»Wir stehen erst am Beginn einer medizintechnischen Revolution.«

Dezember 2018 | Die Zeit | Gesundheit & Volkskrankheiten
Gesund werden, gesund bleiben
Die Redaktion befragt Akteure zu aktuellen Entwicklungen in der Gesundheitsbranche.
Dezember 2018 | Die Zeit | Gesundheit & Volkskrankheiten

»Wir stehen erst am Beginn einer medizintechnischen Revolution.«

Joachim M. Schmitt / Geschäftsführer und Vorstandsmitglied des Bundesverbands Medizintechnologie (BVMed)

Jeden Tag profitieren Millionen Menschen von innovativen Medizintechnologien. Medizinprodukte wie Katheterverfahren oder Schrittmachertechnologien retten Leben. Medizinprodukte wie Gelenkimplantate sorgen wieder für schmerzfreie Mobilität. Die technischen Fortschritte in der Medizin waren in den letzten Jahrzehnten gewaltig. Wir stehen aber erst am Beginn einer medizintechnischen Revolution.


Die Miniaturisierung von Produkten wird durch Mikrosystemtechnik, Nanotechnologie und optische Technologien vorangebracht. Daneben etabliert sich die Molekularisierung – repräsentiert durch Biotechnologie, Zell- und Gewebetechnik. Den größten Einfluss auf den medizintechnischen Fortschritt hat aber ohne Zweifel die Digitalisierung. Mit neuer, digitaler Medizin ist die Hoffnung verbunden, Krankheiten früher zu erkennen, besser behandeln zu können und die Lebensqualität zu verbessern. Außerdem kann die Digitalisierung Prozesse in der Patientenversorgung optimieren und helfen, Kosten im System zu sparen. Der nächste große Schritt in der Revolution der Gesundheitsversorgung wird, wie in vielen anderen Bereichen, die Künstliche Intelligenz (KI) sein.


Der rasante technische Wandel ist Treiber des medizintechnischen Fortschritts. Diese dynamische Entwicklung können wir aber nicht mit den herkömmlichen Bewertungs- und Erstattungsstrukturen begleiten. Wir brauchen neue und mutige Wege. Wir brauchen Fast-Track-Verfahren für digitale Medizin. Wir brauchen eine eigene Bewertungsmethodik für innovative Medizintechnologien. Wie können wir sicherstellen, dass der medizinische Fortschritt künftig noch zeitnah beim Patienten ankommt? Wie können wir Forschungsergebnisse schneller in die Versorgungspraxis überführen? Wie gehen wir mit der digitalen Medizin um? Für all diese Fragen benötigen wir einen Neustart des strukturierten und ressortübergreifenden Strategieprozesses Medizintechnik.

 


 www.bvmed.de

Dezember 2018 | Die Zeit | Gesundheit & Volkskrankheiten

»Bis zu 30 Prozent aller Demenzerkrankungen sind durch präventive Maßnahmen vermeidbar.«

Saskia Weiß / Stellvertretende Geschäftsführerin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e. V. (DAlzG)

Maßnahmen, mit denen sich Demenzen völlig vermeiden lassen, gibt es bisher leider nicht. Auch der größte Risikofaktor für die Erkrankung an einer Demenz – das Alter – lässt sich naturgemäß nicht beeinflussen. Aktuelle Studien deuten aber darauf hin, dass sich dennoch einiges zur Prävention tun lässt. Dafür gibt es zwei wichtige Strategien: zum einen ein gesunder und aktiver Lebensstil. Dies bedeutet eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Fisch und mäßigem Fleischkonsum ebenso wie regelmäßige körperliche Aktivität. Dabei geht es nicht um Leistungssport, tägliche Spaziergänge von mindestens einer halben Stunde sind für einen positiven Effekt ausreichend. Das Training der geistigen Fähigkeiten, beispielsweise durch das Erlernen einer Sprache oder eines Musikinstruments, ist ebenso wichtig wie rege soziale Kontakte.


Der zweite Arm der Prävention besteht in der Beachtung von vermeidbaren und behandelbaren Risikofaktoren. Dies sind die gleichen Faktoren, die auch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine Rolle spielen: Bluthochdruck, ein hoher Cholesterinspiegel und Diabetes sollten gut eingestellt werden. Übergewicht, Rauchen und ein mehr als mäßiger Alkoholkonsum sind Risikofaktoren, die sich vermeiden lassen. Auch Depressionen steigern das Risiko und sollten konsequent behandelt werden.


Nicht zu vergessen sind die Schäden, die unser Gehirn von außen erleiden kann und die mit zunehmendem Alter ebenfalls Demenzen begünstigen. Schützen können wir uns beispielsweise, indem wir beim Radfahren einen Helm tragen. Bei Kindern sollten wir auf die Gefahr von häufigen leichten Gehirnerschütterungen durch Kopfbälle achten. Konsequent zu sein lohnt sich. Bis zu 30 Prozent aller Demenzerkrankungen scheinen durch präventive Maßnahmen vermeidbar zu sein.

 

www.deutsche-alzheimer.de

Dezember 2018 | Die Zeit | Gesundheit & Volkskrankheiten

»Digitalisierte Pens und Inhalatoren verbessern die Behandlung.«

Dr. Siegfried Throm / Geschäftsführer Forschung des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa)

Geht es um bessere Medikamente gegen chronische Krankheiten, stehen meist neuartige Wirkstoffe im Vordergrund. Doch ebenso wichtig ist, den Umgang der Patienten mit ihren Medikamenten im Alltag einfacher und sicherer zu machen und es dem Arzt zu erleichtern, die Therapie anzuleiten. Viel Entwicklungsarbeit wenden Pharma-Unternehmen deshalb auch für Geräte auf, mit denen sich die Patienten ihre Medikamente selbst verabreichen können, wenn sie nicht zum Schlucken sind.

Pens zur Selbstinjektion von Medikamenten wurden zuerst für Diabetiker erfunden. Ihr Vorteil gegenüber Spritzen: Das Dosieren und Injizieren ist viel einfacher, und niemand denkt bei Pens an Drogen. Pens gibt es mittlerweile auch für Patienten mit rheumatischen Erkrankungen, Osteoporose und anderen Leiden. Inhalatoren wurden insbesondere für Patienten mit Asthma, COPD und Mukoviszidose entwickelt. Die neueste Generation der Pens für Diabetiker und MS-Patienten kann registrieren, wann wie viel von dem Medikament verabreicht wurde – und dies in der Cloud speichern oder an den Arzt melden. Inhalatoren gegen Asthma und COPD mit vergleichbaren Fähigkeiten gibt es inzwischen auch.

In absehbarer Zeit werden Diagnostik, Arzneimittel, Pen/Inhalator und Datenauswertung zu unterbrechungsfrei funktionierenden Einheiten zusammengeführt. Dafür wird es einen Brückenschlag zwischen Pharma/Biotech, Medizintechnik, Diagnostika- und IT-Industrie geben. Was Patienten davon haben: Weniger Komplikationen und Verschlechterungen der Erkrankung dank einer kontinuierlich vom Arzt nachjustierten Therapie. Und mittelfristig: noch bessere Medikamente, in deren Entwicklung eingegangen ist, was man aus dem Gebrauch der heutigen Pens und Inhalatoren gelernt hat. Mehr dazu findet sich im Biotechreport von BCG und vfa bio unter www.vfa.de/bcg2018.pdf.


www.vfa.de