Gesund im Büro

Juli 2019 | Die Zeit | Gesundheit & Volkskrankheiten

Gesund im Büro

Wer im Arbeitsalltag lange vor dem Bildschirm sitzt, erhöht das Risiko für Rücken- und Augenleiden.

Illustrationen: Daniel Balzer
Dr. Ulrike Schupp / Redaktion

Nine-to-five im Büro und damit ein gesundes, sicheres und entspanntes Leben? Schließlich gibt hier weder chemische Gefahrstoffe, noch handelt es sich um herausfordernde körperliche Arbeit mit schwerem Heben oder Tragen. Dem Klischee nach ist der Büroalltag bequem, vielleicht ein bisschen langweilig, aber wenig belastend.


Doch was den Gesundheitsschutz angeht, ist das leider zu schön, um wahr zu sein. Gleich eine ganze Reihe von Erkrankungen lässt sich auf den Lebensstil und die Arbeitsgestaltung im Büro zurückführen. „Durch erhöhte körperliche, visuelle und psychische Belastungen können gesundheitliche Gefährdungen auftreten“, warnt die Deutsche gesetzliche Unfallversicherung (DGUV). Ein Großteil der Büroarbeit findet schließlich vor dem Bildschirm statt. Körperliche Belastungen betreffen dabei vor allem den Bewegungsapparat und werden durch viele Faktoren begünstigt. Dazu zählen eine ungünstige Körperhaltung, einseitige Belastung, unzureichende Arbeitsmittel wie etwa ergonomisch dysfunktionale Tische und Stühle, spiegelnde Monitore, zu wenig Tageslichtleuchten und unzureichende Arbeitsorganisation.


Häufig leidet der Rücken, etwa die Schulter-Nackenpartie, Hals- und Lendenwirbelsäule sowie die Arme. Als typische Bürokrankheit gilt der oft belächelte, aber ziemlich schmerzhafte sogenannte Mausarm, in der Fachsprache das Repetitive-Strain-Injury-Syndrom (RSY). Das Leiden kündigt sich durch Schmerzen in den Sehnen der gesamten Muskulatur sowie den Gelenken des Arms an und kann bis in die Fingerspitzen ausstrahlen. Schulter und Nacken sind meist mit betroffen, was schnell zu einseitigen Schonhaltungen führt. Helfen können neben physiotherapeutischer Behandlung eine ergonomische Tastatur, eine gute Maus sowie regelmäßige Bewegungspausen. Aber auch gezielte Übungen für die Arme und die Hände sind empfehlenswert. Ein guter Physiotherapeut kann hier die individuell passende Abfolge empfehlen, eventuell lohnt sich darüber hinaus der Blick auf das eine oder andere Internet-Tutorial.


Handlungsbedarf besteht auch, sobald sich in den Fingern, meist in Zeigefinger und Daumen, nach Belastung vermehrt ein Kribbeln oder Taubheitsgefühl bemerkbar macht. Diese Symptome können auf ein sogenanntes Karpaltunnelsyndrom verweisen. Dieses ist vor allem bei Vielschreibern gefürchtet, weil es unbehandelt dazu führen kann, dass die Arbeit am Rechner nicht mehr möglich ist. Wer vorbeugen will, kann Abwechslung in den Schreiballtag bringen, indem er vermehrt Diktierfunktionen und Programme nutzt, die Gesprochenes in geschriebenen Text verwandeln.


Belastet wird das Muskel-Skelett-System durch monotone Bewegungsabläufe und krummes Sitzen. Der DGUV zufolge haben unterschiedliche Untersuchungen allerdings gezeigt, dass sie in allen Berufsgruppen vorkommen können und von daher nicht als typische Bürokrankheit einzustufen sind. Außerdem kann eine trainierte Muskulatur Belastungen auffangen und ausgleichen. Mehr Bewegung und ein gezieltes Training könnten Beschwerden, die durch längeres Sitzen entstehen, vorbeugen. Zudem nutzen zu wenig Menschen im Büro die Bewegungsmöglichkeiten, die ihnen im Prinzip offenstehen, beispielsweise das Arbeiten an höhenverstellbaren Schreibtischen, Wechsel an ein Stehpult, Bewegungspausen sowie Bürostühle, die unterschiedliche Sitzhaltungen ermöglichen.


Der Mangel an Bewegung durch monotones Sitzen begünstigt zudem Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, die jedoch in der Regel auf viele Ursachen zurückzuführen sind, beispielsweise psychische Belastungen sowie Übergewicht und Bluthochdruck – Faktoren, die mit Bewegungsmangel in Verbindung stehen können, aber nicht müssen. Experten raten zu mindestens dreimal in der Woche sanftem Ausdauersport, wie Joggen, Schwimmen oder Radfahren.


Komplizierter wird es, wenn es um die Augen geht. Gerade sie werden durch Bildschirmarbeit stark gefordert. Schon die einfache Textverarbeitung stellt hohe Anforderungen an die Aufnahme der visuellen Information über Hornhaut, Linse und Glaskörper sowie an deren Weiterleitung und Weiterverarbeitung im zentralen Nervensystem. Probleme entstehen hier nicht zuletzt durch schlechtes Licht, Blendeffekte und mangelhafte Darstellung von Zeichen und Bildern auf den Arbeitsgeräten. Häufig verstärken eine bestehende Fehlsichtigkeit oder Augenerkrankungen wie eine Eintrübung der Augenlinse (Katarakt) die Belastung. Vor allem deshalb ist präventiv der regelmäßige Besuch beim Augenarzt dringend zu empfehlen. Im Arbeitsalltag helfen Bildschirmpausen. Auch wer zwischendurch ins Grüne blicken kann, tut seinen Augen etwas Gutes.


Nicht zu unterschätzen sind psychische Belastungen im Bürojob. Angststörungen, Depressionen, Burnout oder Sucht verursachen bei den Beschäftigten in Deutschland erhebliche Fehlzeiten. Über 15 Prozent der Ausfalltage im Job lassen sich, dem DAK Gesundheitsreport zufolge, auf psychische Erkrankungen zurückführen. Zu den Ursachen zählen unter anderem Leistungsdruck im Job, zunehmende Arbeitsverdichtung, Zeitdruck und Mobbing durch Kollegen oder Vorgesetzte.


Sowohl ein Zuviel als auch ein Zuwenig an Herausforderung belasten die Psyche. Eine zentrale Rolle spielt es, ob Verantwortung und Entscheidungsspielräume zueinander passen. Wer wenig zu bestimmen, aber viel zu verantworten hat, verkraftet das auf Dauer nur schlecht. Mentale Abwärtsspiralen gilt es vor allem rechtzeitig zu erkennen. Zieht sich der bislang kommunikative Kollege plötzlich immer mehr zurück? Reagiert die mitfühlende Kollegin immer öfter gereizt und zynisch? Gehe ich ständig mit Magenschmerzen zur Arbeit?


Hausärztinnen und -ärzte sind inzwischen sensibilisiert für Themen wie Burnout oder Stress, spezialisierte psychosomatische Kliniken bieten neben Reha-Programmen oft auch Prävention, Beratung oder Krisenintervention an. Im Büro hilft es, aufeinander zu achten, eine offene Fehler- und Gesprächskultur zu pflegen sowie die Arbeitsorganisation regelmäßig allein und im Team zu analysieren und zu verbessern.