»Diversity ist nicht nur notwendig, sondern zahlt sich auch aus.«

Dezember 2020 | Handelsblatt | Perspektiven 2021
Neustart 2021
Die Redaktion befragt Expert*innen zu kommenden Chancen und Herausforderungen für die deutsche Wirtschaft.
Dezember 2020 | Handelsblatt | Perspektiven 2021

»Warum sollten wir auf die riesigen Potenziale moderner Technologien verzichten?«

Dr. Simone Peter / Präsidentin Bundesverband Erneuerbare Energie e.V. (BEE)

Was im Jahr 2020 mit der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) für den Stromsektor, aber auch bei Wärme- und Verkehrswende nicht geglückt ist, nämlich dem Ausbau der Erneuerbaren Energien neuen Schwung zu verleihen, muss im Jahr 2021 dringend angegangen werden. Politisch müssen jetzt die Weichen gestellt werden, um die Klimaziele für 2030 gemäß Pariser Klimaabkommen zu stellen, und so den Wirtschaftsstandort mit der Versorgung durch saubere Energien in die Zukunft zu führen.

 

Das heißt zum einen, dass die deutschen Klimaziele entsprechend der Erhöhung auf EU-Ebene anzupassen sind, und zum anderen, dass zentrale Klimaschutzinstrumente wie das EEG, aber auch die Weiterentwicklung der Treibhausminderungsquote für den verstärkten Einsatz der Erneuerbaren im Verkehr- und Wärmesektor vorzunehmen ist. Damit setzt man gleichzeitig Impulse für eine nachhaltige konjunkturelle Erholung, die nach der Coronakrise dringend erforderlich ist. Hierfür sind zudem weitere Mittel in den Konjunkturprogrammen bereitzustellen. Eine neue Koalition auf Bundesebene muss deshalb unmittelbar nach der Wahl eine konsistente Klimaschutz- und Industriestrategie herstellen, um die wachsenden Bedarfe nach Ökostrom, zum Beispiel für Elektromobilität oder Wärmepumpen, aber auch nach Grünem Wasserstoff oder Grünem Kerosin mit möglichst breiter heimischer Wertschöpfung zu decken.

Denn warum sollten wir auf die riesigen Potenziale ökonomischer Entwicklung bei modernen Technologien verzichten? Und die werden – von Batterien über E-Autos bis zu Windrädern – nur hier produziert, wenn für die Produktion genügend grüne Energie zur Verfügung steht. Die historische Chance, den Wirtschaftsstandort nachhaltig zu stärken, sollte nicht ungenutzt verstreichen.

www.bee-ev.de

Dezember 2020 | Handelsblatt | Perspektiven 2021

»Die Politik muss Führung übernehmen.«

Kurt Sigl / Präsident des Bundesverbandes eMobilität (BEM)

Mit einem dicken Nachschlag des Bundes für die Mobilitätswende geht die deutsche Fahrzeugindustrie in das neue Jahr. Die Bundesregierung hat beim jüngsten Autogipfel zusätzliche drei Milliarden Euro zugesagt, die dabei helfen sollen, die Elektromobilität für Unternehmen und Bevölkerung attraktiv zu machen. Wir als Bundesverband eMobilität begrüßen das selbstverständlich. Aber wir sehen auch die Spannungen, die es auslöst, von verschiedenen Seiten.

Da sind die Bürgerinnen und Bürger, die sich wundern, dass beim Klagelied der Autohersteller die Staatskassen schon wieder aufgehen. Das ist mehr als verständlich und in der Sache auch richtig, denn die Förderung gilt wiederholt nicht für alle eFahrzeuge gleichermaßen. Noch dazu gilt sie für Akteure, die den Wandel selbst wissentlich verschleppt haben. Da sind aber auch diejenigen, die die Elektroförderung als interventionistisch bezeichnen, als markteingreifend und die Wirtschaft steuernd. Das kann man so sehen, aber auch endlich akzeptieren, dass es ein Umweltbewusstsein gibt, dass uns zur Umstellung zwingt.

Unsere Beiträge zum Klimaschutz sind sehr gering. Der Beschluss zur Reduktion der Erderwärmung wurde schon im Dezember 2015 in Paris getroffen. Jetzt muss der Wille in eine Haltung gebracht werden, die sich im Regierungs- und dann auch im Wirtschaftshandeln durchzieht. Das ist keine leichte Aufgabe. Umso wertvoller wäre eine geführte oder moderierte Reform. Die Wirtschaft ist dafür nicht zuständig, weil sie sich um ihre Produkte und Absätze kümmern muss. Es ist die Politik, die immer noch die Chance hat, hörbar Führung zu übernehmen. Die anvisierten eine Million E-Fahrzeuge im Jahr 2020 haben wir schon einmal verfehlt. Gleichwohl ist Deutschland eine leidenschaftliche Autonation, die Wirtschaftskraft, Hochtechnologie, Arbeitsplätze und Serviceverständnis geschaffen hat. Es sollte in unseren Kräften liegen, mit etwas mehr Chuzpe den Auftrag anzunehmen, unsere bisherige Begeisterung jetzt in den neuen Antrieb zu investieren.

www.bem-ev.de

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»Unsere Städte müssen noch digitaler werden.«

Achim Berg / Präsident Bitkom

Die Corona-Pandemie hat in vielen Bereichen Defizite bei der Digitalisierung offengelegt – zum Beispiel bei den Kommunen. Viele hat es vor Probleme gestellt, den Verwaltungsbetrieb aufrechtzuerhalten, während das öffentliche Leben wegen steigender Infektionszahlen heruntergefahren werden musste. Aber die vergangenen Monate haben auch gezeigt, dass jene Kommunen, die zu den digitalen Vorreitern gehören, besser durch die Krise gekommen sind.

Welche Städte sind digital spitze, wer hat noch Nachholbedarf? Antwort auf diese Frage gibt der Smart City Index, den Bitkom jährlich aktualisiert. Der Smart City Index untersucht, bewertet und rankt alle 81 deutschen Großstädte – also Städte mit mindestens 100.000 Einwohnern – nach dem jeweiligen Stand der Digitalisierung. Experten von Bitkom Research haben dafür insgesamt rund 11.00 Datenpunkte erfasst, überprüft und qualifiziert. Untersucht wurden Themenfelder wie E-Government, IT-Infrastruktur und vernetzte Mobilität.

2020 hat Hamburg den Titel als smarteste Stadt verteidigt. Im Vergleich zum Vorjahr ist der Vorsprung auf die Verfolger allerdings geschmolzen. München und Köln haben Boden gutgemacht. Zu den positiven Überraschungen gehören Darmstadt, Osnabrück und Aachen, die jeweils einen kräftigen Sprung nach vorn gemacht haben. Die vielen Positionswechsel im Vergleich zum Vorjahr verdeutlichen die enorme Dynamik in der Smart-City-Landschaft. Allen Städten sollte das ein Ansporn sein, ihre Digitalaktivitäten noch intensiver voranzutreiben. Die kommunale Finanzlage ist übrigens nicht entscheidend für digitale Exzellenz. Es sind vielmehr politischer Wille und Engagement: Zentrale Strukturen und Strategien sind der Schlüssel für exzellente digitale Städte. Wir können und müssen bei dem Thema weiter aufs Tempo drücken.

www.bitkom.org

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»Diversity ist nicht nur notwendig, sondern zahlt sich auch aus.«

Stephan Dirschl / Pressesprecher Charta der Vielfalt e. V.

Die Vielfalt der modernen Gesellschaft, beeinflusst durch die Globalisierung und den demografischen Wandel, prägt das Wirtschaftsleben in Deutschland. Wir können wirtschaftlich nur erfolgreich sein, wenn wir die vorhandene Vielfalt erkennen und nutzen. Das betrifft die Vielfalt in der Belegschaft und die vielfältigen Bedürfnisse von Kund_innen sowie Geschäftspartner_innen. Um als attraktiver Arbeitgeber die besten Köpfe für sich zu gewinnen, müssen Organisationen andere Wege finden, um potenzielle Arbeitnehmende für sich zu gewinnen.

Durch das Etablieren einer offenen Organisationskultur und einer Infrastruktur, die den individuellen Bedürfnissen ihrer Angestellten gerecht wird, kann dies erreicht werden. Im immer stärkeren Wettbewerb auf dem internationalen Markt ist es essenziell, diese Ressourcen zu nutzen. Nur durch vielseitig aufgestellte Teams können neue, kreative Lösungsansätze entwickelt werden. Auch die Motivation und Produktivität der Arbeitnehmenden wird durch das daraus resultierende Wohlbefinden gesteigert.

Viele Unternehmen und Institutionen haben erkannt, dass Diversity heute nicht nur notwendig ist, sondern sich auch auszahlt. Über 3.700 Organisationen haben bis heute die Charta der Vielfalt unterzeichnet und sich somit klar für eine offene und vorteilsfreie Arbeitswelt positioniert. Vielfalt zahlt sich auch gerade in Umbruchzeiten aus: Diverse Teams können sich besser auf die notwendigen Flexibilisierungen, die aktuell COVID-19 fordert, einstellen und sind innovativer – das beweist unsere aktuelle Studie „Diversity Trends 2020“. Zwei Drittel aller Unternehmen in Deutschland sehen darin mit Diversity Management konkrete Vorteile für ihr Unternehmen verbunden. Und 63 Prozent der Unternehmen erwarten, dass Diversity Management zukünftig noch stärker an Relevanz gewinnt.

www.charta-der-vielfalt.de