Oktober 2016 | Die Welt | Geld

Kapitalanlage für Kenner

In Niedrigzinsphasen wie dieser ist es schwierig, attraktive Renditen zu erwirtschaften. Professionelle wie private Anleger schauen daher zunehmend auf die Derivate, mit denen sich Marktchancen vervielfachen lassen.

Illustration: Heike Schelletter
Juliane Moghimi / Redaktion

Gleich vorab: Derivate sind nichts für Börseneinsteiger. Wer nicht a) deren Wirkmechanismen genau versteht und b) mit dem Risiko des Totalverlustes leben kann, sollte besser die Finger davon lassen. Denn Verlust und Gewinn liegen bei dieser Anlageform besonders nahe beieinander.

Am Markt werden unterschiedliche Arten von Derivaten gehandelt, wobei Optionen, Zertifikate, Futures und Swaps zu den bedeutendsten Formen gehören. Das Grundprinzip aller Derivate besteht darin, dass sich ihr Wert von einem bestimmten Basiswert (Underlying) ableitet. Das können Aktien sein, aber auch Anleihen, Währungen, Edelmetalle, Zinssätze oder bestimmte Rohstoffe. Mit dem Derivat schließen Sie als Anleger quasi eine Wette auf die zukünftige Entwicklung des jeweiligen Basiswertes ab. Dabei können Sie auf Gewinne ebenso wie auf Verluste spekulieren. Tatsächlich werden Derivate gern von Profis genutzt, um den befürchteten Wertverlust einer Anlage abzufangen: Beim sogenannten Hedging steigt in dem Moment, wo der Basiswert fällt, der Wert der entsprechend platzierten derivaten Anlage – und umgekehrt. Da es sich hierbei um eine Vorsichtsmaßnahme handelt, wird beim Hedging typischerweise ein Werteverhältnis von 1:1 angesetzt, sodass tatsächlich ein Ausgleich stattfindet.

Richtig spannend wird es in dem Moment, wo Derivate zur Potenzierung von Kursgewinnen eingesetzt werden. Besonders interessant ist das bei Seitwärtsbewegungen im Markt, weil sich hier auch aus geringsten Schwankungen Renditen erzielen lassen. Denn je nach Art des Derivats kann teilweise ein Vielfaches des Basiswert-Gewinns eingefahren werden – aber eben auch des Verlustes. Vor allem die sogenannten Hebelzertifikate bergen ein enormes Potenzial in beide Richtungen. Sie werden unter verschiedenen Namen gehandelt: Turbo-Zertifikate, Mini-Futures und Turbo-Optionsscheine. Sie spekulieren auf einen Anstieg (Long) oder Abfall (Short) des Basiswertes. Bei einem auf den DAX bezogenen Short mit dem Hebel 5 zum Beispiel würde man 25 Prozent gewinnen, wenn der DAX um 5 Prozent fällt – und entsprechend 25% verlieren, falls der DAX um 5 Prozent zulegt. Ohne gründliche Marktkenntnisse und langjährige Erfahrungen ist es schwer, auf einen grünen Zweig zu kommen.

Ebenfalls hochriskant und erst seit wenigen Jahren für Privatanleger zugelassen sind die Binäroptionen. Auch hiermit können Anleger auf steigende (Call) und fallende (Put) Basiswerte setzen und dabei sehr schnell viel Geld gewinnen oder verlieren. Der Anleger entscheidet sich also ähnlich wie beim Roulette zwischen zwei Möglichkeiten. Tritt die erwartete Kursentwicklung ein, streicht man je nach Broker eine Rendite zwischen 65 Prozent und 100 Prozent ein. Hat man sich verschätzt, verliert man alles. Typisch für binäre Optionen sind die kurzen Laufzeiten, die zwischen 60 Sekunden und einigen Wochen liegen. Wie bei allen Derivaten besteht jedoch auch hier das Emittentenrisiko: Sollte das herausgebende Geldinstitut während der Laufzeit zahlungsunfähig werden, droht der Verlust des kompletten eingesetzten Kapitals.