Strategien, Effizienz, Regeln

Forum der Akteure

Februar 2026 Handelsblatt Zukunft E-Commerce & Handel

»Asiatische Plattformen: Brüssel muss die richtigen Hebel ziehen.«

Gero Furchheim Präsident Bundesverband E-Commerce, BEVH

Weil Zoll- und andere Marktüberwachungsbehörden bei der Kontrolle von asiatischen Marktplatzriesen wie Temu und Shein überfordert sind, werden in Brüssel intensiv Handelsschranken diskutiert. Unter anderem soll die Zollfreigrenze von 150 Euro abgeschafft und eine neue „Handling Fee“ für Pakete aus Drittstaaten eingeführt werden. Laut Deutscher Zoll- und Finanzgewerkschaft würde das aber wenig helfen, weil die Behörden bereits jetzt überfordert sind. Außerdem könnte die „Handling Fee“ umgangen werden, indem die Plattformen ihre Pakete nicht mehr direkt, sondern über Zolllager innerhalb der EU einführen.

Anstatt den globalen Handel einzuschränken, wäre die EU beraten, endlich ihre breiten und mächtigen Kontroll- und Eingriffsmöglichkeiten zu nutzen. Zu den vielen existierenden Regeln zählt die Produktsicherheitsverordnung, die es als Ultima Ratio erlaubt, nicht konforme Produkte zu sperren. Hat der Hersteller keinen Sitz in der EU, steht der Importeur in der Verantwortung, ansonsten haftet der Bevollmächtigte oder nachgelagert der in der EU niedergelassene Fulfillment-Dienstleister. Die Überprüfung, ob Bevollmächtigte ordnungsgemäß bestellt sind, ist eine gute Kontrollmöglichkeit für nationale Kontrollaufsichten.

Der Digital Services Act umrahmt die Regeln und reguliert große Marktplätze besonders streng. Mehr Kontrollmöglichkeiten bietet auch die Ökodesign-Verordnung. Sie sieht einen digitalen Produktpass für alle in Verkehr gebrachten Produkte vor, wodurch die Überwachung von Importen gestärkt wird. Das Vorhaben „VAT in the Digital Age“ soll zudem die Umgehung der Umsatzsteuer durch in Asien ansässige Hersteller und Händler verhindern. 

Dies sind nur einige wenige Beispiele für fairen Wettbewerb. Europa verfügt über viele weitere Hebel. Wir erwarten, dass die EU-Kommission endlich aktiv wird. 
bevh.org

Februar 2026 Handelsblatt Zukunft E-Commerce & Handel

»Effiziente, nachhaltige und resiliente Liefer- und Versorgungsketten stehen im Fokus.«

Dr. Lars Kleeberg Hauptgeschäftsführer Bundesverband Materialwirtschaft, BME

Globale Unsicherheiten, hohe Energiekosten und regulatorische Anforderungen prägen Einkauf und Supply Chain Management (SCM) auch 2026. Viele Unternehmen in der DACH-Region bewerten ihre wirtschaftliche Lage als äußerst angespannt und fürchten teils um ihre Existenz. Zusätzlich erhöht der wachsende Sicherheitsbedarf – der die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie belebt – den Druck auf die Lieferketten.

Vor diesem Hintergrund befinden sich Einkauf und SCM in einer grundlegenden Transformation: weg von Just-in-Time- hin zu stärker Just-in-Caseorientierten Ansätzen. Entscheidend ist, im richtigen Moment passende Lösungen bereitzuhalten und auch auf Unvorhersehbares vorbereitet zu sein. Bewährte Regeln und das frühere Erfolgsmodell Export greifen nicht mehr, vielmehr ist eine Neujustierung von Lieferketten und Geschäftsmodellen erforderlich.

Während früher Preis, Qualität und Zuverlässigkeit dominierten, stehen künftig effiziente, nachhaltige und resiliente Liefer- und Versorgungsketten im Fokus. Einkauf und SCM übernehmen damit eine zentrale Rolle für Wirtschaft und Gesellschaft. Durch konsequentes Risikomanagement und den Einsatz von KI können sie maßgeblich zur Wertschöpfung sowie zu Effizienz, Resilienz, Nachhaltigkeit und Stabilität beitragen.

Voraussetzung dafür ist umfassende Transparenz: Unternehmen müssen ihre Lieferantenstrukturen, kritischen Materialien, Abhängigkeiten sowie geografische, strukturelle und umweltbezogene Risiken genau kennen, um diese systematisch zu identifizieren und zu bewerten. Entscheidend ist dabei, dass die Rahmenbedingungen stimmen; erfolgreiches Risikomanagement muss strategisch verankert und von der Geschäftsführung aktiv unterstützt werden. Es darf daher keine isolierte Zusatzaufgabe sein, sondern integraler Bestandteil der Einkaufs- und SCM-Strategie – und damit klare „Chefsache“.
bme.de

Februar 2026 Handelsblatt Zukunft E-Commerce & Handel

»Regelverstöße von Online-Plattformen und OnlineHändlern aus Fernost ahnden!«

Stephan Tromp stv. Hauptgeschäftsführer Handelsverband Deutschland, HDE

Der Einzelhandel steht unter Druck. Händlerinnen und Händler bekommen die anhaltend schwache Verbraucherstimmung und die Folgen geopolitischer Unsicherheiten zu spüren. Zusätzlich hat die Branche seit einigen Jahren im internationalen Online-Handel mit unfairer Konkurrenz aus Fernost zu kämpfen. Anbieter wie Temu und Shein begehen systematisch Regelverstöße, ob bei europäischen Verbraucherschutzstandards oder bei geltenden Umwelt- und Produktsicherheitsvorgaben. Im vergangenen Jahr hat Europa seine Handlungsfähigkeit unter Beweis gestellt und mit der neuen Paketabgabe für Billigimporte ein erstes klares Zeichen für einen fairen Wettbewerb im Online-Handel gesetzt. Der HDE hatte seit Jahren koordinierte europäische Maßnahmen im Umgang mit Drittstaatenhändlern gefordert.

Mit ihrer gemeinsamen Initiative haben die EU-Mitgliedstaaten sehr deutlich gemacht, dass Online-Plattformen und Online-Händler aus Fernost mit ihren Regelverstößen in der gesamten EU nicht länger durchkommen. Es ist diese Geschlossenheit, die es im Einsatz für einen fairen Wettbewerb im Online-Handel braucht. Jedes in die EU eingeführte Paket ab Juli 2026 mit einer Abgabe in Höhe von drei Euro zu belegen, kann aber erst der Anfang sein. Auf den Beschluss der neuen Paketabgabe für Billigimporte müssen rasch weitere Schritte folgen. Dringend notwendig sind gemeinsame Standards, eine IT-Vernetzung wie der EU Customs Data Hub und eine viel engere Zusammenarbeit der Zollbehörden und Marktüberwachung in Europa. Und es sollte künftig die Verpflichtung geben, Sendungen aus dem Nicht-EU-Ausland beim Import-One-Stop-Shop im Vorfeld registrieren zu müssen, um eine wirksame Kontrolle der Behörden zu ermöglichen. Allein vor der Einführung des digitalen Produktpasses ab 2027 ist dies zwingend nötig. Die EU muss hier konkret werden und schnell handeln. 
hde.de