»Das Angebot zur Darmkrebs-Vorsorge nimmt nur eine Minderheit wahr.«

Juli 2016 | Handelsblatt | Fokus Krebs
Herausforderung Krebs
Die Redaktion befragt Experten zu Strategien bei Vorsorge und Therapie.
Juli 2016 | Handelsblatt | Fokus Krebs

»Das Angebot zur Darmkrebs-Vorsorge nimmt nur eine Minderheit wahr.«

Prof. Dr. med. Joachim Labenz / Internist und Gastroenterologe Berufsverband Deutscher Internisten (BDI)

Darmkrebs ist die zweithäufigste Krebserkrankung bei Männern und Frauen. Jedes Jahr wird bei etwa 60.000 Patienten in Deutschland diese Diagnose gestellt, die bei etwa 25.000 zum Tod führen wird. Darmkrebs entsteht bei der weit überwiegenden Mehrzahl der Patienten aus gutartigen Vorstufen (Polypen), die nach einer mehrjährigen Wachstumsphase in eine Krebserkrankung übergehen können. In dieser Phase kann Darmkrebs durch die Entfernung der Polypen im Rahmen einer Darmspiegelung (Koloskopie) verhindert werden. Ist es zur Krebsentwicklung gekommen, entscheidet das Stadium (Tiefenausdehnung, Streuung in Lymphknoten und andere Organe) über die Chance der Heilung. Frühe Krebsstadien mit guter Prognose machen zumeist keine Beschwerden, sie werden daher nur im Rahmen einer gezielten Suche entdeckt.

 

Im Jahr 2003 wurde in Deutschland die Vorsorge-Koloskopie für Personen ab dem 55. Lebensjahr eingeführt. In den letzten Jahren konnte bereits eine Abnahme der Darmkrebs-Erkrankungen und vor allem auch der Sterblichkeit an Darmkrebs gezeigt werden. Bisher nimmt allerdings nur eine Minderheit der Berechtigten das Angebot der Vorsorge-Darmspiegelung wahr. Aus diesem Grund hat der Gesetzgeber in diesem Jahr ein Einladungsverfahren beschlossen, das heißt alle Anspruchsberechtigten werden schriftlich über dieses Angebot informiert. Als weitere Vorsorgemaßnahme ist seit langer Zeit der Test auf verborgenes Blut im Stuhl ab dem 50. Lebensjahr Bestandteil der Vorsorgeempfehlungen. Aktuell wurde die Einführung verbesserter Tests gesetzlich beschlossen. Stuhltests können natürlich nur dann in der Vorsorge wirksam sein, wenn bei auffälligem Testergebnis auch eine Koloskopie zur weiteren Abklärung erfolgt. Stuhltests sind eine Ergänzung, aber kein vollwertiger Ersatz für eine Darmspiegelung.

 

www.bdi.de

Juli 2016 | Handelsblatt | Fokus Krebs

»Prostatakrebs früh erkennen rettet Leben.«

Dr. med. Wolfgang Bühmann / Facharzt für Urologie – Andrologie Berufsverband der Deutschen Urologen

Vorsorge entspricht der Gesunderhaltung von Gesunden, indem wir versuchen,  krankhafte Veränderungen gar nicht erst auftreten zu lassen. Beispiele dafür sind Bluthochdruck, Diabetes, Herzinfarkt, Schlaganfälle sowie Lungenkrebs. Diese Erkrankungen könnten durch individuelle Lebensstilsteuerung in grossem Umfang vermieden werden, das heißt, dass jeder seine Gesundheit in diesen Bereichen selbst steuern könnte, wenn er denn wollte.

 

Dann gibt es Krankheiten, die wir nicht vermeiden können, weil es keine beeinflussbaren Ursachen gibt – diese gilt es, so frühzeitig erkennen zu können, dass wir durch die Behandlung für den Patienten eine unverkürzte Lebensdauer bei höchstmöglicher Lebensqualität erhalten – ähnlich wie bei Krankheiten, die gar nicht erst entstehen. Dazu gehört bei Männern der Prostatakrebs: würden alle Männer ab 45 regelmässig die Früherkennungsuntersuchungen wahrnehmen (und nicht, wie seit 40 Jahren unverändert, nur 15 Prozent), müsste heute fast niemand mehr an dieser Krankheit vorzeitig sterben. Jährlich finden wir 68.000 neu an Prostatakrebs erkrankte Männer, von denen 12.000 sterben. 

 

Zu dieser völlig schmerzlosen Untersuchung gehören das Abtasten der Prostata durch den Enddarm, eventuell eine Ultraschalluntersuchung und eine Blutentnahme zum PSA-Test. Dieser Test gilt unter Experten übrigens unumstritten als bester Tumoranzeiger in der gesamten medizinischen Welt, da es seit Einführung 1982 gelungen ist, die Sterblichkeit an einer Erkrankung um 30 Prozent  zu senken – das ist Weltrekord ! 

 

Der Berufsverband der Deutschen Urologen e.V. appelliert an alle Frauen, ihre Männer zu ermuntern, diese nicht selten lebensrettende Chance zu nutzen und an alle Männer, ihre wirklich unbegründete Angst vor dieser Untersuchung zu überwinden: Tun Sie etwas für sich und Ihr privates Umfeld: Gehen Sie zur urologischen Früherkennung! 

 

www.urologenportal.de

Juli 2016 | Handelsblatt | Fokus Krebs

»Vielfalt der Therapieansätze: Stärke der modernen Krebsmedizin.«

Dr. Siegfried Throm / Geschäftsführer Forschung/Entwicklung/Innovation; Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa)

Oft wird die Hoffnung formuliert, dass ein neuartiges Medikament alle Krebserkrankungen ein für allemal aus der Welt schafft. In den 1980er-Jahren trauten das einige Beobachter dem Alpha-Interferon zu, heute den neuen immunonkologischen Medikamenten. Auch wenn das ein nie erfüllbarer Wunschtraum sein mag: Jetzt gibt es Anlass zu Optimismus für die Krebsmedizin. 

 

Aber der Grund besteht gerade nicht in einem singulären Supermedikament, sondern in der immer breiter werdenden Palette ganz unterschiedlicher Arzneimittel und anderer Therapieformen. Das ist so, weil sich hinter „Krebs“ eigentlich mindestens 200 unterschiedliche Krankheiten verbergen. Eine der wenigen Gemeinsamkeiten dieser Krankheiten ist ausgerechnet, dass jede medikamentöse Behandlung über kurz oder lang solche Krebszellen im Tumor heranzüchtet, bei denen die Behandlung nicht mehr wirkt. Längerfristigen Erfolg verspricht das Konzept, mehrere Therapien gleichzeitig oder nach einander einzusetzen. Idealerweise wird die Wahl der Therapien dabei von einer genauen Kenntnis des Patienten und seiner  Genmutationen im Tumor geleitet.

 

Forschende Pharma-Unternehmen haben in diesem Jahr schon fünf neue, sehr unterschiedliche Medikamente herausgebracht: Antikörper, Krebs-tötende Viren, Hemmstoffe der zellinternen Signalverarbeitung; 22 weitere sind im Zulassungsverfahren oder vor der Markteinführung. Für die kommenden Jahre sind ähnlich viele Neueinführungen zu erwarten. Insgesamt gelten rund ein Drittel aller industriellen Medikamentenprojekte der Entwicklung neuer Krebstherapien; befördert durch ständig neue Ideen aus der Grundlagenforschung. Das ist ein hoher Aufwand (an Manpower wie an Forschungs-Ausgaben), der aber durch stetige Verbesserungen bei den  Überlebenschancen und bei der Therapieverträglichkeit belohnt wird. 

 

www.vfa.de