Ich wohne auf dem Land und neben Thai- oder indischem Curry ist hier eines besonders schwer zu bekommen: Bargeld. Als ich die Tage zum zwei Dörfer entfernten Geldautomaten gefahren bin – ein wenige Quadratmeter großer Raum, der bis auf den Automaten und eine Kamera komplett leer ist – traf ich nur einen Handwerker auf einer Leiter an, der den Räumlichkeiten gerade einen neuen Anstrich verpasste. Wofür der Raum in Zukunft genutzt werden würde, wusste er leider nicht. Aber der Geldautomat sei weg – und komme auch nicht wieder.
Wie mir geht es dem Großteil der ländlichen Bevölkerung, wie Statistiken der Bundesbank zeigen. Nur 38 Prozent der Menschen im kleinstädtischen und dörflichen Raum haben Zugang zu einem Geldautomaten innerhalb eines Radius von einem Kilometer. Eine komplette Abdeckung (99,9 Prozent) gibt es dort nur innerhalb eines 15-Kilometer-Radius. Zum Vergleich: In Metropolregionen haben 74,4 Prozent der Menschen Zugang zu einem Geldautomaten innerhalb eines Kilometers und 99,9 Prozent erreichen ihn innerhalb von fünf Kilometern. Diese „Abwärtstendenzen bei der Verfügbarkeit von Bargeld“, wie es die Bundesbank selbst analysiert, treffen damit auf Bundesbürger, die ihr Bargeld lieben. Wobei die Deutschen längst nicht mehr so bargeldaffin sind, wie sie es einmal waren. Im Gegenteil: 2024 lagen die Deutschen mit einem Anteil an Barzahlungen von 54 Prozent laut der Europäischen Zentralbank EZB bestenfalls im Mittelfeld – kein Vergleich zu Malta (67 Prozent), Slowenien (64 Prozent) oder Österreich (62 Prozent).
WELCHE ALTERNATIVEN ZUM BARGELD GIBT ES?
Gleichzeitig setzen sich europaweit Alternativen zum Bargeld immer mehr durch – vor allem seit Corona. Laut EZB-Zahlen wurden 2019 noch 25 Prozent der Zahlungen in der Eurozone mit Karte getätigt und nur ein Prozent mit dem Smartphone oder anderen mobilen Devices. 2024 hatte die Kartenzahlung bereits einen Anteil von 39 Prozent, Smartphone und Co. sind auf sechs Prozent geklettert. Dass es sich dabei um einen nachhaltigen Trend handeln dürfte, hat gleich mehrere Gründe. Zum einen haben EU-Parlament und -Rat bereits 2024 eine Bargeldobergrenze von 10.000 Euro beschlossen. Damit will die EU Geldwäsche, Terrorismusfinanzierung oder auch ein Umgehen von Sanktionen verhindern. Bis 2027 wird diese Grenze EU-weit gelten. Damit sind dann auch in Deutschland Bargeldgeschäfte oberhalb von 10.000 Euro nicht mehr erlaubt – ausgenommen Verkäufe von Privat an Privat. Bisher musste man sich hierzulande nur ausweisen und die Herkunft des Geldes nachweisen, um auch größere Summen in bar bezahlen zu können.
DER DIGITALE EURO KOMMT
Der zweite Grund für weniger Bargeldzahlungen in Deutschland könnte der digitale Euro werden. Jetzt im Oktober hat die EZB die Vorbereitungsphase zur Einführung abgeschlossen. Damit startet Projektphase zwei, in der es darum geht, technische und organisatorische Details zu klären und die gesetzlichen Grundlagen zu schaffen. Derzeit wird auf EU-Ebene davon ausgegangen, dass eine Pilotphase mit dem digitalen Euro Mitte 2027 starten und eine flächendeckende Einführung dann 2029 stattfinden könnte. Solange die Gesetzgebung aber nicht abgeschlossen ist, ist der Ausgang des Projekts offen. Wichtig dabei: Der digitale Euro wird keine Kryptowährung sein, sondern eine sogenannte Central Bank Digital Currency, CBDC. Das heißt, er wird anders als die Kryptowährungen zentral ausgegeben, ist wie Bargeld ein gesetzliches Zahlungsmittel, eins zu eins an die Entwicklung des Euro gekoppelt sowie staatlich reguliert und abgesichert.
Kurz: Bargeld bekommt eine weitere Konkurrenz und mittelfristig versprechen sich vor allem die Zentralbanken Ersparnisse. Denn je weniger Bargeld genutzt wird, desto teurer wird seine Bereitstellung. Außerdem erhoffen sich Befürworter des digitalen Euros mehr Unabhängigkeit von großen US-Zahlungsdienstleistern wie Visa, Mastercard oder auch Paypal. Kritiker wiederum sorgen sich, dass mit dem digitalen Euro Bargeld komplett verschwinden könnte, weil anders als beim digitalen Euro, für den eine Annahmepflicht vorgesehen ist, diese dem Bargeld nach aktuellem Stand verwehrt wird.
Schon heute ist eine Barzahlung in vielen Bussen auf Parkplätzen oder Ämtern nicht mehr möglich, weil Unternehmen und Behörden mit bargeldlosen Alternativen Prozesse beschleunigen und den Arbeitsaufwand reduzieren wollen. Initiativen wie bargelderhalt.eu sorgen sich nun, dass mit dem digitalen Euro und einer bisher fehlenden, dort verankerten Annahmepflicht für Bargeld deutlich mehr Unternehmen Bargeld verweigern könnten – und dann wird, wie angesprochen, eine Bereitstellung von Bargeld unter Umständen unwirtschaftlich. Damit würden dann die vielen Beteuerungen obsolet, man wolle das Bargeld nicht abschaffen, weil die Umstände automatisch dafür sorgen. Dass Bürgerinnen und Bürger damit durchsichtiger werden, weil theoretisch jede Transaktion überwacht, kontrolliert, eingeschränkt oder sogar eingestellt werden könnte, sei nur eine der negativen Folgen einer Welt ohne Bargeld, sagen die zahlreichen Initiativen unisono.
Unbegründet sind die Sorgen nicht: Ende Oktober gab es einen großflächigen Serverausfall bei Amazon Web Services, der zu Störungen bei zahlreichen Diensten wie Zoom, Signal, Coinbase oder Paypal geführt hat. Szenarien wie dieses könnten genauso großflächig den kompletten Zahlungsverkehr einstellen, wäre er ausschließlich digital, und damit das öffentliche Leben nahezu komplett lahmlegen. Gleiches gilt für einen Stromausfall, wie ihn Spanien im April dieses Jahres erlebt hat. Und auch Cyberkriminelle hätten es mit komplett digitalen Prozessen im Zahlungsverkehr deutlich leichter, mahnen Kritiker.
Ob der Wandel hin zu einem höheren Anteil digitaler Zahlungsmöglichkeiten zwangsläufig zu einem derartigen Doomsday-Szenario führen muss, sei einmal dahingestellt. Von der Hand zu weisen ist es jedoch auch nicht – vor allem dann, wenn Bargeld wirklich komplett verschwinden würde. Daher ist es nicht nur ratsam bei allem technologischem Fortschritt auch die negativen Seiten und ihre möglichen Auswirkungen mitzudenken, sondern auch weiterhin Möglichkeiten für alle Bezahlvarianten zu schaffen. Denn ein Blick auf mein eigenes Zahlungsverhalten zeigt: Je schwieriger ich an Bargeld komme, desto häufiger nutze ich Alternativen.