Ach, du liebes Kind....

Juli 2015 | Die Zeit | Kinderwunsch

Ach, du liebes Kind....

Erst die Karriere, dann das Kind. Geht wirklich nicht beides zugleich? Doch. Aber die ungeschminkte Wahrheit lautet: nicht für beide Elternteile. Daran wird auch das neue „Elterngeld Plus“ nichts ändern.

Mirko Heinemann / Redaktion

Klar möchte ich Kinder“, so tönt es unisono aus dem Mund der Twentysomethings. Also, man kann es so sagen: Kinder haben wollen, das liegt im Trend. Das bestätigt auch das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Danach wollen die meisten der jungen Erwachsenen Kinder. Nur Kinder kriegen, damit sieht es nicht so gut aus: 1,4 Kinder bekommt die deutsche Frau im Durchschnitt. Tendenz: eher sinkend. Laut Hamburgischem Weltwirtschaftsinstitut ist Deutschland bei der Geburtenrate nicht nur in Europa, sondern mittlerweile sogar weltweit Schlusslicht.


Was ist nur los mit den Deutschen? Kinder haben wollen ja, Kinder haben – später. Erst muss die berufliche Laufbahn abgesichert sein, dann können die Kinder kommen. Diese Einstellung führt dazu, dass es bei den jungen Paaren mit der Karriere zwar immer besser klappt, mit den Kindern aber immer schlechter. Denn ab 30 sinkt nicht nur bei Frauen die Fruchtbarkeit, auch die Männer ereilt dieses Schicksal, wenngleich mit einer Verzögerung. Diejenigen, die Karriere machen, wissen das. Nur schieben sie dieses Wissen im hektischen Alltag weit weg. Später ist eben nicht jetzt.
 
Unterstützung durch den Partner

In der Zwickmühle finden sich vor allem die Frauen, deren biologische Uhr ab 30 immer lauter tickt. Die bis dahin den großen Karrieresprung nicht geschafft haben, werden es schwer haben mit der Vereinbarkeit von Karriere und Kind. Dass sie es dennoch schaffen können, suggerieren Powerfrauen wie die langjährige Säulenheilige der akademischen Großfamilien, Ursula von der Leyen, sechsfache Mutter und Ministerin. Facebook-Chefin Sheryl Sandberg oder Yahoo-Vorstandsvorsitzende Marissa Mayer: Karriere und Kinder, das ist möglich! Doch auch bei ihnen wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit Verzicht erkauft. Darauf wies Sheryl Sandberg in ihrem Buch „Lean In“ hin: „Ich kenne nicht eine einzige Frau in einer Führungsposition, deren Lebenspartner ihre Karriere nicht voll – und ich meine voll – unterstützt.“


Was „volle Unterstützung“ wirklich bedeutet, können nur diejenigen ermessen, die einen Partner in einer Führungsposition haben. Von ihm wird in der Regel erwartet, dass er vor dem ersten Untergebenen bei der Arbeit ist und bleibt, bis der letzte geht. Er beantwortet E-Mails und Anrufe auch am Wochenende und in den Ferien. Er ist auf mehrtägigen Dienstreisen. Seine Gedanken sind oft beim Job. Familie mit einem solchen Partner? Das muss man – und frau – sich gut überlegen. Das ist es, was Frau Sandberg meint.


Eltern, die nicht wollen, dass ihr Kind von einer Nanny großgezogen wird, werden zurückstecken müssen. Entweder beide ein bisschen. Oder einer ein bisschen mehr. Natürlich sind es zunächst die Mütter, die zurückstecken. Sie bringen das Kind zur Welt und stillen es. Mindestens ein halbes bis zu einem Jahr sind sie raus aus ihrem Job. Dann kommen die Väter ins Spiel. Sie könnten jetzt übernehmen und der Mutter den Wiedereinstieg in den Beruf ermöglichen. Das tun auch immer mehr, zumindest seit es die vom Familienministerium geförderte Elternzeit gibt. Immer mehr – das heißt: ein Drittel der Väter. Immerhin: Vor zehn Jahren noch war es eine verschwindende Minderheit. Allerdings nehmen drei Viertel nur die allerkürzeste mögliche Zeitspanne in Anspruch: zwei Monate.


Das reicht gerade für eine Verschnaufpause. Wenn es gut läuft, kann der Vater in dieser Zeit noch die Eingewöhnung in der Kinderkrippe hinkriegen. Damit hat man sich eine Kernzeit von 10 bis 15 Uhr freigeschaufelt. Ein Vollzeitjob ist damit aber auch nicht drin. So dehnen viele Mütter ihre Elternzeit eben länger aus. Papa schwebt nach der achtwöchigen Bonding-Phase längst wieder in anderen Sphären. Zunehmend wird ihm bewusst, dass die materielle Absicherung der jungen Familie auf seinen Schultern lastet. Er arbeitet noch mehr, startet durch. Seine Firma fordert ihn, stellt Gratifikationen und Posten in Aussicht.

Was bringt das Elterngeld?

Wenn es jetzt darum geht, dass der Vater auf Teilzeit gehen soll, damit die Mutter jetzt wieder voll durchstarten kann, wird zwangsläufig über Geld gesprochen. Und über Perspektiven. Wer verdient mehr? Kann die Einbuße durch die Teilzeit des einen Partners durch die Aufstockung des anderen ausgeglichen werden? Soll der Vater, der ja schon einen Karriereschritt weiter ist, jetzt im vollen Lauf abbremsen? Dies ist der Knackpunkt, an dem sich entscheidet, wer Karriere macht: Er oder Sie.


Das Elterngeld Plus, das ab 1. Juli eingeführt wird, wird daran nichts ändern. Kerngedanke ist, dass der Bezug dieser Stütze von jetzt 14 Monaten auf zwei bis drei Jahre ausdehnt werden kann, wenn beide Eltern auf Teilzeit gehen. Dafür gibt es nur maximal 900 Euro, also die Hälfte des heute ausgezahlten Betrages: 67 Prozent von der Differenz des Einkommens, das vor der Geburt und in Teilzeit nach der Geburt verdient wurde. Ob das etwas ändern wird, ist zu bezweifeln. Wer macht Karriere nach drei Jahren Teilzeitjob? Daher mehren sich zurzeit die Stimmen, die dem Streben nach Vereinbarkeit von Kind und Karriere eine Absage erteilen. Die das Lavieren zwischen Familie und Job einfach nur ätzend finden und dafür plädieren, sich nicht kaputt zu machen, sondern sich für eine Seite zu entscheiden.


Dies soll kein Plädoyer gegen die Karriere sein, sondern eines für Realismus. Wer glaubt, dass mit Kindern alles so bleiben kann wie es vorher war, macht sich etwas vor. Kinder sind etwas Wunderbares. Aber so lange sich die Prioritäten nicht ändern, wird es wohl immer weniger davon geben.