Art Perspectives Ausstellung "Memories of NOW"

09. - 13. September 2020 (Gallery Weekend Berlin)
Am Tacheles, Oranienburger Straße 54, 10117 Berlin

Mit der rein weiblich besetzten Gruppenausstellung Memories of Now geht die Modern-Culture-Plattform art perspectives in die zweite Runde. Ziel ist es, Frauen in der Kunstwelt zu fördern und Alternativen zum klassischen Galerie-Modell zu etablieren.

 

 

 

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Besuchen Sie die Ausstellung mit Anmeldung unter: https://pretix.eu/artperspectives

 

Barbara Green, Lorena Juan / Redaktion
 

Auch 2020 sind Frauen in Galerien, Auktionshäusern, Museen und Sammlungen deutlich unterrepräsentiert. Trotz der durchaus präsenten gesellschaftlichen Debatte um Diversity verbessern sich ihre Chancen in der Kunstwelt nur langsam. Die Gründe hierfür sind komplex, die Diskussionen um Vielfalt und Gleichberechtigung in der Kunstszene aktueller denn je. 

Wer echten Wandel fördern will, muss einen nachhaltigen Perspektivwechsel ermöglichen und das Thema „Women in Art“ in die Mitte des Diskurses um spannende und progressive Gegenwartskunst tragen. Dies ist die Idee der Initiative art perspectives, die nach einer erfolgreichen Gruppenausstellung und Event-Reihe zum Berliner Gallery Weekend 2019 nun in die zweite Runde geht.

Die Pop-Up-Ausstellung Memories of Now (09. – 13.09.2020, Am Tacheles) versammelt acht internationale Künstlerinnen in einer facettenreichen Reflexion über kollektive und persönliche Erinnerungen, die das artperspectives-Leitthema „Vielfalt“ mit substanziellen künstlerischen Positionen weiterführt: Wenn unsere eigene persönliche Geschichte den Bezugspunkt für die Begegnung mit anderen bildet, dabei immer zu einem gewissen Grad fiktionalisiert ist, welche Rolle spielen dann kollektive Codes in Form institutionalisierter Erinnerungen? Ist es letztlich eine Machtfrage, welche Geschichten auf welche Weise erzählt werden? Und welchen Anteil kann Kunst dabei haben, die Diversität von Erinnerung zu bewahren?

Jede Künstlerin wählt einen ganz eigenen Ansatz, um diesen Fragen nachzuspüren. Dabei war es uns wichtig, nicht nur eine möglichst große Vielfalt an Biografien, sondern auch ein breites Feld künstlerischer Medien abzubilden: Malerei, Skulptur, Videokunst, Performance, Sound, Textilarbeiten und Installation. So reflektiert die deutsche Künstlerin Marion Fink über das kollektive Imaginäre von Erfolg und Jugendkultur in westlichen Gesellschaften, die Werke der in Litauen geborenen Malerin Egle. Otto hinterfragen traditionelle Geschlechterstereotypen, die US-Amerikanerin Nasheeka Nedsreal erforscht in ihren Performances Traditionen und Aberglaube, die ihre Vorfahren bei ihrer Entführung über den Atlantik folgten, und die Berliner Videokünstlerin Antje Engelmann macht sich anhand von autobiographischem Filmmaterial zum Gegenstand ihrer Untersuchung von Erinnerung und Selbstkonstruktion. Ebenfalls vertreten sind Tatiana Echeverri Fernandez (Performance und Skulptur / Costa Rica), Elisa Duca (Performance / Italien) und Neda Saeedi (Konzeptkunst, Installation / Iran), sowie art perspectives 2019 Alumna Beatriz Morales (Mexiko) mit einer Textilkunst-Installation. Susanna Kim alias IAMKIMKONG rundet die Ausstellung mit einer eigens konzipierten Klanginstallation ab. 
 

In der Beschäftigung mit der Vergangenheit möchte Memories of Now auch unser Verständnis von Gegenwart und Zukunft hinterfragen, worauf auch der scheinbare Widerspruch des Ausstellungstitels hinweist. Das „Jetzt“ ist keine Zeiteinheit, die isoliert zu betrachten ist, sondern steht natürlich immer in Wechselwirkung mit Vergangenheit und Zukunft. Bilder, Begegnungen und Ereignisse tauchen vor unserem autobiografischen Auge auf und der Blick zurück bietet im selben Moment die Basis für den Blick nach vorne. Die Gegenwart ist dabei mehr als der schlichte Übergang von Vergangenheit in Zukunft, sondern vielmehr ein komplexer und vernetzter Möglichkeitsraum. Einer, der uns zum Handeln animieren sollte, statt in Angststarre oder Melancholie zu verfallen angesichts der enormen gesellschaftlichen Umbrüche, die wir nicht erst seit der Corona-Pandemie erleben. 

Sowohl in der Ausstellung Memories of Now, in Form des Magazins Die KUNST als auch des diesjährigen Rahmenprogramms, unter anderem mit dem iranischen Musikerinnen-Trio „East Meets West“, das traditionelle persische mit klassischer abendländischer Musik verbindet, sowie der schwedischen Poetin und Autorin Cia Rinne, möchte art perspectives das Konzept einer Modern-Culture-Plattform weiter etablieren. Im Mittelpunkt steht der Netzwerkgedanke. Unser Anspruch ist, weit über die bloße Präsentation von Kunst hinauszugehen und dabei vielfältige Möglichkeiten des Austausches zu schaffen – zwischen KünstlerInnen, Kunstinteressierten und etablierten sowie angehenden SammlerInnen.

art perspectives ist eine Initiative des Berliner in|pact media Verlags und wurde 2019 von Mitgründerin Sara Karayusuf-Isfahani ins Leben gerufen.

 

Memories of Now

 

Memories, both personal and collective, frame the way in which one sees the past. They are always embodied and always political. Memories can be recalled, appropriated, deformed or adorned in order to create various sets of meanings or worldviews, all of them fictionalized to a certain degree. Institutional written archives, in contrast to oral storytelling for example, ascribe to objects and sites a limited number of established and orthodox meanings and they render them expressive of a homogenized history. Hermetically sealing the past, they thereby remove affect from the processes of present remembering. However, aesthetic experiences have the capacity to humanize and challenge memory’s ossification and thus enter a nurturing, fruitful conversation with and about the future. Memories of Now is an exhibition gathering international female artists in a multi-faceted reflection on collective and personal memories, starting from the bodies and forms in which it incarnates. With a focus on the unofficial, the mythological, the ephemeral and the private, these artistic positions examine how the side stories that did not make it to the offical records of history shape our experiences of the present and question the cultural processes of current “heritage industry.” Visual art can offer unique perspectives on the making of meaning, and create new understandings of place, memory and affect. In other words, it offers other ways of creating and interpreting the world. The result can be challenging and nostalgic, but also exquisite, brave and generative. The selected works configurate artistic gestures of remembrance that link past to present in new and diverse ways. Parting from an array of diverse embodied identities, experiences and backgrounds, the ultimate goal of the exhibition is to present a multiple layering of histories, making the “now” flourish with non-linear and poetic narratives. According to Chimamanda Adichie, how many stories are told, how they are told, who tells them, and when they're told really depends on power[1]. The conversational display of the exhibition aims at challenging the dangerous paradigm of the “single story,” as the Nigerian author would put it. Our hope is for Memories of Now to become a place where alternatives to a single hegemonic story about the present may be proposed - the arena in which new meanings are made and power structures are questioned and reversed.

ELISA DUCA

Elisa Duca developed a site and time-specific performative installation for Tacheles - as an explicit homage, the work refers to the building, which has been a symbol of the city's subculture since the 1990s, and of everything that this city has meant and undergone in transformations since the fall of the Berlin Wall. It deliberately refers to the mural on the front of the building, which has now been swallowed up by the new buildings. The hanging plastic bags, which Elisa Duca will cut at irregular intervals through performative interventions and from which slime drips onto the floor at different speeds, function like an ensemble of uncoordinated hourglasses. They measure the length of the "now" in which we are living while referring back to the site's history and its legendary and illegal tenants.

 

1: How long is now, 2020

 

Soundinstallation Memories of Now von IAMKIMKONG

Susanna Kim alias IAMKIMKONG beschäftigt sich in ihrer Soundinstallation "Memories of Now" mit dem auditiven Zugang zu Erinnerungen. Sie versteht Erinnerung als eine selektive, subjektive Wahrnehmung, die bereits im Moment ihres Entstehens objektiven Einflüssen unterliegt und durch stetige Wahrnehmungsänderungen immer zugleich mit dem Jetzt verbunden ist. Ein deutliches Thema des Stückes sind ihre Erinnerungen an die koreanische Kultur und ihre Sozialisation, wiedergegeben durch musikalische Bruchstücke, verwoben mit Alltagsgeräuschen der Metropolen Seoul und Berlin. Straßengeräusche, Elemente verschiedener Musikgenres, Klänge aus der Natur – durch Veränderung der Parameter ADSR verwandeln sich die verwendeteten Samples für den Hörer in den Pulsschlag des industrialisierten Ruhrgebiets, die Geburtsregion der Künstlerin, oder der Technostadt Berlins. Der Rhythmus und die gebrochenen Elemente verändern die Atmosphäre des Stückes kontinuierlich und zeigen Facetten und Stationen ihrer Erinnerungen im Jetzt. 
 

Mit freundlicher Unterstützung von Sonos. 
 

Weitere Informationen zur Künstlerin und zur Soundinstallation auf www.iamkimkong.com.
 

2: Memories of now, 2020

 

MARION FINK

Marion Fink’s large-scale works on paper are created through augmented monotype printing processes that are completely her own. Using oil paint and oil pastel, the artist first paints onto large glass plates, which she then transfers onto the paper by pressing with her full body. Fink builds upon the paper with a collage of new prints over time, resulting in unique works. Fink's paintings are populated by figures, objects, and landscapes that combine fragments of the collective imaginary of popular culture, social media, and youth culture. For her currently ongoing series of works she creates images that could be seen as surreal expressions of individual experiences of the world. 
 

3: Morning Glory, 2019, Monotype, 91 x 66 cm

4: The seedlings she had nurtured would turn entire worlds upside down, 2020, Oil Color and wax pastel on paper, 2010 x 153 cm

5: TheWave, 2019, Monotype, 210 x 153 cm

 

TATIANA ECHEVERRI FERNANDEZ

Tatiana Echeverri Fernandez´ works start from the assumption that "the future is in the past". The artist is concerned with the interactions of bodies, collective memory and material. For the exhibition she presents a wall sculpture which, under the title Re-Reptile, tries to create a new order between past and present. By putting the strips of a road marking on Bernauer Strasse on the wall, the artist withdraws the gravity and strong functionality of the object. The title results from the uncanny impression of snake skin, transforming the strips into a man-made monster. By framing the strips next to each other, Echeverri Fernandez attempts to tame something that in its actual function is as linear and progressive as time may seem. 
 

6: ohne Titel, 2020, 108 x 234 cm

7: Re-reptile,480 x 420 cm, 2020

9: Sonic Fossils, 2019

11: ohne Titel, 2018

 

ANTJE ENGELMANN

Antje Engelman usually draws on autobiographical material to work with narrative formats such as performance, photography, film, sound and multimedia installations. In the essay film „A Guide to Changing the Past“,Antje Engelmann makes herself the object of her investigation of memory and self-construction. Using investigatively staged documentary film material, found footage and video material from the family archive, she tells her personal story of growing up in the disappearing culture of the Danube Swabians. The film deals with concepts of home as a geopolitical place or as a more complex, inner, emotional place. 
 

8: Fotoserie ohne Titel
16: Eine Anleitung, um die Vergangenheit zu ändern, 40 min., 2011
 

BEATRIZ MORALES

The artistic practice of Beatriz Morales delves into the complexity of questions of belonging, temporality and the senses - especially the invisible and inaudible. To this end, Beatriz Morales varies materials, formats, and moods with great joy in experimentation, always in search of a new artistic approach - as recently in her new work with natural pigments and fibers. Here she uses the Sisal Agave, a plant that is very common in her home town, where it is used for the production of ropes, cords and even carpets. The artist grew up in Mexico above the textile factory of her parents making this is a very personal, autobiographical work which also deals with the Mexican society and its relationship to labor.
 

10: Video: Kaan / Kihaab

     Textilarbeit: ts’ul, 2020

 

EGLĖ OTTO

Eglė Otto´s paintings function as a commentary on the contemporary understanding of gender. In her practice she intensively researches Western Art History and reflects on the prevailing concepts of "Male Gaze" and "Otherness". Her current work series Filosofisten symbolically deals with the subject of headgear while her work Messy Gender Box thematizes the different currents and the heated debates on the topic of gender studies. With the expression "Queen B", the artist uses for the first time writing in her paintings. The Queen Bee syndrome refers to women in authority or power who treat subordinate females worse than males purely because of their gender.

12: Molpe aus der Folge „den Fluch von Kassandra und Pandora nehmen“, 2019, Öl auf Leinwand, 190 x 160 cm

13: Filosofisten Bild Nr. 6, 2020, Öl auf Leinwand, 100 x 80 cm
14: 1: Europa, 2019, Öl auf Leinwand, 40 x 30 cm
      2: Soma, 2019, Öl auf Leinwand, 40 x 30 cm

 

NEDA SAAEDI

In her works, Neda Saaedi addresses the relationship between the human body and architecture. She uses installation and sculpture to combine data, facts and narrative elements. As part of Garden of Eden Moving; A Petrified Tribe she created a sheep made out of sugar in order to deal with events of modern history in relation to the Bakhtiaris tribe and the question of how its nomadic culture and way of life changed dramatically when the Iranian state decided to enclose them within the borders of Shooshtar-e Noe. The town was built around the industrial production of sugar, with the following buildings directly adjacent sugar cane fields were created. The candied figure reminds us of our sweet addiction, but also of its importance in connection with deforestation and colonialism. 

 

15: 6 Skulpturen aus der Serie „The Hanging Gardens“
17: Sugar Tribe, 2020

 

NASHEEKA NEDSREAL

The dancer and performer Nasheeka Nedsreal focuses on the themes of identity, culture, belonging, rituals, traditions, descent, society and politics. In "Working the Root", Nasheeka Nedsreal explores the traditions that followed Black people across the Atlantic to the USA and that remain embedded in superstitions, beliefs, values, and culture. Is luck the fundamental expression of unpredictability or uncertainty? Is it out of our control? Nedsreal follows the role of the divine, and whether it has left the universe to its own cause and effect—or the chance to manifest one’s own fortune.