März 2017 | Die Welt | Geld

»In die Gosse oder an die Spitze«

Der österreichische „Investment-Punk“ Gerald Hörhan über seinen Willen zum Aufstieg, die Auswirkungen der Digitalisierung und die Chancen an der Börse.

Gerald Hörhan; Foto: Inshot
Interview: Gunnar Leue / Redaktion

Herr Hörhan, Sie nennen sich Investment-Punk. Was ist das Punkige an Ihnen als Investor?
Die klassischen Anzugträger in der Finanzindustrie sind meistens sehr steif, formalistisch und bürokratisch, machen aber eine Menge Show. Dabei können viele nicht mal mit Geld umgehen. Bei mir ist es genau umgekehrt. Ich bin total unformalistisch, führe meine Geschäfte de facto wie ein Start-up-Unternehmen und habe klare Vorstellungen über den Umgang mit Geld. Statt mir Paläste zu bauen und mein Geld zu verkoksen, kaufe ich mir lieber Liegenschaften und baue mein Online-Geschäft aus.

Punk heißt: Ich mache was ich will und verzichte gern auf einen Plan. Fürs Geldverdienen nicht unbedingt die besten Voraussetzungen?
Ich mache was ich will, trifft hundertprozentig auf mich zu, auch geschäftlich. Und wenn ich ein Geschäft lieber nicht machen will, mache ich es auch nicht. Das heißt nicht, dass ich keinen Plan hätte, deshalb heiße ich ja auch Investment-Punk und nicht Anarcho- oder Planlos-Punk. Ich weiß sehr genau, was ich tue.

Seit wann wussten Sie das?
Mit 12, 13 wusste ich schon, was ich nicht will: das typische Mittelstandsleben mit früh Aufstehen, zur Arbeit fahren, dem Chef in den Arsch kriechen, abends nach Hause und erschöpft vorm Fernseher einschlafen. Mir war schnell klar: Entweder komme ich in die Gosse, oder ich muss an die Spitze. Gosse ist Mist, also entschied ich mich für die Spitze und für die damit verbundene harte Arbeit, ohne Spaß und meine Freiheit aus dem Fokus zu verlieren.

Sie haben in Harvard studiert, als Selbstständiger mit Finanz- und Immobilieninvestments einiges Geld verdient und später eine deutschsprachige Online-Business-Education-Plattform aufgebaut. Was ist das Haupterfordernis, um in so verschiedenen Bereichen erfolgreich zu sein?
Flexibilität, um seinen Plan immer an die Möglichkeiten anzupassen. Zufälle gehören dazu, sicher, aber auch Gespür. Ich habe immer dann gekauft, wenn andere nicht kaufen wollten. Zum Beispiel Immobilien zu einer Zeit, als es zu riskant galt. Heute sagen die Leute Immobilien sind risikoarm, obwohl die Preise doppelt so hoch sind.

Sehen Sie das auch so?
Der Markt ist eindeutig überhitzt, zumindest in den Metropolen. Viele Geschäfte sind nur noch akzeptabel, weil die Zinsen so niedrig sind.

Die Aktienpreise sind ebenfalls enorm gestiegen. Dasselbe Problem?
Die Aktienpreise sind vor allem getrieben durch billiges Geld und eine gewisse Euphorie in Bezug auf die von Trumps erwarteten oder erhofften Steuersenkungen, Deregulierungen und Staatsausgaben. Es kann durchaus sein, dass es an der Börse noch höher geht, allerdings befinden wir uns in sehr instabilen politischen Verhältnissen, was keine leichte Einschätzung der Aussichten ermöglicht. Wie geht es weiter mit dem Brexit, bekommt Frankreich eine Präsidentin Le Pen und Deutschland eine Linksregierung? Alles Fragen, die Einfluss auf die Aktien-, Immobilien- und Anleihenmärkte haben werden.

Was technologisch passieren wird, beschreiben Sie in ihrem Buch „Der stille Raub“. Sie prophezeien der Mittelschicht, infolge der digitalen Revolution völlig unter die Räder zu kommen.
Durch die digitale Revolution wird die Gesellschaft in zwei Teile gespalten: die Nutznießer, die sich auf sie einlassen, und die Abgehängten, die die Chancen der Digitalisierung nicht nutzen. In den nächsten Jahren werden allmählich Millionen Beschäftigte ihre Jobs verlieren: Lokführer, Taxifahrer, Bankangestellte, und es gibt bereits die ersten Robo-Anwälte. Bei JP Morgan wurde gerade eine Software eingesetzt, die 360.000 Stunden von Rechtsanwälten und Kreditsachbearbeitern einspart, Goldman Sachs treibt die Automatisierung voran, um Tausende Jobs von Analysten und Investmentbankern zu eliminieren. Im Gesundheitswesen verbessern Bots und Computer medizinische Diagnosen und können irgendwann Ärztejobs ersetzen.

Werden sich mit der Digitalisierung auch die Einkommensmöglichkeiten der Berufe radikal verändern?
Die Veränderung ist ja schon voll im Gange. Wer sich mit Programmierung, Online-Marketing oder Datenanalyse auskennt, wird doch bereits heute am Arbeitsmarkt in Gold aufgewogen. Das wird noch extremer werden. Ein 18-jähriger Hacker, der Virtual Reality programmieren kann, wird höheren Status und Einfluss haben als ein Banker oder Uni-Professor.

Was empfehlen Sie der heutigen Mittelschicht und deren Kindern?
Jeder sollte in seine Ausbildung eine digitale Komponente integrieren, beispielsweise klassische Fächer wie Jura und Medizin mit Informatik kombinieren. Jeder steht vor der Aufgabe, umzudenken und umzulernen. Vor drei Jahren hatte ich auch keinen blassen Schimmer von Onlinemarketing und Social Media. Dann habe ich Kurse und Seminare besucht, Videos angeschaut, mich in die Communitys eingebracht. Heute habe ich beide Hüte auf. Als Investmentbanker bin ich Teil der Old Economy, und als Onlineunternehmer im Bereich Education und Ausbildung Teil der New Economy. Ich sehe, wie im einen Bereich langsam der Sonnenschein nachlässt und auf der anderen Seite die Begeisterung wächst, online Dinge zu bewegen.

Sie sehen gerade in Deutschland noch viel Potenzial in der digitalen Entwicklung. Was heißt das für Sie in Bezug auf die Investitionsmöglichkeiten für Kleinanleger?
Am besten investieren die in ihr eigenes digitales Geschäft, als Arzt, Notar oder Nachhilfelehrer in die eigene Marke. Wer seine speziellen Vorzüge und Angebote offensiv online darstellt, erreicht mehr Kunden und so höhere Einkommen. Generell waren die Chancen noch nie so gut, mit wenig Kapitaleinsatz rasch Karriere zu machen oder ein Unternehmen aufzubauen. Man muss jedoch kreativ sein, Chancen erkennen und sie durch hartnäckige Arbeit nutzen.


Gerald Hörhan
Der österreichische Harvard-Absolvent Gerald Hörhan ist Finanz-, Immobilien- und Onlineunternehmer sowie nebenbei Buchautor mit Vorliebe für steile Thesen. In seinem neuesten Buch „Der stille Raub“ gibt er einen meinungsstarken Überblick über den Status Quo und die Aussichten der Digitalisierung, die für ihn nur zwei Gruppen von wirtschaftlich Überlebenden in der Gesellschaft lässt: die totalen Gewinner und die Verlierer, zu denen er den größten Teil der heutigen Mittelschicht zählt. Im Interview sagt er, wie man auf die Gewinnerstraße kommt.