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November 2016 | Wirtschaftswoche | Economy 4.0

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Cloud-Dienste gelten als Basistechnologie für die digitale Transformation. Insbesondere der Mittelstand erhofft sich Wettbewerbsvorteile. Doch noch müssen die Anbieter viele Sicherheitsbedenken ausräumen.

Illustration: Adrian Bauer
Axel Novak / Redaktion

Die Cloud ist längst Mainstream. Zu groß sind die Vorteile der Verlagerung von Daten in einen virtuellen Raum, der von allen Punkten dieser Erde aus sicher und zuverlässig kontrolliert werden kann, der Teil des internen Netzwerks ist und der die Weiterverarbeitung von Daten in jeder Form ermöglicht – unabhängig von Zeit und Ort. Grundsätzlich bezeichnet Cloud Computing die Nutzung von IT-Leistungen wie Speicherplatz, Rechenkapazitäten oder Software über Datennetze. Das Datennetz kann unternehmens- oder organisationsintern als Intranet fungieren – in dem Fall heißt es Private Cloud Computing – oder über das öffentliche Internet als sogenanntes Public Cloud Computing.

Viele Unternehmen haben mittlerweile erkannt, dass die Verlagerung von Prozessen und Daten in die Cloud hilfreich sein kann – und gleichzeitig eine wichtige Etappe, um die Unternehmen fit für die Themen Digitalisierung und Industrie 4.0 zu machen. „Die Cloud hilft, Arbeitsprozesse in Unternehmen zu vereinfachen und effizienter zu gestalten", sagt Petra Schmietendorf, Direktor Cloud Vertrieb, Cisco Deutschland. „Auch für deutsche Unternehmen liegt die Zukunft vieler Prozesse in der Cloud; sie ist Voraussetzung, um die Digitalisierung in deutschen Unternehmen weiter voranzutreiben.“

Erfolgsfaktor für den Mittelstand

Tatsächlich hat 2015 zum ersten Mal eine Mehrheit der Unternehmen in Deutschland Cloud Computing eingesetzt, so eine Umfrage des Branchenverbandes Bitkom. Heute sind 54 Prozent der Unternehmen in solchen Datennetzen unterwegs, zehn Prozent mehr als 2014. Und immer mehr Unternehmen interessieren sich für Cloud-Sevices: „Cloud Computing ist eine Basistechnologie für die digitale Transformation“, sagt Axel Pols von Bitkom. „Die Technologie schafft enorme Effizienzgewinne und ist in der digitalen Wirtschaft sehr häufig die Basis neuer Geschäftsmodelle.“

Dabei unterscheiden sich die Unternehmen nach Größe: Unternehmen mit mehr als 2.000 Mitarbeitern sind schon auf vergleichsweise hohem Niveau vernetzt. Kleinere und mittlere Unternehmen haben erst im vergangenen Jahr begonnen, Cloud-Services verstärkt zu nutzen. „Der Mittelstand hat seine Zurückhaltung beim Cloud Computing  endgültig abgelegt“, so Pols. Immerhin 23 Prozent ihrer Anwendungen und Apps beziehen Mittelständler mittlerweile aus der Cloud, ergab eine Studie von Techconsult im Auftrag des Softwareunternehmens Citrix in Deutschland. In zwei Jahren schon könnte es die Hälfte aller Anwendungen sein. „Gerade für mittelständische Unternehmen ist flexibles Arbeiten zu einem wesentlichen Erfolgsfaktor und Wettbewerbsvorteil geworden”, sagt Sascha Rosbach, Director Corporate Accounts bei Citrix. „Mitarbeiter sind nicht nur produktiver und kreativer, sie sehen ebenfalls die Chance, ihr Berufs- und Privatleben besser miteinander zu vereinen.“ Und: Cloud-Anwendungen helfen, externe Mitarbeiter schneller in Geschäftsprozesse zu integrieren.

Berechtigte Sicherheitsbedenken

Doch noch erschwert eine Reihe von Hindernissen die Nutzung von Cloud-Anwendungen. Zum einen fehlen vielen Unternehmen die technischen Voraussetzungen. Sie haben noch nicht die Möglichkeit, Anwendungen und Geräte über eine geeignete Software zu verwalten. Nur 40 Prozent der Unternehmen setzen zentrale Management-Software ein, um Anwendungen und Geräte effizient zu steuern. Hinzu kommen berechtige Sicherheitsbedenken: Sind Anwendungen in der Cloud ausreichend gegen Angriffe geschützt? Spätestens seit den Enthüllungen um die US-amerikanischen Abhörmethoden gibt sich kein Unternehmer mehr der Illusion vollständiger Sicherheit hin. Vernetzung macht digitale Zugriffe wie Piraterie, Wissensverluste oder den Diebstahl von Lieferanten- und Kundendaten möglich. Das kann steigende Kosten und personellen Mehraufwand bedeuten und sich massiv auf die Beziehungen zwischen Kunden und Unternehmen auswirken.

Auch auf juristischer Seite gibt es viele Bedenken: Nicht nur ist die Frage nach dem eigentumsrechtlichen Schutz von Daten und ihrer Sicherung in der Cloud nicht abschließend geklärt. Ist die Produktsicherheit gefährdet, drohen Schadensersatzforderungen, Compliance-Verfahren und eine erweiterte Haftung. Sogar die eigenen Mitarbeiter können durch die Cloud zum Risiko werden. Nicht nur, weil Know-how verloren geht, wenn sie über soziale Medien schneller und einfacher abgeworben werden, sondern allein durch das Nicht-Einhalten von Sicherheitsstandards im Alltag. Schon heute beläuft sich der Schaden, den die deutsche Wirtschaft durch Piraterie und digitale Angriffe erleidet, nach Bitkom-Zahlen auf rund 51 Milliarden Euro pro Jahr.

Datenschutz in der Metacloud

Abhilfe bieten ausgeklügelte Firewalls. Auch die Verschlüsselung über sichere Netzwerke ist eine gängige Methode, externe Stellen an das Netzwerk anzubinden. Eine neue, weltweit einmalige Möglichkeit bietet das Industrial Data Space. Diese Initiative ist Anfang des Jahres in Berlin als gemeinnütziger Verein gegründet worden. Sie will einen sicheren Datenraum schaffen, der Unternehmen verschiedener Branchen und aller Größen die Bewirtschaftung ihrer Datengüter ermöglicht, ohne dass sie die Kontrolle über die Daten verlieren. „Das Industrial Data Space ist eine Art Metacloud, die ganz viele Knoten miteinander verbindet und sich als spezielle Schale um die Daten legt, die geschützt werden sollen“, sagte Lars Nagel, Geschäftsstellenleiter der Industrial Data Space Association bei einer Präsentation des Systems auf einem Logistikkongress im Oktober 2016. Sogenannte Konnektoren bieten dann den Zugang zu weiteren Clouds und ermöglichen die sichere Dateninteroperabilität.

Der Erfolg der Initiative gibt den Gründern anscheinend recht: Von anfangs 18 Mitgliedern, darunter 16 Wirtschaftsunternehmen, die Fraunhofer-Gesellschaft und der ZVEI – Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V, ist die Zahl inzwischen auf mehr als 50 Unternehmen aus zehn europäischen Ländern angewachsen. Sie alle suchen nach einem sicheren Umgang mit ihren Daten – und zwar nicht nur, um sie intern auszutauschen, sondern um durch ihre Verwertung und Analyse Geld zu verdienen. Die wichtigste Herausforderung für die Akzeptanz von Cloud-Services ist und bleibt die Datensicherheit.