Globales Deutschland

März 2017 | Capital | International Business

Globales Deutschland

Für die Umsätze der größten Unternehmen Deutschlands sind die Exporte seit Jahren der wichtigste Wachstumstreiber. Nun drohen globale Tendenzen zur Renationalisierung und zunehmende Vorbehalte gegen den Freihandel den Motor zum Stottern zu bringen.

Illustration: Atelier Olsson Rodriguez
Interview: Klaus Lüber / Redaktion

Herr Treier, für eine stark exportorientierte Volkswirtschaft wie die deutsche ist die aktuelle weltpolitische Lage nicht gerade ideal. Müssen wir uns Sorgen machen?
Ich empfehle hier eine zweigeteilte Betrachtung. Das eine ist die konjunkturelle Situation, die Pläne der Unternehmen und die Erwartungen an das konkrete Geschäft. Hier können wir eigentlich keine grundsätzlich schlechte Stimmung erkennen. Die Auftragsbücher der Unternehmen sind gut gefüllt. Ich würde sogar sagen, dass wir über den Jahreswechsel hinweg einen positiven Trend zu verbuchen haben. Auf der anderen Seite ist gerade das außenwirtschaftliche Umfeld überaus herausfordernd. Neben den Auswirkungen politischer Krisen gibt es die Tendenz zu mehr Protektionismus.
 
Die gerade veröffentlichten, negativen Auftragseingangszahlen beunruhigen Sie nicht?
Nein. Hier war zwar ein Einbruch zu vermelden, der allerdings auch stark von Großprojekten verzerrt wurde. Produktion und Exporte haben sich zu Jahresbeginn erfreulich entwickelt. Außerdem berichten uns die Betriebe von optimistischen Erwartungen für ihre Geschäfte insgesamt wie auch für ihre Ausfuhren.
 
Wie steht es um die Renationalisierungsrhetorik des neuen US-Präsidenten?
Diese ist in der Tat besorgniserregend. Die USA sind für uns ein wichtiger Handelspartner. Wenn hier auf vermeintlich einfache Lösungen und merkantilistische Ansätze gesetzt wird, dann ruft das bis tief in die deutsche Unternehmerschaft hinein große Sorgen hervor.
 
Nun könnte man die Haltung einnehmen, dass der enorme Exporterfolg der deutschen Wirtschaft auf eine Schieflage in der Handelsbilanz hindeutet, deren Korrektur überfällig ist.
Die Kritik am deutschen Leistungsbilanzüberschuss ist nicht neu. Auch hier muss man differenzieren. Grundsätzlich sind die Exporterfolge ein Zeichen der hohen Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen. Daneben sind sie im Augenblick auch Nebeneffekt der expansiven Geldpolitik. Die ist aber Sache der Europäischen Zentralbank, die für den gesamten Währungsraum verantwortlich ist. Deutschland hat darauf keinen Einfluss. Es wäre also etwas widersinnig zu behaupten, wir würden hier willentlich einen schwachen Euro herbeiführen, wie man das aus manchen Äußerungen der aktuellen US-Regierung herauslesen könnte.

Wobei die Kritik ja auch innerhalb Europas geäußert wird.
Dann kann ich sie aber noch weniger verstehen. In Europa ist unser Wirtschaftserfolg ja ein ganz entscheidender Stabilisator. Durch die wirtschaftliche Dynamik in Deutschland sind die Importe aus der Eurozone besonders deutlich gestiegen – seit 2008 um 13 Prozent, während die deutschen Ausfuhren in den Währungsraum nur um vier Prozent zugelegt haben. Dementsprechend ist der Handelsüberschuss gesunken. Auch die Rettungsmaßnahmen im Zuge der Eurokrise wären ohne starke Volkswirtschaften, wie die deutsche, gar nicht realisierbar gewesen.
 
Aber grundsätzlich stimmt es doch, dass Volkswirtschaften tendenziell eine ausgeglichene Leistungsbilanz anstreben sollten?
Aus volkswirtschaftlicher Sicht sind große Defizite oder Überschüsse auf lange Sicht nicht gesund. Die Frage ist, was hinter diesen Ungleichgewichten steht. Für Deutschland ist ja auch bekannt, dass es sich beim Exportüberschuss um einen Ersparnisüberschuss handelt. Anders ausgedrückt: Wir haben eine Schwäche in Bezug auf inländische Investitionen.
 
Was heißt das konkret?
Nach unseren Berechnungen haben uns im internationalen Vergleich zuletzt etwa 80 Milliarden Euro an Investitionen pro Jahr gefehlt, wobei 60 Milliarden Euro auf die Privatwirtschaft und 20 Milliarden Euro auf den Staat entfallen. Uns fehlen im Augenblick wichtige Anreize, beispielsweise beim Ausbau einer leistungsfähigen digitalen Infrastruktur, die für den Mittelstand hinsichtlich Industrie 4.0 so entscheidend ist. Auch bei der Verkehrsinfrastruktur hapert es. Für Schienen, Straßen und Wasserwege ist zwar mehr Geld vorgesehen, aber es reicht nicht aus. Auch die Planungskapazitäten sind zu einem Engpass geworden. Ebenso sollten wir uns mehr um Bildung und Forschung kümmern.
 
Also wäre ein Kurswechsel angebracht?
Es ist nicht so, dass wir das so einfach ändern könnten. Es wäre naiv, zu glauben, es gäbe so etwas wie einen Regler, der von der Bundesregierung getätigt werden kann und die Überschüsse in eine balancierte Handelsbilanz verwandelt. Die Situation, in der wir heute sind, ist das Ergebnis dezentraler Kaufentscheidungen. Die Schwäche der Importe fußt sicherlich auch auf der deutschen Sparneigung besonders mit Blick auf die demographische Entwicklung.
 
Lassen Sie uns noch einmal auf die eingangs erwähnte Bedrohungslage zurückkommen. Im Trend zu Protektionismus und Renationalisierung steckt ja auch eine sich immer deutlicher manifestierende Kritik an der Globalisierung. Inwieweit ist diese Ihrer Meinung nach berechtigt?
Eines ist klar: Die Globalisierung ist ein wichtiger Treiber dafür, dass gerade Schwellenländern zu mehr Wohlstand gelangen. Man muss sich jedoch dieser Kritik stellen, denn sie trifft ein ernstes Problem. Nämlich die Frage, wie sich die Wohlstandsgewinne der Globalisierung verteilen. Das ist eine Frage der Gestaltung der Rahmenbedingungen. Es ist gleichwohl falsch, deswegen die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung und Kooperation in Frage zu stellen, denn ohne sie würde es vielen Menschen schlechter gehen. Gerade faire Bedingungen im internationalen Handel können hier für beide Seiten Fortschritte bringen.
 
Wie beurteilen Sie die Rolle der EU angesichts der gerade beschriebenen Entwicklungen?
Die Integrität des Binnenmarktes sollte gerade angesichts des Trends zur Renationalisierung, zu dem ja auch das bevorstehende Ausscheiden Großbritanniens aus der EU gehört, höchste Priorität haben. Das ist auch aus Sicht der Unternehmen entscheidend, wie unsere Umfragen zum Beispiel im Nachgang zur Brexit-Entscheidung gezeigt haben.
 
Warum ist der Binnenmarkt so essentiell?
Er ist die Grundvoraussetzung für jene innereuropäische Arbeitsteilung, in deren Rahmen beispielsweise Deutschland in den letzten 15 Jahren massiv in den Mitgliedsländern Mittel- und Osteuropas investiert hat. In Bezug auf deutsche Unternehmen und Produkte „Made in Germany“, die inzwischen fast „Made in Europe“ genannt werden müssten, ist die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen und der europäischen Volkswirtschaft insgesamt stark angestiegen. Das war nur durch einen ungehinderten Austausch von Waren, Arbeitskräften und Kapital innerhalb Europas möglich. Für Deutschland ist der Binnenmarkt auch deshalb so wichtig, weil wir dort immer noch den größten Teil unserer Produkte kaufen und verkaufen.
 
Welche Bedrohung bedeutet der Brexit für den EU-Binnenmarkt?
Der Brexit ist eine enorme Herausforderung, ohne Frage. Aber man kann ihn durchaus auch als eine Chance sehen, Europa neu zu positionieren. Wir sehen das auch daran, dass es uns gerade wieder leichter fällt, Debatten über die Frage der Offenheit von Märkten außerhalb der EU zu führen. Wenn unser Verständnis von freien, globalen Märkten von traditionellen Handelspartnern in Frage gestellt wird, dann schweißt uns das auch zusammen bei der Suche nach neuen Handelsoptionen, etwa mit China oder den Mercosur-Staaten in Südamerika.

 

Dr. Volker Treier
ist stellvertretender Hauptgeschäftsführer und Außenwirtschaftschef des DIHK