Februar 2017 | Die Zeit | Zukunft Medizin

Von der Säftelehre zur Gen-Schere

Die Krebsmedizin hat in den letzten Jahren einen großen Sprung gemacht. Dabei ist der Kampf gegen den „Karkinos“ so alt wie die Menschheit.

Illustration: Theresa Schwietzer
Moritz Kohl / Redaktion

Im Oktober 2016 unternahmen Mediziner an der Sichuan-Universität im chinesischen Chengdu einen riskanten Eingriff: Sie veränderten erstmals die DNA von Abwehrzellen eines Patienten. Dabei entfernten sie mit der so genannten „Gen-Schere“ CRISPR das Eiweiß PD-1. Es fungiert im Körper als Checkpoint, über den Tumoren die Abwehrreaktion der Zellen ausbremsen. Das Immunsystem soll nun ungebremst den Lungenkrebs des Patienten bekämpfen. Das Verfahren CRISPR ist umstritten, weil nicht absehbar ist, welche Folgen der Austausch einzelner Gene hat. Moderne Immuntherapien hingegen setzen den Checkpoint PD-1 medikamentös, mit Hilfe von Antikörpern, außer Kraft.

Luft gegen die schwarze Galle

Solche Methoden konnten die Menschen der Antike sich kaum erträumen, als sie Krebs zum ersten Mal dokumentierten. Um 400 vor Christus beobachtete der griechische Arzt Hippokrates von Kos Geschwülste an der Brust von Frauen und nannte sie Karkinos, griechisch für Krebs. Der Medizinhistoriker Professor Dr. Wolfgang U. Eckart vermutet, dass sich der Name aus den Symptomen der Erkrankung ableitet: „Als würde sich ein Krebs auf die Brust setzen, zwicken und kneifen und sich in die Haut eingraben“, so der Heidelberger Medizinhistoriker.

Den Krebs erklärten sich die Menschen jeweils mit den Theorien ihrer Zeit. Unter Hippokrates war etwa die Säftelehre verbreitet. „Demnach sollten die vier Säfte des Körpers, Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle, in Einklang sein“, erklärt Professor Philipp Osten, Medizinhistoriker am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg. Der Krebs ließ sich grob der schwarzen Galle zuordnen, die ebenso mit der Melancholie in Verbindung stand – und mit Erde. „Gegen Krebs half demnach, was eher luftig ist: Früchte aus dem Baum essen zum Beispiel, statt Rüben aus dem Boden.“ Eine verbreitete Thereapieform im Mittelalter war das Beten. Die Menschen glaubten, die  Krankheit sei eine Strafe Gottes.  

Erste Schritte in der Tumor-Chirurgie

Im späten Mittelalter setzte sich in Mitteleuropa die operative Behandlung durch. Eckart erzählt, wie der zeitgenössische Arzt Johannes Scultetus die Behandlung von Brustkrebs im 17. Jahrhundert beschreibt: „Die Frauen sollten nicht sofort merken, dass die Chirurgen ihnen mit dem Messer an die Brust wollen. Die ersten Schnitte führten die Ärzte mit kleinen Messern durch, die in Fingerringen versteckt waren.“ Mit einem heißen Eisen „kauterisierten“ sie die Wunde, verbrannten das Gewebe, so dass die Wunde verschorfte. Die Verbrennungen mussten unerträglich schmerzhaft gewesen sein. Das so behandelte Gewebe infizierte sich schnell, was oft zum Tod führte. Zudem kamen die Eingriffe meist viel zu spät. Ein sichtbarer Tumor, der kneift, ist in der Regel weit fortgeschritten und metastasiert.

Operationen am Bauch, etwa bei Magen- und Darmkrebs, waren erst im späten 19. Jahrhundert möglich. Mediziner konnten dann aseptisch, also weitgehend keimfrei, arbeiten und Patienten per Anästhesie betäuben, was erst längere Operationen möglich machte. Viel stärker im Fokus waren zu dieser Zeit noch Infektionskrankheiten. „Viele Menschen starben etwa an den Pocken oder weil sich eine Schnittwunde am Finger entzündete“, sagt Osten. Erst als Hygienemaßnahmen aufkamen und zum Beispiel Cholera und Syphilis als besiegbar galten, begann die Medizin, sich mehr und mehr für nicht-infektiöse Krankheiten zu interessieren: für Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen und eben Krebs.  

Hormonbehandlung gegen Brust- und Prostatakrebs

Zum Ende des 19. Jahrhunderts fanden Mediziner heraus, dass manche Tumoren in der Brust auf das Hormon Östrogen angewiesen sind, um zu wachsen. Sie entwickelten Medikamente, die die Bildung des Hormons unterdrücken und so das Krebswachstum einschränken. Mitte des 20. Jahrhunderts übertrug man das Prinzip auf die Behandlung von Prostatakarzinomen, nachdem man entdeckt hatte, dass Testosteron für das Wachstum dieser Tumore notwendig ist. Mediziner setzten dazu anfangs eine rabiate Form der Hormonbehandlung ein: Sie entfernten die Testosteron-Produzenten, also beide Hoden. Bis heute ist die chemische Kastration durch Medikamente eine bedeutende Therapieoption.

1895 erfand der deutsche Physiker Wilhelm Conrad Röntgen die nach ihm benannten Röntgenstrahlen. „Schnell bemerkten die Mediziner, dass sich die Strahlen nicht nur zur Diagnostik eigneten, sondern auch dazu, Gewebe zu zerstören“, so Eckart. Damit war eine neue Methode zur Behandlung von Krebs gefunden. Die Ärzte nutzten verschiedene Strahlungen, etwa jene des 1898 von Marie Curie entdeckten Radiums. Gebärmutterkrebs wurde anfangs mit strahlenden Stiften behandelt, die das Organ eingeführt wurden. Ab den 1930er Jahren gab es erste Bestrahlungsmaschinen.

Nebenwirkungen wie Verbrennungen waren noch jahrzehntelang erheblich, auch viele Radiologen starben an den Folgen der Strahlung. Erst viel später gelang es, gezielt nur das kranke Gewebe zu bestrahlen. Heute ist es Chirurgen möglich, mit Präzisionsgeräten auch sehr kleine Tumoren zu behandeln, etwa im Gehirn.  

Die ersten Chemotherapien

In den 1940er Jahren gelang es amerikanischen Medizinern erstmals, mit Hilfe von Chemotherapie das Wachstum von Blutkrebs zu hemmen. „Die Idee dahinter ist, mit einem Zellgift schnell wachsende Zellen zu treffen, also vor allem Tumorzellen“, erklärt Osten. Medikamente zu entwickeln, die möglichst ausschließlich das kranke Gewebe schädigen, gelang anfangs allerdings nur bedingt. Dementsprechend heftig waren die Nebenwirkungen.  
Heute sind die Medikamente zielgerichteter – doch sie schlagen bei einzelnen Patienten sehr unterschiedlich an. Dieses Problem sollen die Methoden der Zukunft lösen: Immuntherapien, Gen-Scheren oder auch personalisierte, zielgerichtete Therapien, die individuell auf den Patienten zugeschnittene Wirkstoffe einsetzen. Sie zielen präzise auf die biologischen Eigenschaften der Tumoren ab und blockieren ihr Wachstum.