Die Crux mit dem Plastik

Vor 50 Jahren ist aufgefallen, dass winzige Plastikpartikel Umwelt und Meere stark belasten. Gegengesteuert wurde nicht. Im Gegenteil: Die Belastung hat stark zugenommen. 

Illustration: Laura Neuhäuser
Illustration: Laura Neuhäuser
Mirko Heinemann Redaktion

Über Plastikmüll, der in der Umwelt und besonders in den Gewässern landet, wird neuerdings viel berichtet. Dabei ist das Problem nicht neu. Schon Anfang der 1970er Jahren haben Wissenschaftler über Strände berichtet, die mit großen und kleinen Kunststoffpartikeln übersät waren. Kunststofffasern wurden damals schon aus „beliebigen Tiefen“ gefischt, wie das Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (UMSICHT) in seiner „Konsortialstudie Mikroplastik“ berichtet. In den Mägen von Seevögeln und Fischen fanden Forscher giftiges Plastik. Nennenswerte Reaktionen von Politik, Industrie oder Verbrauchern? Keine. 

»In Deutschland gelangen pro Jahr 5,4 Kilogramm Mikroplastik pro Kopf in die Umwelt: 446.000 Tonnen pro Jahr.«

Seither wird weltweit zehn Mal mehr Plastik produziert als damals: 2019 waren es 368 Millionen Tonnen. Prognosen zufolge werden sich die Produktionszahlen bis 2040 noch einmal verdoppeln, bis 2050 sogar verfünffachen. Die Kunststoffnachfrage in Europa betrug 2019 über 50 Millionen Tonnen – größtenteils für Verpackungen. Deutschland war mit rund 24 Prozent der Gesamtmenge der weitaus größte Abnehmer, in absoluten Zahlen: 14,5 Millionen Tonnen.

Davon werden 3,1 Prozent nicht fachgerecht entsorgt, sondern landen in der Umwelt. Das entspricht  446.000 Tonnen pro Jahr oder 5,4 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Zum einen ist das Plastikmüll, der aus größeren, sammelbaren Stücken besteht und meist irgendwo herumliegt. Das reicht von der Plastikverpackung über den Schlüsselanhänger bis zum Bonbonpapier. Er macht aber nur ein Viertel der Menge aus. 

Drei Viertel hingegen gelangen als sogenanntes Mikroplastik in die Umwelt. Zum allergrößten Teil stammen diese winzigen Partikel von Autoreifen. Sie gelangen durch Abrieb der Reifen auf der Straße in die Luft und fallen als Feinstaub wieder zu Boden. Es folgen Mengen, die bei der Entsorgung von Abfällen entstehen oder auf Baustellen entstehen. Ein wesentlicher Faktor sind winzige synthetische Textilfasern, die aus den Abwässern der Waschmaschinen stammen. Dazu kommen so genannte Additive und Füllstoffe, wie sie etwa auf dem Bau eingesetzt werden. Etwa drei Viertel des Mikroplastiks werden beseitigt, entweder bei der Reinigung von Straßen und Flächen oder durch Kläranlagen, die einen großen Anteil an Mikroplastik aus den Gewässern herausfiltern. Ein Viertel aber verbleibt in der Umwelt, in Seen, Wäldern, Städten, auf landwirtschaftlichen Flächen. Teils wird mit Plastik belasteter Klärschlamm sogar als Dünger in der Landwirtschaft eingesetzt und auf die Felder aufgebracht. 

Weltweit sind die Dimensionen vor allem der Gewässerverschmutzung enorm: Eine halbe Million Tonnen Plastikmüll pro Jahr landet laut der aktuellsten Modellierung in den Ozeanen – pro Jahr. Zum einen handelt es sich um Abfälle, die durch Schiffe illegal ins Meer entsorgt werden oder um verlorene Ladungen von Frachtschiffen. Ein weiterer Teil besteht aus Plastikprodukten, die über Flüsse ins Meer gelangen. Zum Beispiel Abfälle, die am Ufer zurück gelassen wurden oder bei Hochwasser mitgerissene Objekte. Auch durch den Wind gelangen Plastikabfälle, insbesondere dünne Kunststoff-Tüten, in die Meere. 

Laut dieser aktuellen Studie, die auf über 20.000 Messwerten von der Meeresoberfläche, an Stränden und in der Tiefsee beruht, beträgt die aktuell schwimmende Plastikmenge in den Meeren 3,2 Millionen Tonnen und wird von großen Plastikpartikeln dominiert. Die Hälfte des Plastikmülls pro Jahr stammt demnach aus der Fischerei, rund 40 Prozent gelangt über Küsten in die Meere und der Rest über Flüsse. 

Illustration: Laura Neuhäuser
Illustration: Laura Neuhäuser

Nur gibt es Defizite, die von der niederländischen Forschungsgruppe auch benannt werden: Nicht hinzugezählt ist hier Plastik, das bereits zum Meeresboden abgesunken und in den Sedimenten abgelagert ist. Außerdem berücksichtigt die Modellierung nur Kunststoffsorten, die anfänglich schwimmen und nicht solche, die dichter als Meerwasser sind und sofort absinken. Damit würden wichtige Kunststoffe wie Polyvinylchlorid (PVC) und Polyethylenterephthalat (PET) ausgeklammert, so Melanie Bergmann, Meeresökologin des Alfred-Wegener-Instituts. Dabei machten sie bis zu 40 Prozent des Plastiks im Meer aus. „Es fehlt ein wesentlicher Anteil.“ Insgesamt aber hält sie die Studie für realitätsnah:  Sie basiere auf empirischen Daten und sei eine „gute weitere Annäherung“. 

Zurück zur Konsortialstudie des Fraunhofer UMSICHT. Die Maßnahmen, die das Institut gegen die Plastikflut vorschlägt, sind – wie die Plastikflut selbst – auch nicht neu. Von neuen Umweltzeichen ist die Rede, der Kennzeichnung von Schadstoffklassen und der Verschärfung von Kriterien. Auch Verbote werden genannt, etwa von Plastik, das kurzlebig ist und häufig in der Umwelt entsorgt wird – etwa dünne Plastiktüten.

»Die toxikologischen Gefahren, die mit Kunststoffen in der Umwelt zusammenhängen, sind derzeit wenig bekannt.“

Oder von Mikroplastik in Kosmetika. Neben erweiterten Pfandsystemen und der Erhöhung der Nutzungsdauer von Produkten wird Recycling als Maßnahme genannt. 

Nichts grundlegend Neues also in den letzten 50 Jahren, seitdem die ersten Entdeckungen gemacht wurden. Nur eine enorme Zuspitzung der Situation. Erstaunlich auch, dass seitdem so gut wie nichts passiert ist, um mögliche Folgen für Mensch und Natur zu erforschen. Ein entsprechendes Zitat aus der Konsortialstudie des Fraunhofer UMSICHT: „Die konkreten öko- und  humantoxikologischen Gefahren, die mit Kunststoffen in der Umwelt zusammenhängen, sind derzeit wenig bekannt und Gegenstand von wissenschaftlichen Arbeiten.“ 

Man weiß also immer noch nicht, welche Schäden das ganze Plastik der Umwelt und der Gesundheit antut. Der Mensch ist seltsam. Er lernt offenbar erst, wenn weitreichende Katastrophen passieren. Um sie dann auch wieder zu vergessen. Tschernobyl, Fukushima,
jeder Krieg kann von diesem Paradox erzählen. Parallelen zum Klimawandel sind augenfällig. Man kann nur hoffen, dass das Erwachen beim Plastik nicht allzu böse ausfällt.  

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