German Mittelstand

Juni 2017 | Wirtschaftswoche | Der starke Mittelstand

German Mittelstand

Was macht den deutschen Mittelstand so besonders? Welche Bedeutung hat er für die deutsche Wirtschaft? Wie ist er auf den demografischen Wandel vorbereitet?

Illustration: Sören Kunz
Interview: Klaus Lüber / Redaktion

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Friederike Welter, Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM).
 

Frau Welter, der Mittelstand hat so eine übermächtige Präsenz in Deutschland, dass es zunächst einmal interessant wäre zu fragen, welche Unternehmen NICHT zum Mittelstand gehören.
Der Mittelstandsbegriff orientiert sich an den Eigentumsverhältnissen und Führungsstrukturen – und nicht ausschließlich an Größenbeschränkungen. Aus diesem Grund gehören all diejenigen Unternehmen nicht zum Mittelstand, die von Managern geführt werden und/oder bei denen die Eigentümer ihre Interessen nicht mehr einbringen können. Dies trifft auf börsennotierte Unternehmen mit einer großen Anzahl an anonymen Anlegern ebenso zu wie auf kleine Unternehmen innerhalb einer Unternehmensgruppe.

 

Ausschlaggebend für die Zugehörigkeit zum Mittelstand ist also die Einheit von Eigentum und Leitung?
Genau. Interessant ist in diesem Zusammenhang übrigens die Selbstsicht der Unternehmenslenker: Je größer und je älter ein Unternehmen ist, desto mehr fühlen sich die Unternehmensangehörigen dem Mittelstand verbunden. Dies gilt selbst dann, wenn die Definitionskriterien des IfM Bonn – die Einheit von Eigentum und Leitung – nicht mehr erfüllt werden, weil die Familie nur noch Anteile hält, aber nicht mehr selbst im Unternehmen aktiv ist. Meist blicken diese Unternehmen jedoch auf eine längere Unternehmensgeschichte zurück, die irgendwann mit einem mutigen Gründer begann und die verschiedene Wachstumsphasen einschließt.

 

Sie selbst sprechen in einer aktuellen Studie davon, dass der Mittelstand sich zunehmend ausdifferenziert. Was meinen Sie damit?
Der wirtschaftliche Strukturwandel und der technologische Fortschritt haben in den vergangenen Jahrzehnten dazu geführt, dass neue Organisationsformen sowie neue Produkt- und Dienstleistungsangebote entstanden sind: Denken Sie beispielsweise an die Unternehmen, die in Folge des Outsourcing-Trends Ende vergangenen Jahrhunderts im individuellen Dienstleistungsbereich entstanden sind. Oder denken Sie an die Start-up-Szene in Berlin: Dank der modernen Technologien benötigen diese Gründer für ihre unternehmerische Tätigkeit nur einen Laptop und Kontakte. Anhand des IKT-Sektors lässt sich übrigens auch gut aufzeigen, dass Unternehmertum heutzutage zu etwas Alltäglichem geworden ist und von jedem realisiert werden kann: Anstatt in teure Produktionsmittel investieren zu müssen, nutzen viele Gründer in der Anfangszeit private Arbeitsmaterialien, wie beispielsweise ihren Laptop. Auch starten sie ihre Selbstständigkeit häufig zunächst in den privaten Wohnräumen. Zur Ausdifferenzierung des Mittelstands trägt aber auch das veränderte Konsumverhalten wie beispielsweise eine höhere Individualisierung der Nachfrage oder die Nachfrageverschiebungen auf den Güternutzen statt des Güterbesitzes – Stichwort Carsharing – bei.

 

Wie ist der Mittelstand auf den demografischen Wandel und den dadurch bedingten Fachkräftemangel vorbereitet?
Die jüngste Befragung für das Zukunftspanel Mittelstand zeigt, dass vor allem über Employer Branding versucht wird, neue Mitarbeiter zu gewinnen – und zu halten. Neben ihrer Positionierung als attraktiver Arbeitgeber halten sie es aber auch für wichtig, auf die spezifischen Bedürfnisse der Arbeitnehmer einzugehen.

 

Welche volkswirtschaftliche Bedeutung haben KMU für Deutschland?
Die rund 3,6 Millionen KMU besitzen für Deutschland eine sehr hohe volkswirtschaftliche Bedeutung: Diese Unternehmen steuern nicht nur 55 Prozent zur gesamten Nettowertschöpfung der deutschen Unternehmen bei, hier sind auch mehr als 58 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten sowie fast 82 Prozent aller Auszubildenden zu finden.

 

„German Mittelstand“ gilt international als Modell für andere Volkswirtschaften. Worin besteht das Erfolgsgeheimnis des deutschen Mittelstandes?
Eine wesentliche Stärke der mittelständischen Unternehmen besteht in ihrer festen Verankerung in den jeweiligen Heimatregionen und in den langfristigen, konsensorientierten Beziehungen, die sie zu den wichtigsten Stakeholdern unterhalten. Außerdem zeichnen sich erfolgreiche Mittelständler durch eine motivations- und leistungsfördernde Unternehmenskultur aus: Sie betrachten – und fördern – ihre Mitarbeiter als zentrale Quelle für Innovation, Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit. Hinzu kommen die Vielzahl industrieller Netzwerke sowie der hohe Spezialisierungsgrad einzelner industrieller Mittelständler.

 

Was macht den deutschen Mittelstand im internationalen Vergleich so besonders? Gibt es überhaupt eine vergleichbare Struktur in anderen Ländern?
Neben den bereits genannten Spezifika zeichnet sich der Mittelstand in Deutschland natürlich auch durch hervorragend ausgebildete Fachkräfte aus, die die mittelständischen Unternehmen durch das Duale Ausbildungssystem gewinnen. KMU gibt es natürlich auch in anderen Ländern, so ist beispielsweise die Wirtschaftsstruktur in Italien von KMU geprägt. Gerade in Norditalien mit seinen mittelständisch geprägten Industrieclustern könnte man auch am ehesten noch von vergleichbaren mittelständischen Strukturen sprechen.

 

Wie hoch ist der Internationalisierungsgrad im deutschen Mittelstand?
Sehr hoch – bei den Unternehmen mit einem Jahresumsatz zwischen zehn und 50 Millionen Euro exportieren rund 70 Prozent. Aber auch jedes zweite Kleinstunternehmen ist auf Auslandsmärkten aktiv. Das ist ein Effekt der  technologischen Entwicklung im IKT-Bereich: Diese hat dazu geführt, dass beispielsweise die mittelständischen Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe weltweit mit spezialisierten Partnern zusammenarbeiten können. Auf diese Weise ist es ihnen möglich, Ressourcenrestriktionen zu überwinden und die Risiken sowohl bei der Entwicklung neuer innovativer Technologien als auch bei der Erschließung internationaler Absatzmärkte zu teilen. Sehr viel globaler als früher sind aber auch die Dienstleister unterwegs – insbesondere jedoch diejenigen, die wissensbasierte, FuE- oder IT-gestützte Dienste anbieten. Nach jüngsten Untersuchungen unseres Instituts arbeiten in Deutschland 252.000 kleine und mittlere Unternehmen aus dem Dienstleistungsbereich (ohne Finanzsektor) für Kunden im Ausland. Insgesamt trägt der Dienstleistungshandel in Deutschland nach unseren Berechnungen branchenübergreifend ein Fünftel zum Außenhandelsvolumen bei.

 

Solide Finanzierungsmodelle sind eine Grundvoraussetzung für einen leistungsstarken Mittelstand. Ist sie Ihrer Meinung nach aktuell gegeben?
Bei inhabergeführten Unternehmen ist der Wunsch nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit stärker ausgeprägt als bei managementgeführten Unternehmen. Dies wirkt sich auch auf die Finanzierungsentscheidungen aus: Wenn möglich, greifen sie daher auf eigene finanzielle Mittel zurück. Bei der Fremdfinanzierung setzen sowohl die großen Familienunternehmen als auch die KMU weiterhin auf Bankkredite. Jüngere Unternehmen greifen gerne auch mal zu neuen Finanzierungsmodellen wie Crowdfunding.

 

Vor welchen Herausforderungen steht der Mittelstand angesichts der Digitalisierung? Man hört immer wieder, der Digitalisierungsgrad im deutschen Mittelstand lasse massiv zu wünschen übrig. Können Sie das bestätigen? Und wenn ja, welche Gründe gibt es hierfür?
Eine Befragung von Unternehmenslenkern im Verarbeitenden Gewerbe in Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen mit mindestens zehn Beschäftigten hat jüngst gezeigt, dass sich generell jedes dritte Unternehmen im Digitalisierungsprozess als (sehr) gut aufgestellt sieht. Besonders die kleinen Unternehmen teilten diese Ansicht. Auf die Frage nach der unternehmensinternen und -übergreifenden Vernetzung zeigte sich jedoch, dass die kleinen Unternehmen deutlich hinterherhinken. Der Grund: Häufig sehen sie kaum Möglichkeiten, manuelle Tätigkeiten zu digitalisieren und zu ersetzen. Dadurch verkennen sie jedoch die Chancen, die beispielsweise digitalisierte Schnittstellen zu den Kunden mit sich bringen. Betriebliche Vernetzung findet in den kleinen Unternehmen bislang vor allem dann statt, wenn hierdurch Kosteneinsparpotenziale erzielt werden können.

 

Welche Rolle kommt, auch angesichts der zitierten Herausforderungen, dem Staat zu? Wie kann die Mittelstandspolitik in Deutschland diese Herausforderungen aufgreifen und – im Sinne einer umfassenden Politikstrategie – eine zeitgemäße Unterstützung anbieten?
Mittelstandspolitische Maßnahmen können nur dann greifen, wenn die Adressaten sie auch auf sich beziehen. Folglich ist es wichtig, dass sich die Mittelstandspolitik auf die zunehmende Heterogenität der Adressaten einstellt. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Initiativen ins Leere laufen, weil sich beispielsweise ein Teil des Mittelstands nicht dem Mittelstand zugehörig – und damit auch nicht angesprochen fühlt.