Februar 2017 | Die Zeit | Zukunft Medizin

Schwach auf der Brust?

Herzschwäche kann viele Gründe haben. Ein Überblick über Entstehung, Krankheitsbilder und Therapien.

Illustration: Theresa Schwietzer
Sabine Philipp / Redaktion

Die kleinste Anstrengung wird zum Kraftakt. Wenn beim Treppensteigen plötzlich die Luft zum Atmen fehlt, könnte das auf eine Herzschwäche, medizinisch Herzinsuffizienz, hindeuten. Laut Kompetenznetz Herzinsuffizienz sind bundesweit rund drei Millionen Menschen betroffen. Das Herz hat die Aufgabe, Blut durch den Organismus zu pumpen, und damit die Organe mit Sauerstoff zu versorgen. Bei einer Herzinsuffizienz ist es dazu nicht mehr ausreichend in der Lage. Unter anderem kann eine Herzmuskelentzündung vorliegen oder ein Herzklappenfehler.  Im Folgenden eine Erklärung der gängigen Begriffe.

Mitral- & Aortenklappen

Herzklappen kann man sich wie Ventile vorstellen. Sie regulieren den Blutfluss in die einzelnen Herzhöhlen. Die häufigsten Herzklappenfehler sind die Aortenklappenstenose und die Mitralklappeninsuffizienz. Bei der Mitralklappeninsuffizienz ist die Klappe zwischen dem linkem Vorhof und der linken Herzkammer (Mitralklappe) undicht. Da sie nicht richtig schließt, fließt ein Teil des Blutes wieder zurück. Dieses Volumen belastet das Pumpsystem und fehlt gegebenenfalls, um die Organe zu versorgen. Bei der Aortenklappenstenose sind die Herzklappen zu eng. Das erschwert den Blutfluss. In diesem Fall kommt noch hinzu, dass der Blutstrom gegen einen höheren Widerstand gepumpt werden muss, was das Herz noch weiter belastet. Je nach Schweregrad werden Herzklappenfehler medikamentös behandelt, wobei die Medikamente dazu dienen, die Beschwerden zu lindern, die durch den Fehler entstehen. Oder – je nach Risikoprofil des Patienten – durch einen katheterbasierten oder chirurgischen Eingriff. Grundsätzlich wird versucht, die Herzklappe so weit wie möglich zu erhalten. Wenn das nicht möglich ist, kommen künstliche Herzklappen zum Einsatz.

Koronare Erkrankungen

Auch die Gefäße, die das Herz mit Blut versorgen, die so genannten Herzkranzgefäße, können betroffen sein. Man spricht hier von koronarer Herzkrankheit (KHK). Die KHK ist charakterisiert durch Ablagerungen (Plaques) in der Gefäßwand der Herzkranzgefäße, die durch die Arteriosklerose (Gefäßverkalkung) hervorgerufen sind. Im fortgeschrittenen Stadium mit starken Ablagerungen und folgender Einengung kommt es zur Verminderung des Blutflusses. In Ruhe reicht der verminderte Blutfluss noch aus, um den Herzmuskel ausreichend mit Sauerstoff zu versorgen. Unter körperlicher Belastung kann der steigende Bedarf nicht mehr erfüllt werden. Der Patient bekommt Brustschmerzen, die nach Beendigung der Belastung wieder weggehen. Gefährlich werden kann die KHK, weil sie die Grundlage für den Herzinfarkt darstellt. Beim Herzinfarkt verschließt ein Blutgerinnsel (Thrombus) das Herzkranzgefäß vollständig, sodass die Versorgung der Herzmuskulatur mit Sauerstoff vollständig unterbrochen wird. Während eines Herzinfarkts stirbt Herzmuskelgewebe ab und wird durch Narbengewebe ersetzt. Das Herz muss dann die gleiche Leistung mit weniger Muskelmasse erbringen.  

Hypertrophie

Das geschwächte  Herz kompensiert das fehlende Pumpvolumen, indem es größer wird, sodass das gepumpte Volumen ausreicht, um die lebensnotwendigen Organe wie Gehirn, Leber und Nieren mit Sauerstoff zu versorgen. Es „wächst“ dann wie ein Muskel beim Krafttraining. Man spricht hier von Hypertrophie (Vergrößerung durch Belastung). Da sich die Zellen nicht unendlich ausweiten können, stößt der Kompensationsprozess  irgendwann an seine Grenzen. Gleichzeitig kommt es durch die Größenzunahme durch die Dehnung zu einer weiteren Schädigung. Ein regelrechter Teufelskreis entsteht.  

Mögliche Therapien

Die Herzmedizin hat in den letzten Jahren sehr große Fortschritte gemacht. Während dem aktuellem Herzbericht zufolge 1990 noch 82 Menschen pro 100.000 Einwohner an einer Herzschwäche starben, waren es 2014 rund 55. Das entspricht einem Rückgang von 33 Prozent.  In der Therapie hat sich zudem eine ganz neue Denk-richtung durchgesetzt. So lag früher der Fokus vor allem darauf, das Herz zu stimulieren. Heute zielen die Therapien darauf ab, das Herz zu entlasten. Man versucht also, es in die Lage zu versetzen, dass es auch mit einer Einschränkung ausreichend funktionieren kann. Das geschieht mit Medikamenten, die den Widerstand, gegen den das Herz das Blut pumpen muss, verringern. Zusätzlich kommen Herzfrequenz verlangsamende Substanzen zum Einsatz. Denn je langsamer das System läuft, desto schonender ist es. Dennoch ist sportliche Betätigung kein Tabu. Sie muss nur auf die beschränkten Möglichkeiten abgestimmt sein. Dann wirkt sie sich sogar positiv aus. Denn trainierte Herzen arbeiten nun einmal ökonomischer. Mediziner raten hier zu leichtem Bewegungstraining wie flotten Spaziergängen, Fahrradfahren, Schwimmen oder Nordic Walking;  je nach Krankheit natürlich unter entsprechender Anleitung und Überwachung.   

Auch monatelange Klinikaufenthalte gehören längst der Vergangenheit an. Meist dauern sie nur noch wenige Tage. Sie stehen bei Operationen an, wenn die Ursache der Erkrankung gefunden werden muss, oder sie dienen dazu, den Patienten medikamentös einzustellen. Laut Herzbericht hat sich die Zahl der Erkrankten von 275 Fällen pro 100.000 Einwohnern in 1995 auf 541 im Jahr 2015 fast verdoppelt. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht danach aussieht, belegt die Zahl den großen Fortschritt in der Medizin. Der Zuwachs rührt nämlich daher, dass die Menschen mit der Erkrankung viel länger leben als noch vor 20 Jahren. Herzschwächepatienten können heute 80 Jahre und älter werden.



Der Lebensstil macht’s: Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen

Regelmäßiges Ausdauertraining senkt den Blutdruck, macht das Herz leistungsfähiger und baut Stresshormone ab. Außerdem verbessert es den Fettstoffwechsel. Damit sinkt das Risiko, dass sich Plaques an den Gefäßen ablagern und sie verengen (Arteriosklerose). Die Deutsche Herzstiftung empfiehlt darüber hinaus die Mittelmeerküche, da sie Bluthochdruck und Diabetes vorbeugen und bestehende Erkrankungen positiv beeinflussen kann. Sie zeichnet sich durch einen hohen Anteil an Gemüse, Fisch, Raps- und Olivenöl aus. Auch der Mittagsschlaf könnte das Risiko senken. So fanden Forscher der Universität von Athen und der Harvard Universität in Boston bei einer Beobachtungsstudie heraus, dass das Risiko für einen Tod durch Herzerkrankungen bei Mittagschläfern um etwa ein Drittel geringer war, bei berufstätigen Männern sogar um 64 Prozent. Die Vermutung: Mittagsschlaf könnte Stress abbauen.