Euro mehr als jede andere Berufsgruppe zur Wertschöpfung der Wirtschaft bei. Sie sind zentrale Wissensträger für technisches Know-how in den Unternehmen und der Motor für Innovationen. Im Zeitalter von Industrie 4.0, aber auch bei der Lösung anderer globaler Herausforderungen – wie zum Beispiel bei der Energiewende, der Eindämmung des Klimawandels und nachhaltiger Mobilität – sind sie noch wichtiger.

Wer Ingenieurwissenschaften studiert, wird sich auch künftig ein breites Spektrum an Grundlagenwissen in Mathematik, Naturwissenschaften, Technologie und notwendigem interdisziplinären Wissen aneignen. Diese Fächer bilden das Fundament für die Qualifikation eines jeden Ingenieurs und machen unsere Ausbildung so gut. Doch die Arbeitswelt wird immer schneller und vielfältiger. Ingenieure werden heutzutage mit erhöhten Komplexitäts-, Problemlösungs- und Lernanforderungen konfrontiert. Es steigt der Bedarf an Überblickswissen. Ingenieure müssen deshalb noch bessere Innovationsmanager werden. Als solche verfügen sie nicht nur über fachliche, sondern auch über interdisziplinäre Kompetenzen, die sie für den modernisierten Innovationsprozess fit machen. Der klassische Ingenieur als ausschließlich technisch versierter Experte wird sein Profil erweitern und sich interdisziplinärer aufstellen müssen. Das ist eine anspruchsvolle wie spannende Herausforderung! Trotz der sehr guten Aussichten, dürfen wir nicht nachlassen für das Ingenieurstudium zu begeistern. Wie kann uns dies gelingen? Erstens müssen wir so früh wie möglich in der Schule durch technische Bildung mit der Sicherung des Ingenieurnachwuchses beginnen. Zweitens müssen wir Mädchen und Frauen für ein Ingenieurstudium ermuntern, um so ihr Potenzial zu nutzen. Drittens müssen wir die Studienabbrecherquote senken, ohne dabei das generelle Leistungsniveau zu verringern und ohne dass dabei die Qualität verloren geht.

www.vdi.de

Juni 2015 | Die Welt | Talente der Zukunft

»Wir müssen unsere Tore öffnen und zeigen, was wir tun!«

Dr. Jörg Friedrich / Abteilungsleiter Bildung Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA)

Über eine Million Menschen beschäftigt der Maschinen- und Anlagenbau. Er ist damit Deutschlands beschäftigungsstärkste Industrie. Bedarf steigend. Leider ist es laut Bundesagentur für Arbeit schon heute in einzelnen technischen Berufsfeldern schwer, Nachwuchskräfte zu finden. Dies betrifft Ingenieurinnen und Ingenieure sowie beruflich qualifizierte Fachkräfte gleichermaßen. Unser Ziel muss daher sein, generell mehr geeignete junge Menschen für den Maschinen- und Anlagenbau zu gewinnen. 

 

Hauptzielgruppe unserer Werbung müssen die „geeigneten Unentschlossenen“ sein. Das sind die, die bis zuletzt nicht wissen, was sie nach der Schule machen sollen, ein Ingenieur-Studium oder eine technische Berufsausbildung zwar ohne Probleme schaffen würden, es aber nicht in Betracht ziehen. Weil sie keine Vorstellung davon haben, was etwa ein Ingenieur der Verfahrenstechnik oder eine Mechatronikerin tatsächlich macht. Was Bankangestellte, Bäcker, Ärzte oder Lehrer tun, das wissen Jugendliche oder haben zumindest eine gewisse Vorstellung davon. Die Tätigkeiten in der Industrie dagegen sind für viele Schülerinnen und Schüler eine „black box“.  Unsere Produktion findet in geschlossenen Fabrikhallen statt.

 

Wir müssen unsere Tore öffnen! Unsere Aufgabe muss es sein, jungen Menschen zu zeigen, was wir tun. Wir müssen ihnen vermitteln, dass bei uns Teamarbeit groß geschrieben wird und wir nicht, wie viele von ihnen glauben, in schmuddeligen und lauten Ecken allein „rumbasteln“. Wir müssen ihnen verdeutlichen, dass unsere Arbeit Sinn macht, dass wir mit technischen Lösungen dazu beitragen, die großen Herausforderungen der Menschheit, wie Nahrungsmangel und Umweltverschmutzung, zu lösen. Wir müssen sie mit unseren Produkten und vor allem auch mit Menschen in Berührung bringen. Nur das schafft Nähe, Emotion und Verbundenheit.

 

Die gute Nachricht ist: Schülerinnen und Schüler wünschen sich ausdrücklich den Kontakt zu Unternehmen. Sie wollen aus erster Hand informiert werden. Diese Chance sollten wir nutzen. Wir sollten sie mit den jungen Leuten in unseren Unternehmen in Kontakt bringen, den Auszubildenden und den „Young Professionals“. Auszubildende kommunizieren auf Augenhöhe mit Schülerinnen und Schülern. Sie sind glaubwürdig und hochzufrieden mit ihrer Ausbildung, wie die Ergebnisse der jüngsten VDMA-Nachwuchsstudie eindrucksvoll zeigen. Es empfiehlt sich daher, diese aktiv in die Nachwuchswerbung einzubinden, sie in Schulen von ihren Berufen und Unternehmen berichten zu lassen.

 

www.vdma.org