»Wir brauchen Mut und Entschlossenheit in der Politik.«

Juni 2018 | Die Zeit | Gesundheit & Volkskrankheiten
Medizin der Zukunft
Die Redaktion befragt Akteure zu aktuellen Entwicklungen auf dem Gesundheitsmarkt.
Juni 2018 | Die Zeit | Gesundheit & Volkskrankheiten

»Wir brauchen Mut und Entschlossenheit in der Politik.«

Achim Berg / Digitalverband Bitkom

In der Vorsorge, für Patienten, Ärzte oder Pfleger: Digitale Technologien bieten im Gesundheitswesen enorme Vorteile und eröffnen neue Wege zu mehr Lebensqualität und einer besseren medizinischen Versorgung. Basis sind Patientendaten – vom analysierten Genom, über Bewegungsparameter bis zur letzten Medikation. Diese Daten müssen kommuniziert werden, hochsicher und ohne Technologiebrüche. Mit der elektronischen Patientenakte verfügen wir über ein Instrument, mit dem Informationen sicher über die Telematik-Infrastruktur transportiert werden können. Die Patienten können dabei über Wearables Gesundheitsdaten sammeln und diese an ihren Arzt oder andere Leistungserbringer weitergeben.

Künftig sollte es außerdem Schnittstellen geben, über die Patientendaten pseudonymisiert zur Versorgungsforschung gelangen können. Dank der Pseudonymisierung werden die persönlichen Daten geschützt, gleichzeitig können zeitnah und bedarfsgerecht medizinische Innovationen zur Verfügung gestellt werden. Wir wären dann mit Big-Data-Anwendungen in der Lage, sehr viel präzisere und an Neben- und Wechselwirkungen ärmere Behandlungsmethoden zu entwickeln. Das Ziel ist klar: Die Ablösung einer Therapie von der Stange durch Individualmedizin.

Denn die Herausforderungen, denen sich die Gesundheitsbranche in den nächsten Jahren stellen muss, werden sich verschärfen. Für den demografischen Wandel und den Mangel an Pflegepersonal müssen Lösungen her. Noch herrscht in der Medizin ein Zusammenspiel aus der alten und neuen Welt, die in der Praxis immer häufiger aufeinanderprallen. Doch die digitale Zukunft des Gesundheitswesens wird schon bald das Steuer übernehmen. Wir haben dafür in Deutschland hervorragende Voraussetzungen. Zu der Offenheit gegenüber digitalen Technologien müssen sich nun noch Mut und Entschlossenheit in der Politik gesellen. Einen Stillstand können wir uns zum aktuellen Zeitpunkt nicht erlauben.


 www.bitkom.org

Juni 2018 | Die Zeit | Gesundheit & Volkskrankheiten

»Wir müssen die Chancen der digitalen Medizin besser nutzen.«

Joachim M.Schmitt / Bundesverband Medizintechnologie (BV Med)

Die Patientenversorgung steht in Deutschland vor großen Herausforderungen. Stichworte sind Ärztemangel, Pflegenotstand oder die Versorgung in ländlichen Räumen. Wir müssen vor diesem Hintergrund moderne Technologien in der medizinischen Versorgung intelligenter nutzen. Dazu gehören die Chancen, die uns die digitale Medizin bietet.

Ein Bereich ist die Telemedizin. Eine ärztliche Beratung, Rezept-Ausstellen oder den Behandlungsfortschritt begutachten: Müssen Patienten dafür immer in die Arztpraxis? Der Ärztetag hat durch die Abschaffung des Fernbehandlungsverbotes vor wenigen Wochen hier den Weg für neue Angebote freigemacht. Durch die Digitalisierung sind auch im Bereich der medizinischen Versorgung noch viele Verbesserungen für alle Akteure, insbesondere die Patienten, möglich. Während Videosprechstunden könnten beispielsweise die Behandlungserfolge bei chronischen Wunden sehr gut begutachtet werden. Gerade in diesem Bereich könnten so auch Patienten auf dem Land von der Expertise eines Spezialisten profitieren, dessen Praxis zu weit für einen Besuch entfernt liegt.

Mit der heute bereits sehr weit fortgeschrittenen Technik könnte darüber hinaus eine gute flächendeckende Versorgung nach neuesten wissenschaftlichen Standards sehr viel einfacher erreicht werden. Ein konkretes Beispiel ist hier die telemedizinische Betreuung und Überwachung von Herzschrittmacher-Patienten. Wir brauchen neue Zugangswege für digitale und telemedizinische Anwendungen. Dafür sind besondere Evaluationen erforderlich, die den Besonderheiten von Digital Health entsprechen. Wir dürfen die digitale Entwicklung weder unter- noch überschätzen. Wir müssen sie besser wertschätzen. Wir müssen Digitalisierung positiv begreifen und begleiten. Die Chancen durch diese neuen Wege sind in der medizinischen Versorgung enorm, die Risiken durchaus beherrschbar.


www.bvmed.de

Juni 2018 | Die Zeit | Gesundheit & Volkskrankheiten

»Beteiligte Patienten können eine wertvolle Brücke zur Forschung schlagen.«

Dr.Johannes Bruns / Deutsche Krebsgesellschaft e.V.

Seit 2000 Jahren ist der hippokratische Eid die ethische Grundlage für das ärztliche Handeln. 2017 hat der Weltärztebund den Wortlaut überarbeitet und dabei die ärztliche Rolle bei der Wahrung der Autonomie des Patienten betont. Wörtlich heißt es dort: „I will respect the autonomy and dignity of my patient; I will share my medical knowledge for the benefit of the patient and the advancement of healthcare.“

Eine stärkere Ausrichtung der Krankenversorgung an den Interessen der Betroffenen wird mittlerweile vielfach gefordert. Beim genaueren Hinsehen klafft jedoch eine Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Zwar wollen Kranke durchaus bei der Therapieentscheidung mitbestimmen – besonders bei lebensbedrohlichen Erkrankungen wie Krebs. Aber bei Visiten oder im Tumorboard, in dem ein Fachgremium über die Therapieempfehlung diskutiert, sind die Präferenzen der Betroffenen nur selten Thema. Dabei geht es nicht nur um ihre Beteiligung an der Therapieentscheidung, sondern auch um die systematische Erfassung ihrer psychosozialen Bedarfe und möglicherweise sogar um ihre Beteiligung an Forschung. Angelsächsische Länder machen es vor – beteiligte Patienten und Angehörige können eine wertvolle Brücke zur Forschung schlagen und liefern wichtige Informationen für die Weichenstellung im Gesundheitswesen.

Wer eine patientenzentrierte Versorgung anstrebt, muss an mehreren Stellen ansetzen, zum Beispiel indem er die ärztliche Gesprächskompetenz fördert, validierte Gesundheitsinformationen für die Bevölkerung anbietet oder Studien zur Lebensqualität aus Betroffenensicht unterstützt. Entscheidend ist aber eine patientenzugewandte Haltung aller an der Versorgung Beteiligten.  

 

 


www.krebsgesellschaft.de