Die Elefanten von Addo

April 2019 | stern | Die Welt des Reisens

Die Elefanten von Addo

Südafrika baut seine Nationalparks aus, um den Tourismus anzukurbeln. Der „Addo Elephant National Park“ bei Port Elizabeth steht bei diesem ehrgeizigen Vorhaben an vorderster Stelle. 500 Elefanten leben hier, Tendenz steigend.

Illustration: Constanze Behr
Mirko Heinemann / Redaktion

Das erste Schild, das wir sehen, warnt nicht vor Raubtieren, sondern vor Mistkäfern. Die seltenen Käfer entsorgen den Dung von Elefanten. Sie sind wichtig für das Ökosystem und dürfen daher von Autos nicht überfahren werden. Wir sind allerdings nicht im Auto unterwegs, sondern auf Pferden. Wie Cowboys schaukeln wir, ein halbes Dutzend Reiter, unter sengender Sonne im Schritttempo durch das große Tor. Außer Elefanten leben im südafrikanischen Addo Elephant National Park die „Big Five“, also Löwen, Leoparden, Nashörner und Büffel. Eine Garantie auf Sichtungen gibt es aber nicht. Die Tiere verbergen sich in dem dichten Dorngenstrüpp, das die Hügel hier bedeckt.    


Auf einem Hinweisschild steht: „Die Tiere in diesem Park sind nicht zahm.“ Zum Glück haben wir den ehemaligen Ranger Kevin Foster dabei. Er kennt beinahe alle Nationalparks des südlichen Afrika und hat unter anderem im berühmten Krüger Nationalpark gearbeitet. Löwen soll es in diesem Teil des Parks zwar nicht geben, versichert er uns. Aber viele Elefanten. Und die sind nicht ungefährlich. „Mit einem Pferd kann man einen Elefanten abhängen, das kann man zu Fuß nicht“, erzählt er. Das soll uns wohl beruhigen.


Addo ist ein Wildpark mit langer Tradition. Der Park hat seine Anfänge als Reservat für den beinahe ausgerotteten Kap-Elefanten bereits Mitte des letzten Jahrhunderts. Damals wurde eine kleine Fläche von zweieinhalbtausend Hektar umzäunt, um die letzten 22 Elefanten der gesamten Provinz zu retten. Die Tiere waren zuvor von der Regierung erbittert bekämpft worden, weil sie in den Zitrusfarmen der Gegend wilderten. Heute sollen bereits über 500 Elefanten im Addo-Park leben, Tendenz steigend.


Und wieder passieren wir ein mit schweren Schlössern verrammeltes Tor, das eine Passage durch den martialischen Elektrozaun öffnet. Der Weg führt einen schmalen Pfad entlang und mitten hinein in das Dornengestrüpp. Es ist ein unangenehmes Gefühl, nicht weit sehen zu können. In dem Gebüsch könnten sich ganze Herden an Wildtieren verstecken, ohne dass wir sie erspähen könnten. Endlich öffnet sich das Gehölz und gibt den Blick auf eine Ebene frei, die von staubigem Gras und niedrigen Sträuchern bewachsen ist. Kaum hundert Meter vor uns grast eine Herde Zebras.


Wir reiten im Schritttempo an ihnen vorbei. Sie lassen sich von uns nicht stören. Etwas weiter links ziehen einige Elands vorbei, große Antilopen mit kunstvoll gedrechselten Geweihen. Meine Stute heißt Jasmin und ist schon ziemlich betagt, was mir durchaus entgegenkommt. Auf Ausreißen oder wilde Bocksprünge hat sie allem Anschein nach keine Lust mehr. Anderseits: Ob sie einem wild gewordenen Elefantenbullen entkommen kann, ist mehr als fraglich. Aber ihre Ohren drehen sich mir neugierig zu. Ich deute das als positives Zeichen. Da sind sie: Elefanten. Langsam wie in Zeitlupe bewegen sich die Tiere am Waldrand entlang. Andere stehen an einem Wasserloch, ihre grauen Körper scheinen in der flirrenden Luft zu zerfließen. Kevin Foster prüft die Windrichtung. Sie ist offenbar günstig, denn der Ranger winkt uns, langsam näher an die Elefanten heranzureiten. „Wir müssen vorsichtig sein“, ruft er uns verhalten zu. „Sollte sich der Wind drehen und die Elefanten uns entdecken, haben wir nur eine sehr kleine Pufferzone. Dann drehen wir ganz langsam um und weichen vorsichtig zurück.“


Addo-Elefanten galten in den 70er Jahren als die gefährlichsten Elefanten der Welt. Sie hatten auch keine gute Erfahrungen mit Menschen gemacht: Nachdem die englischen Siedler eintrafen, wurden sie konsequent gejagt und beinahe ausgerottet. Rund um ihr Revier lagen Zitrusfarmen, und Elefanten lieben Zitrusbäume. Sie brachen immer wieder aus dem umzäunten Revier aus. Es gab andauernde Konflikte mit den Farmern im Umkreis. Heute gilt Addo als einer der besten Orte im südlichen Afrika, um große Elefantenherden zu beobachten

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Nach einer Stunde in der Savanne kehren wir um, wieder durchqueren wir Herden von Zebras, die sich von den Pferden und uns nicht stören lassen. Abends, zurück in der Lodge, gibt es kein anderes Thema als die Begegnung mit den Elefanten. Sie werden noch mehr Raum bekommen, erklärt Megan Taplin, die im Addo Nationalpark arbeitet. Sie hat sich zum Abendessen zu uns gesellt. „Wir sind dabei zu expandieren“, sagt sie. „Unser Ziel ist eine Größe von 230.000 Hektar Landfläche, dazu kommen 120.000 Hektar Marineschutzgebiet unten an der Küste.“ Dazu wird auch privater Landbesitz requiriert. Die Besitzer werden Vertragspartner des Nationalparks – mit dem Vorteil, dass die Regierung das Land nicht erwerben muss, sondern es nur verwaltet. Die Landbesitzer profitieren von den Einnahmen aus dem Nationalpark.


Der „Addo Elephant National Park“ ist ein Versuch, dem Landhunger der Farmer in Südafrika etwas entgegenzusetzen. Als Alternative zur Landwirtschaft, als Chance, die Artenvielfalt zu schützen und die Wildnis zu erhalten, wird auch in der südlichen Kapregion der Ökotourismus zunehmend ausgebaut. Aktuelle Studien hätten gezeigt, dass Ökotourismus profitabler ist als Ackerbau, erzählt Megan Taplin. Dieser Idee folgt die Expansion des Addo Nationalparks. Leider gebe es Grenzen, bedauert sie. „Näher an die Küste werden wir nicht herankommen können.“ Dort habe sich die sehr profitable Milchwirtschaft etabliert, zudem sei die Vegetation derart stark verändert, dass es schwierig wäre, sie zu renaturieren.


Dann ist Ranger Kevin Foster an der Reihe. In breitem südafrikanischem Englisch unterhält er die Runde mit seinen Erlebnissen. Er erzählt, wie er während seiner Ausbildung völlig allein und auf sich gestellt in der Wildnis überleben musste, ohne Fahrzeug und nur mit einem Messer bewaffnet. „Ich habe Buschmänner aus Namibia kennengelernt, die nur mit Pfeil und Bogen jagen“, erzählt er. „Sie sind niemals allein unterwegs, immer als Gruppe. Begegnen sie einem Elefanten, machen sie zunächst Lärm. Wenn das nicht mehr hilft, stellen sie sich tot. Angeblich zertrampelt der Elefant sie nicht, sondern schnüffelt an ihnen. Bis er sie für nicht gefährlich einschätzt und verschwindet.“


Diese Verhaltensweise, sagt er, hätte er uns im Notfall aber nicht empfohlen. Sollte es zum Äußersten kommen, bliebe ihm leider nur der Griff zum Gewehr. „In der direkten Auseinandersetzung zwischen Touristen und Elefanten würde ich mich immer für die Touristen entscheiden“, sagt er. Für den Elefanten ist das keine gute Nachricht. Für uns, die wir morgen wieder in den Nationalpark wollen, schon.