Sicherheit ist Wirtschaftsfaktor

 Forum der Akteure

April 2026 Handelsblatt Wirtschaftsfaktor Sicherheit

»Unsicherheit wird zum Liquiditäts- und Finanzierungsproblem«

Dennis Stratmann Geschäftsführer Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen e.V.

Die wirtschaftliche Lage in Deutschland ist ernst. Globale Risiken nehmen zu, die Politik eilt von Krise zu Krise. Auch die Finanzstabilität gerät unter Druck: Die Bundesbank warnt vor Verwerfungen im Kreditgeschäft und möglichen Marktpreiskorrekturen – ausgelöst durch geopolitische Spannungen und hohe Staatsverschuldung. Unternehmen spüren das bereits: Kredite werden restriktiver vergeben, Investitionen bleiben aus.

Parallel verschlechtert sich die Zahlungsmoral. Zuletzt wurden rund 39 Millionen neue Forderungen ins Inkasso gegeben – ein Rekordwert. Das belastet die Liquidität vieler Unternehmen erheblich. Gleichzeitig steigen die Insolvenzen: 2025 wurden rund 23.900 Unternehmensinsolvenzen registriert, das ist der höchste Wert seit über zehn Jahren. Auch bei Privatpersonen zeigt sich die Entwicklung: Die Zahl der Insolvenzen stieg zuletzt auf etwa 108.000 Fälle (+ 7,8 %). Eine kurzfristige Entspannung ist nicht in Sicht, im Gegenteil: Die Abschwächung am Arbeitsmarkt wird die Lage weiter verschlechtern. Die politischen Antworten bleiben bislang unzureichend. Viele Vorhaben werden im Bundestag nur diskutiert. Strukturelle Reformen bleiben aus. Das "Stop-the-Clock" der EU ersetzt keinen echten Bürokratieabbau. Und gleichzeitig stößt die Justiz an ihre Grenzen: steigende Fallzahlen, lange Verfahrensdauern, wachsende Rückstände. Kurz: Die Modernisierung von Rechtsstaat und Justiz duldet keinen Aufschub.

Dabei ließe sich gegensteuern. Eine leistungsfähige Inkassowirtschaft kann Teil der Lösung sein. Politisch braucht es Entlastung durch Deregulierung und Digitalisierung. Konkret bedeutet das die Umsetzung des „Pakts für den Rechtsstaat“, Anreize für Rechnungstreue und Rechtssicherheit für die Nutzung von Daten, digitalen Technologien und künstlicher Intelligenz. Die Politik muss handeln.
inkasso.de
 

April 2026 Handelsblatt Wirtschaftsfaktor Sicherheit

»Im Perfect Storm braucht es Methode, nicht Intuition«

Michael Jahn-Kozma Vorstandsvorsitzender RMA Risk Management & Rating Association e.V.

Die sich verändernde geopolitische Lage, finanzielle Risiken und Sicherheitsrisiken sind stetige Herausforderungen für die Wirtschaft. Ein erfolgreiches Risikomanagement ist die Antwort, um gezielt Resilienz aufzubauen. Dazu müssen Risiken professionell identifiziert, bewertet und fundiert quantifiziert werden. Die Aggregation der Risiken und die Bestimmung der Risikotragfähigkeit sind dabei essentiell, um den Grad der Resilienz für ein Unternehmen zu bestimmen. Dabei wird sichtbar, wie sich Investitionen in Risikomitigation – z. B. in Security, in Lieferketten und in die gesamte Stabilität des Unternehmens – in der Praxis tatsächlich rechnen.

Die RMA ist die unabhängige Interessenvertretung für die Themen Risikomanagement, Rating und Krisenmanagement im deutschsprachigen Raum. Mit ihren Fachgremien befasst sich die RMA mit den wichtigsten Fach- und Praxisthemen. Sie bildet aus, kooperiert mit Hochschulen und Universitäten und entwickelt effiziente Methoden für das Risikomanagement. So ist die RMA das führende Netzwerk für Risikomanager:innen und Ratinganalyst:innen mit Vertreter:innen aus der Wirtschaft, dem öffentlichen Bereich und der Wissenschaft.

Der kontinuierliche Austausch und der differenzierte Blick auf die verschärfte aktuelle Situation stehen im Mittelpunkt. Dazu veranstaltet die RMA Fachkongresse – wie den 20. Risk Management Congress RMC Mitte Mai in München, eine der wichtigsten und renommiertesten Fachkonferenzen zu den Themenfeldern Risikomanagement, Rating und Krisenmanagement in der DACH-Region. Den intensiven Dialog zwischen Spezialisten und Unternehmen dabei zu initiieren und zu fördern, ist eines der Ziele der RMA. Denn im ‚Perfect Storm‘ sind klare Methoden erforderlich, um Resilienz aufzubauen und damit zukunftsfähig zu sein.
rma-ev.org
 

April 2026 Handelsblatt Wirtschaftsfaktor Sicherheit

»Ohne digitale Souveränität keine wirtschaftliche Resilienz«

Jörg Bienert Mitbegründer und Geschäftsführer Bundesverband Künstliche Intelligenz e.V.

Künstliche Intelligenz steht am Beginn einer neuen industriellen Revolution. Sie wird Wertschöpfungsketten, Produkte und Geschäftsmodelle grundlegend verändern. Unternehmen, die KI nicht strategisch einsetzen, werden ihre Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Die Fähigkeit, KI zu entwickeln und anzuwenden, wird zum entscheidenden Faktor für wirtschaftliche Stärke und Resilienz.

Gleichzeitig entstehen weltweit neue Abhängigkeiten. Große Technologieunternehmen aus den USA und China bauen KI-Plattformen auf, die ganze Ökosysteme dominieren – ähnlich wie zuvor Cloud-Dienste. Wer diese Plattformen nutzt, gerät in Lock-in-Strukturen. Technologische und wirtschaftliche Abhängigkeiten entstehen schneller, als viele Unternehmen es bemerken. Wer zu spät gegensteuert, verliert die Kontrolle über kritische Teile seiner digitalen Infrastruktur. Europa muss deshalb eigene Alternativen schaffen. Digitale Souveränität bedeutet nicht Abschottung. Sie bedeutet die Fähigkeit, zentrale Technologien selbst zu entwickeln und zu gestalten. Offene Plattformen und demokratisierter Zugang zu KI sind der Schlüssel – so wie Linux es einst für Betriebssysteme war.

Die Grundlage dieser neuen KI-Ökonomie bilden Foundation-Modelle: große Sprachmodelle, auf denen zahlreiche Anwendungen entstehen. Mit dem Projekt Soofi entwickeln wir in Deutschland genau das: ein souveränes Basismodell. Sieben führende Forschungsinstitute trainieren es auf der neuen AI-Cloud der Deutschen Telekom. Ein konkreter Schritt – kein Konzeptpapier.

Digitale Souveränität ist kein abstraktes politisches Ziel. Sie ist eine konkrete Voraussetzung für wirtschaftliche Resilienz, Innovation und die langfristige Wettbewerbsfähigkeit Europas.
ki-verband.de