Die Europa-Cloud

Oktober 2020 | Handelsblatt | IT-Security & Cloud Management

Die Europa-Cloud

Um die Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu erhalten, ist es zwingend notwendig, die Kontrolle über die Datenströme der digitalen Transformation zu behalten. Ein Gespräch mit den Open-Source-Experten Peter Ganten und Kurt Garloff.

Illustrationen: Mario Parra
Interview: Klaus Lüber / Redaktion

Herr Garloff, Herr Ganten, denkt man in Deutschland über die Chancen und Risiken der Digitalisierung nach, ist ein gewisser Alarmismus spürbar. Andere Länder, vor allem die USA und China, so heißt es, würden uns mit ihren Technologien überrollen. Deshalb brauchen wir dringend eigene Lösungen. Sehen Sie das auch so?
Ganten: Man muss einfach feststellen, dass in Zukunft so gut wie jede Industrie, jedes Geschäft eine digitale Komponente hat und über digitale Plattformen abgewickelt wird. Ohne diese Plattformen und den Zugriff auf die Daten, die sie verwalten und analysieren, sind im Grunde strategische Entscheidungen und Innovationen gar nicht mehr möglich. Und genau an dieser Stelle sind wir in Deutschland und Europa tatsächlich in eine gefährliche Abhängigkeit vor allem von US-amerikanischen Anbietern gekommen.

 

Sie meinen von den großen Cloud-Service-Providern wie Amazon, Microsoft oder Google?
Ganten: Ganz genau. Und die Lage ist meiner Meinung nach wirklich ernst. Denn was bedeutet das denn eigentlich für Unternehmen, sagen wir aus der Automobilindustrie? Die würden in Zukunft völlig der Fähigkeit beraubt, überhaupt noch ganze Produktpakete anbieten zu können. Die würden, etwas drastisch formuliert, am Ende nur noch Bleche formen und irgendwann sähe unsere gesamte mittelständische Wirtschaft aus wie McDonalds- oder Subway-Filialen. Die Unternehmen sind auf dem Papier zwar noch eigenständig, aber alles, was sie verkaufen, kommt irgendwie aus einer US-amerikanischen oder chinesischen Cloud.

 

Warum entwickeln wir keine eigene, europäische Cloud?
Garloff: Genau das ist ja das Ziel des europäischen Projekts GAIA-X. Nämlich ein IT-Ökosystem zu schaffen, das es ermöglicht, Daten kontrolliert weiterzugeben und zu nutzen, ohne den US-amerikanischen oder chinesischen Weg zu gehen. Also ohne Privatunternehmen oder dem Staat das Recht einzuräumen, Daten nach Belieben auszubeuten. Sondern eine Plattform zu bauen, auf der eine Vielzahl hochprofessioneller Cloud-Dienste angeboten werden können und dabei allen unseren hohen europäischen und deutschen Standards im Bereich Datensicherheit und Datenschutz genügen. Letztlich geht es um digitale Souveränität.
 

Das würde doch bedeuten, dass man als Nutzer auch vollen Zugriff auf den Programmcode solcher Systeme benötigte, oder?
Garloff: Und genau deswegen wird GAIA-X auch mit Open-Source-Technologie entwickelt. Nur wenn Sie genau nachvollziehen können, wie bestimmte Dienste funktionieren, haben Sie die volle Kontrolle darüber, was mit Ihren Daten passiert. Ganz abgesehen davon können Sie die Dienste viel genauer an Ihren bestimmten Bedarfsfall anpassen und bei Problemen auch viel schneller reagieren.

 

Und das kann funktionieren? Hat nicht Open-Source-Software nach wie vor das Problem, mit proprietären Produkten nur mäßig mithalten zu können?
Garloff: Das mag für den Consumer-Bereich vielleicht noch vereinzelt gelten. Und natürlich gibt es auch Open-Source-Projekte, die qualitativ schlecht sind und trotzdem noch viel zu lange weiterentwickelt werden. Aber das ist nicht die Masse.


Ganten: Was wir beobachten können, ist gewissermaßen ein Wachstum von unten nach oben. Das Internet läuft komplett mit Open-Source-Technologie, nämlich Linux, ebenso Datenbanken und Web-Frameworks. Und eigentlich ist auch bei Betriebssystemen, wenn man die mobilen Android-Geräte mitzählt, Open Source im Kampf gegen Windows – dem einzig verbliebenen Player mit einem proprietären Produkt – als Sieger hervorgegangen.

 

Aber eben noch nicht bei den großen Cloud-Anbietern.
Ganten: Wobei diese ja alle überhaupt erst durch den Einsatz von Open-Source-Technologie so erfolgreich werden konnten. Das beruht alles auf Open-Source-Software.

 

Warum sind wir nicht längst denselben Weg gegangen?
Garloff: Eine berechtigte Frage. Ich glaube, die Open Source Community hat lange nicht verstanden, dass der Wettstreit um Cloud-Angebote ein Wettstreit um Plattformen ist. Für den hochfragmentierten Markt für Open-Source-Cloud-Lösungen bedeutet das: Man kann mittel- und langfristig nur dann gegen große Player bestehen, wenn man Kräfte bündelt. Und genau daran arbeiten wir mit unserem Projekt Sovereign Cloud Stack.

 

Ist das ein Teil von GAIA-X?
Garloff: Inzwischen ja. Sovereign Cloud Stack soll eine einheitliche, standardisierte Infrastruktur für das Datenökosystem von GAIA-X aufbauen. Dann hätten wir genau den Netzwerkeffekt, den wir brauchen – mit zahllosen kleinen und mittelgroßen Cloud-Anbietern, die offen und einsehbar zusammenarbeiten und zueinander kompatible Lösungen entwickeln und anbieten.

 

Das Projekt wird inzwischen auch gefördert von der kürzlich gegründeten Agentur für Sprunginnovationen. Dabei gehe es auch, so Leiter Rafael Laguna de la Vera, um nichts Geringeres als die Verteidigung europäisch-humanistischer Werte.
Ganten: Eine Haltung, die ich voll und ganz unterschreibe. Wenn sowohl große US-Tech-Firmen als auch der chinesische Staat der Meinung sind, Technologie würde die Bedürfnisse von Menschen besser kennen als sie selbst, müssen wir erstens damit nicht einverstanden sein. Und zweitens dafür kämpfen, auch in Zukunft die Freiheit zu haben, zwischen verschiedenen Optionen zu wählen.

 

PETER GANTEN
ist Gründer und CEO der Univention GmbH sowie seit 2011 Vorsitzender der Open Source Business Alliance.


KURT GARLOFF
ist IT-Berater und Open-Source-Experte und hat erfolgreich bei der SUSE und T-Systems offene Betriebssystem- und Cloudentwicklung geleitet. Er ist Leiter des Projektes Sovereign Cloud Stack (SCS).