Standort mit Zukunft

Oktober 2016 | Die Zeit | Zukunft Medizin

Standort mit Zukunft

Deutschland, vor allem die Hauptstadt Berlin, avanciert zu einem international führenden Standort in der Biomedizin. Gründer profitieren von einer langen Tradition der Pharma- und Medtech-Branche.

Illustration: Ivonne Schulze
Jürgen W. Heidtmann / Redaktion

Im Juni 2016 fand in San Francisco die BIO International Convention statt. Einer der großen Stars auf der weltgrößten Biotech-Konferenz war Berlin. Die deutsche Hauptstadt präsentierte sich dort als europaweit führender Life-Science-Standort.

Die Zahlen sind aber auch beeindruckend: In Berlin sind 230 Unternehmen mit insgesamt 4.600 Beschäftigten in der Biotechnologie tätig, davon die allermeisten in der Biomedizin. Sie entwickeln innovative therapeutische und diagnostische Verfahren zur Behandlung von Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes. Besondere Kompetenzen hat die Haupstadtregion Berlin-Brandenburg in der Genom- und Proteomforschung, bei den RNA-Technologien, in der Glykobiotechnologie, Diagnostik und der regenerativen Medizin.

Bei aller Dynamik: Berlin ist nicht allein auf weiter Flur, sondern eingebunden in ein starkes bundesweites Netzwerk: Deutschland, so ein Positionspapier des Verbands der forschenden Pharmaunternehmen vfa, habe sich im vergangenen Jahrzehnt zu einem weltweit führenden Biotechnologiestandort entwickelt. „Treiber dieser Entwicklung sind die forschenden Pharma- und Biotech-Unternehmen, die fast alle der mittlerweile 204 zugelassenen, gentechnisch hergestellten Arzneimittel mit 160 Wirkstoffen auf den deutschen Markt gebracht haben, und zunehmend auch die aufstrebenden Biotechnologie-Unternehmen.“

In einer Studie von The Boston Consulting Group im Auftrag des vfa zeigte sich, dass sich die Zahl der Arbeitsplätze in Unternehmen der medizinischen Biotechnologie in Deutschland im Jahr 2015 um 6,7 Prozent auf 40.252 deutlich erhöht hat. Der Umsatz mit Arzneimitteln mit gentechnisch hergestellten Wirkstoffen, also Biopharmazeutika, erhöhte sich im Vergleich zum Vorjahr um 9,7 Prozent und belief sich 2015 auf rund 8,2 Milliarden Euro. Es seien die „positiven Rahmenbedingungen“ wie die Novellierung des Gentechnik-Gesetzes Mitte der 1990iger Jahre gewesen, die eine beispiellose Gründungswelle von jungen Biotechnologieunternehmen auslösten und Deutschland in Europa den Spitzenplatz bescherten, so der vfa.

Das ist es natürlich nicht allein: Als Pharmastandort mit Tradition verfügt die Bundesrepublik über das Standbein Industrie, ohne das sicherlich auch die kleinen Unternehmen und Start-ups keine so gute Ausgangsposition hätten. Auf der Liste der hundert größten deutschen Industrieunternehmen finden sich fast ein Dutzend Firmen aus dem Bereich Gesundheitswesen oder Pharmazie, darunter globale Player wie Bayer, Fresenius oder Boehringer Ingelheim – deutsche Medizinunternehmen bilden ein Spitzencluster. Dazu kommt ein starker Mittelstand, der ein bedeutender Innovationsträger zum Beispiel in der Medizintechnik ist. Der Branchenverband Spectaris beziffert die Zahl der deutschen Medizintechnik-Unternehmen auf 1.250. Davon beschäftigen mehr als tausend Betriebe weniger als 250 Mitarbeiter. So findet sich im schwäbischen 35.000 Einwohner-Städtchen Tuttlingen Europas größtes Medizintechnikcluster: Hier sind Unternehmen wie Aesculap ansässig, eine Tochter von B. Braun oder Karl Storz, das Endoskope herstellt.

Der Zug der Biotechnologie- und Biomedizin-Unternehmen scheint heutzutage nach Berlin zu gehen. Hier finden vor allem Start-ups eine dichte Wissenschaftslandschaft und eine ausgeprägte klinische Forschungslandschaft vor. Dazu kommt die Nähe zu politischen Entscheidungsträgern im Gesundheitswesen. Mit rund 300 Medizintechnik- und mehr als 240 Biotechnologiefirmen, 30 Pharmaunternehmen und über 130 Kliniken sei die Hauptstadtregion Berlin und Brandenburg einer der wichtigsten Standorte der Gesundheitswirtschaft in Deutschland, so die Standortmarketinggesellschaft Partner für Berlin. Und damit Paradebeispiel für die vom vfa-Verband hoch gelobte „stark vernetzte Kooperationslandschaft“ zwischen Industrie, Mittelstand und akademischen Einrichtungen.

Die Stadt, deren 40-jährige Teilung zuvor gewachsene Strukturen zerstörte, knüpft jetzt wieder an ihre Geschichte als traditionsreicher Pharmastandort an, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Das 1919 hier gegründete Unternehmen Otto Bock etwa, das nach dem Zweiten Weltkrieg nach Duderstadt in den westlichen Harz auswich, kehrt wieder an seinen Gründungsstandort zurück: Familienunternehmer und Ottobock-Geschäftsführer Hans-Georg Näder baut derzeit eine alte Brauerei im Bezirk Prenzlauer Berg zur Forschungs- und Denkfabrik seines Unternehmens um.