Wie eine Zeitenwende

Juli 2016 | Handelsblatt | Fokus Krebs

Wie eine Zeitenwende

Die Diagnose Krebs versetzt Betroffene und deren Angehörige in Angst und Schrecken. Wie geht man mit der Erkrankung um, und wie kann trotzdem Lebensqualität erhalten bleiben?

Illustration: Ivonne Schulze
Sabine Philipp / Redaktion

Die Diagnose war Hörsturz. Schlimm genug für Marco Müller. Im Krankenhaus kam für den 48-jährigen Frankfurter, der in Wirklichkeit anders heißt, der nächste Schock: Es war kein Hörsturz im klassischen Sinn. Der Sachbearbeiter hatte einen bösartigen Hirntumor. Immerhin konnte man ihn gleich operieren. Gleichzeitig bekam er eine Strahlentherapie. Denn nicht immer können die Ärzte alle Krebszellen operativ entfernen. Die Strahlentherapie soll sie abtöten oder zumindest am weiteren Wachstum hindern. 

 

Es gibt etliche Krebserkrankungen, bei denen nach der Operation eine Chemo-, Strahlen oder Antihormontherapie auf dem Programm steht. Das Ziel ist, einen Rückfall (Rezidiv) zu verhindern, oder so lange wie möglich heraus zu zögern. Nun haben diese Therapien nicht den besten Ruf; sie sind körperlich anstrengend und haben Nebenwirkungen. Die Lebensqualität wird stark eingeschränkt. Es gibt aber eine Reihe von Maßnahmen, um diese Nebenwirkungen zu lindern, und um den Patienten schneller wieder auf die Beine zu helfen. 

 

Stark gegen den Krebs

 

Josef Beuth, Leiter des Instituts zur wissenschaftlichen Evaluation naturheilkundlicher Verfahren an der Universität zu Köln, untersucht Maßnahmen, die zusätzlich, also komplementär, zum Einsatz kommen. Prostatapatienten oder Brustkrebspatientinnen und auch Patienten, die eine Antihormontherapie über sich ergehen lassen müssen, empfiehlt er beispielsweise ein Linsenextrakt. Denn die Therapie, bei der die Hormone heruntergefahren werden, trocknet die Schleimhäute aus. „Das ist schmerzhaft, und Sport kann man dann nur eingeschränkt, wenn überhaupt, treiben“, so der Mediziner. 

 

Sport ist nicht nur erlaubt, sondern erwünscht. In der Uniklinik Köln schicken die Ärzte ihre Krebspatienten so schnell wie möglich in das hauseigene Fitnessstudio. „Mit drei bis vier Stunden Sport pro Woche kann man das Risiko für Brust-, Darm- und Prostatakrebs um etwa 40 Prozent reduzieren“, so Beuth. Dazu kommen jede Menge positiver Nebeneffekte: „Sport kurbelt den Kreislauf an, er aktiviert den Darm und den Stoffwechsel. Und er vertreibt die Müdigkeit und die trüben Gedanken“. 

 

Letzteres ist ganz besonders wichtig, denn Krebs bedeutet auch immer eine enorme psychische Belastung. Es ist wie eine Zeitenwende. „Die Menschen haben Angst. Das macht sie offen für unseriöse Heilversprechen“, meint dazu Beuth, der schon die abenteuerlichsten Theorien gehört hat. Nicht nur von Laien. Auch erfahrene und kompetente Medizinerkollegen wollten ihn schon von den krudesten Alternativtherapien überzeugen. Viele Menschen verändern sich durch den Krebs. Oft sind sie nicht mehr so belastbar wie früher. Dadurch sind auch schon etliche familiäre Beziehungen in die Brüche gegangen. Für den Partner heißt das, dass er der sprichwörtliche Fels in der Brandung sein muss. 

 

Hier kommt die Psychoonkologie ins Spiel. Darunter versteht man Maßnahmen, die Patienten und deren Angehörige psychisch stabilisieren sollen. Dazu gehören vor allem Gesprächsangebote, aber auch Entspannungsübungen, Yoga bis hin zu Trommelworkshops. 

 

Kinder und Krebs

 

Besonders bitter ist es, wenn ein Kind Krebs bekommt. Dann ist die Hilflosigkeit der betroffenen Familien groß. „Ein Kind durch die intensive und manchmal riskante Therapie zu begleiten, kann sehr belastend sind. Über allem schwebt dazu die Angst, das Kind zu verlieren“, so Thorsten Simon, Leiter der Kinderonkologie und -hämatologie am Universitätsklinikum Köln. Oft zieht sich die Behandlung über mehrere Monate hin. Über einen so langen Zeitraum hinweg bekommen die Eltern natürlich keinen Urlaub. Eine besondere Unterstützung der betroffenen Familien durch Krankenkassen oder staatliche Stellen gibt es nicht. Das bedeutet, dass die Familien sich in dieser Zeit selbst organisieren müssen. 

 

Dennoch sind die Familien nicht allein: „Es gibt an den meisten Standorten einen von betroffenen Eltern initiierten Förderverein, der Beratung, meist Unterkunftsmöglichkeiten und zusätzliche Betreuungsangebote für Patienten und Geschwister anbietet“. Außerdem: „Im internationalen Vergleich liegt die Zahl der Behandlungszentren in Deutschland bezogen auf die Bevölkerungsdichte eher hoch, so dass die Familien kurze Wege bis zur nächsten Klinik haben. Das ist in anderen europäischen Ländern häufig nicht der Fall“, so Simon. 

 

Aber es gibt noch ein weiteres, oft unterschätztes Problem. „In vielen Familien dreht sich während der Therapie alles um die Krankheit. Die gesunden Kinder müssen zurückstecken; sie sind dann wie unsichtbar.“ Dem müsse man gezielt entgegenwirken. Die hohen Belastungen lohnen sich für viele Patienten: Laut Kinderkrebsregister überleben 81 Prozent der jungen Patienten eine Krebserkrankung um mindestens 15 Jahre und sind demnach als geheilt zu betrachten.

 

Wenn gar nichts mehr hilft

 

Im schlimmsten Fall hat der Krebs bereits Metastasen gebildet. Dann ist eine Heilung meist nicht mehr möglich. Metastasen entwickeln sich aus Tumorzellen und dringen in anderes Gewebe ein, wo sie Tochtergeschwüre bilden können. Im besten Falle können Ärzte nun nur noch das Wachstum oder die Bildung weiterer Tochtergeschwüre aufhalten. Oft gelingt aber auch das nicht. Die gute Nachricht in diesem Zusammenhang ist, dass die Palliativversorgung in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht hat. 

 

Die Palliativmedizin kümmert sich um Menschen mit unheilbaren, weit vorgeschnittenen Krankheiten, die in absehbarer Zeit zum Tod führen. „Im Mittelpunkt steht nun nicht mehr die Behandlung der Krankheit, sondern die Linderung von belastenden Symptomen“, erklärt Thomas Montag vom Zentrum für Palliativmedizin an der Uniklinik Köln. Ein weiterer wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang ist die psychosoziale Begleitung. Auch von Angehörigen.  Denn die sind doppelt belastet. „Sie verlieren einen Menschen und befinden sich oft gleichzeitig in der Rolle der Betreuenden“, so Montag. Die Betreuung findet oft zuhause statt. Durch den Hausarzt oder, in schwierigen Fällen, durch die Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV). Das ist ein multiprofessionelles Team, bestehend aus Ärzten und Pflegern. 

 

Dann gibt es noch die Hospize. In diese Einrichtungen gehen die Menschen zum Sterben. „Sie dürfen sich ein Hospiz aber nicht als einen trübsinnigen Ort vorstellen“, so Montag. „Es sind Orte, in denen Leben stattfindet. Wir feiern Karneval, und es gab auch schon Hochzeiten und Taufen“. Was oft verdrängt werde: Sterben gehöre nun einmal zum Leben dazu. 

 

Für Marco Müller war während der Therapie die Ungewissheit das Schlimmste. Nach der Behandlung sah es dann zunächst gut aus. Bis eine Routineuntersuchung ergab, dass der Tumor wieder aufgetaucht war. Nun beginnt wieder alles von vorn. Mit offenem Ausgang.