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Forum der Akteure

Dezember 2025 Handelsblatt Perspektiven 2026

»2026: Schulterschluss zur digitalen Souveränität«

Dr. Ralf Wintergerst Präsident Bitkom

Gelingt es uns gemeinsam, bei digitalen Schlüsseltechnologien vom Getriebenen zum Gestalter zu werden? Derzeit sind neun von zehn Unternehmen digital abhängig, mehr als die Hälfte könnte ohne Technologien aus dem Ausland nur kurze Zeit weiterarbeiten, wie eine aktuelle Bitkom-Studie gezeigt hat. Zugleich wächst die Bereitschaft, in eigene Kompetenzen, Produkte und Infrastruktur zu investieren, von Cloud über Datenräume bis hin zu KI. Es geht um digitale Souveränität und das heißt: die digitale Transformation selbstbestimmt gestalten und sich aus einseitigen Abhängigkeiten lösen.

Gelingen kann das Deutschland nicht allein, sondern nur gemeinsam im europäischen Verbund. Der jüngste Gipfel für europäische digitale Souveränität, der von Deutschland und Frankreich initiiert wurde, hat dazu wichtige Signale gesendet: Wenn wir unsere Kräfte bündeln, kann Europa ein Ort werden, an dem digitale Technologien nicht nur genutzt, sondern auch entwickelt und in innovative Produkte und Services übersetzt werden. 

Die Bundesregierung hat diese Herausforderungen erkannt. War 2025 das Jahr, in dem zum ersten Mal ein eigenständiges Digitalministerium auf Bundesebene eingerichtet wurde, so geht es 2026 darum, das Tempo der digitalen Transformation, des Ausbaus der digitalen Infrastrukturen und der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung weiter zu erhöhen. Infrastrukturausbau, Verwaltungsdigitalisierung und Bürokratieabbau gehören zusammen. Wenn die Politik den Ausbau von Rechenzentren und Netzen erleichtert und Kooperationen in Europa stärkt, und wenn Unternehmen entschieden in KI, Daten und digitale Geschäftsmodelle investieren, dann wird Europa massiv gestärkt. 
bitkom.org

 

Dezember 2025 Handelsblatt Perspektiven 2026

»Die Debatte um „No HR“ geht an der Realität vorbei«

Dr. Lea Corzillus Vorstandsmitglied, Deutsche Gesellschaft für Personalführung

Die Diskussion „No HR“ sorgt seit einiger Zeit für Aufmerksamkeit: Die Vorstellung, Unternehmen könnten künftig ohne Personalabteilungen auskommen, wirkt in einer digitalisierten Welt für manche naheliegend. Automatisierte Prozesse, KI-gestützte Tools und selbstorganisierte Teams lassen schnell den Eindruck entstehen, HR sei verzichtbar. Doch diese Annahme greift zu kurz – denn sie blendet aus, worum es bei moderner Personalarbeit tatsächlich geht.

HR ist heute weit mehr als Verwaltung. Es geht um Zukunftsfähigkeit: darum, wie Organisationen in einer komplexen, schnellen und unsicheren Welt bestehen. Technologien verändern Arbeit, Erwartungen von Beschäftigten wandeln sich, und Unternehmen stehen vor großen strukturellen Herausforderungen – vom demografischen Druck über den Fachkräftemangel bis zur Frage, wie KI verantwortungsvoll eingesetzt werden kann. Diese Entwicklungen erzeugen keinen geringeren, sondern einen deutlich höheren Bedarf an professioneller Gestaltung.

Moderne HR hält Organisationen zusammen, wenn Geschäftsmodelle sich verändern. Sie sorgt dafür, dass Menschen die Kompetenzen entwickeln, die sie für die Zukunft brauchen. Sie schafft Strukturen, in denen Leistung möglich ist, und unterstützt Führung dabei, Orientierung zu geben. Und sie setzt Impulse, wie Unternehmen attraktiver Arbeitgeber bleiben – in Zeiten, in denen Talentgewinnung und Bindung über Wettbewerbsfähigkeit entscheiden.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht „Brauchen wir HR noch?“, sondern: Welche HR brauchen wir, damit Unternehmen erfolgreich bleiben? Es braucht eine HR, die mutig vorangeht, technologische Entwicklungen einordnet, Veränderungen begleitet und nah am Geschäft gestaltet.

„No HR“ ist eine provokante These – aber sie führt an der Realität vorbei. Die Zukunft von Unternehmen entsteht dort, wo Technologie, Menschen und Organisation zusammengebracht werden. Genau dafür ist HR da.
dgfp.de

 

Dezember 2025 Handelsblatt Perspektiven 2026

»Das nächste industrielle Kapitel entsteht jetzt – im DeepTech«

Niclas Vogt Head of Communications Startup-Verband

DeepTech ist das größte Zukunftsversprechen unserer Wirtschaft – und die Chance, völlig neue Industrien aufzubauen. Schon heute gehören 11 Prozent aller deutschen Start-ups zu diesem Bereich. Laut Deutschem Startup Monitor basieren 36 Prozent aller Geschäftsmodelle auf Patenten. Hier trifft wissenschaftliche Exzellenz auf unternehmerische Energie. Deutschland startet dabei aus einer starken Position.

2024 lag das Land weltweit auf Platz 2 bei Patentanmeldungen, wie das Europäische Patentamt zeigt. In Schlüsseltechnologien zeigt sich diese Stärke besonders deutlich. Im Quantencomputing liegt Deutschland weltweit auf Rang drei, hinter den USA und Japan, vor China. In der Kernfusion wachsen mit Marvel Fusion und Proxima Fusion Unternehmen heran, die wissenschaftliche Spitzenforschung in marktreife Anwendungen überführen. Und mit Neura Robotics hat Deutschland einen globalen Vorreiter im Bereich kognitiver AI-Roboter, der zeigt, wie Forschung, Automatisierung und KI zu einem völlig neuen Industriezweig verschmelzen können.

Doch ohne die richtige Finanzierung heben diese Technologien nicht ab. 15 Milliarden Dollar flossen 2024 in Europa in DeepTech, fast ein Drittel aller VC-Investments. Deutschland kommt jedoch nur auf 2,7 Milliarden Dollar – trotz enormem Potenzial. Für Technologien mit extrem teurem Markteintritt wird das zur Wachstumsbremse: Hohe CapEx und First-of-a-kind-Kosten (FOAK) machen Prototypen und Anlagen enorm teuer, bevor Skalierung überhaupt beginnen kann. Deshalb braucht es zwei Dinge: mehr privates Wachstumskapital und einen Staat, der früher Kunde wird. Grundlage dafür ist, endlich mehr institutionelles Kapital zu mobilisieren. Deutschland und Europa investieren zu wenig in Zukunftstechnologien. Dabei zeigen die Daten klar: Venture Capital erzielt langfristig überdurchschnittliche Renditen bei unterdurchschnittlichem Ausfallrisiko. Die WIN-Initiative der Bundesregierung ist ein guter Ansatz – 2026 muss sie ihre volle Kraft entfalten.

DeepTech zeigt: Die Ideen sind da, die Talente auch – jetzt brauchen wir die Bedingungen, damit daraus echte industrielle Durchbrüche entstehen.
startupverband.de