»Viele Unternehmen und Institutionen haben erkannt, dass Diversity heute nicht nur notwendig ist, sondern sich auch auszahlt.«

November 2018 | Die Welt | Talente der Zukunft
MINT, Diversity, Bildung
Die Redaktion befragt Akteure zur Arbeitswelt der Zukunft.
November 2018 | Die Welt | Talente der Zukunft

»Schon in den Schulen muss das intuitive Verständnis für Technik geschaffen werden.«

Christina Marpe / Vorstandssprecherin Queb Bundesverband für Employer Branding Personalmarketing und Recruiting e. V.

Der Fachkräftemangel ist in seiner Bedeutung heute beinahe relevanter als die Arbeitslosenquote. Und der Mangel ist zunehmend, genauso wie seine Bedeutung für den Standort Deutschland. Schon bei der Ausbildung fehlt oft die notwendige Begeisterung unseres Nachwuchses oder ist es vielleicht die fehlende Transparenz und Informationsgrundlage über die Berufsbilder im MINT-Umfeld? Viele dieser Berufe sind zweifelsohne stark technisch geprägt. Und wenngleich die Zahl an Frauen, die naturwissenschaftlich-technische Berufe wählen, in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen ist, sind MINT-Berufe immer noch vor allem eine Männerdomäne.

Was können wir also tun, um die Trendwende zu schaffen? Mit Sicherheit wäre es hilfreich, noch viel früher, als heute bereits der Fall, auf die vielfältigen Berufsbilder einzugehen sowie Möglichkeiten und Karrierechancen aufzuzeigen. Begeisterung durch praktische Erfahrung sowie die frühe Ermutigung, auch schwierigere Sachverhalte zu meistern, bilden das Fundament für den Berufsweg. Schon in den Schulen muss das intuitive Verständnis für Technik geschaffen werden. Unbedingte Chancengleichheit und die Förderung vorhandener Talente ergänzen diese Maßnahmen. Insbesondere Mädchen sollten noch flächendeckender an die MINT-Fächer herangeführt werden. Neben den Schulen muss hier im gesamten Ausbildungssektor mehr investiert werden. Universitäten, Ausbildungsbetriebe, Fachhochschulen und Anbieter dualer Studiengänge: Sie alle sollten im eigenen Interesse mehr Wert auf die Förderung von Frauen legen.

Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien sowie Verbände stehen in der Verantwortung, in dieser Sache zusammenzuarbeiten. Auch in der Gesellschaft muss ein Umdenken stattfinden. Nur so werden wir in der Lage sein, dem Fachkräftemangel etwas entgegenzusetzen.
 

www.queb.org

November 2018 | Die Welt | Talente der Zukunft

»Viele Unternehmen und Institutionen haben erkannt, dass Diversity heute nicht nur notwendig ist, sondern sich auch auszahlt.«

Aletta Gräfin von Hardenberg / Geschäftsführerin Charta der Vielfalt e. V.

Unsere Gesellschaft heute ist so vielfältig wie niemals zuvor. In der Arbeitswelt von heute arbeiten beispielsweise bis zu fünf verschiedene Generationen mit unterschiedlichen Werten und Vorstellungen zusammen. Um den Anforderungen gerecht zu werden und den Mitarbeitenden Wertschätzung in ihrer individuellen Art entgegenzubringen, muss Diversity zur Organisationskultur werden. Um als attraktiver Arbeitgebender die besten Köpfe für sich zu gewinnen, müssen Organisationen andere Wege finden, um potenzielle Arbeitnehmende für sich zu gewinnen. Durch das Etablieren einer offenen Organisationskultur und einer Infrastruktur, die den individuellen Bedürfnissen ihrer Angestellten gerecht wird, kann dies erreicht werden.

Im immer stärkeren Wettbewerb auf dem internationalen Markt ist es essenziell, diese Ressourcen zu nutzen. Nur durch vielseitig aufgestellte Teams können neue, kreative Lösungsansätze gefunden werden. Auch die Motivation und Produktivität der Arbeitnehmenden wird durch das daraus resultierende Wohlbefinden gesteigert. Viele Unternehmen und Institutionen haben erkannt, dass Diversity heute nicht nur notwendig ist, sondern sich auch auszahlt. Über 3.000 Organisationen haben bis heute die Charta der Vielfalt unterzeichnet und sich somit klar für eine offene und vorteilsfreie Arbeitswelt positioniert.

Gerade in Zeiten, in denen Vielfalt durch politische Gruppierungen und Positionen unter Beschuss steht und nicht mehr selbstverständlich ist, ist dies wichtiger denn je. Rechtspopulistische Strömungen gefährden die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Die Mitgliedsorganisationen der Charta der Vielfalt haben im September die Kampagne #FlaggefürVielfalt ins Leben gerufen, um sich gegen diese Entwicklungen zu positionieren und ein klares und lautes Zeichen für Vielfalt zu setzen.
 

www.charta-der-vielfalt.de

November 2018 | Die Welt | Talente der Zukunft

»Das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern muss weiter aufgelockert werden.«

Prof. Dr.-Ing. Udo Ungeheuer / Präsident VDI Verein Deutscher Ingenieure e. V.

Die digitale Transformation schafft in den kommenden Jahren Millionen neuartige Arbeitsplätze und treibt die Entstehung neuer Märkte voran. Darauf muss sich der Standort Deutschland vorbereiten, denn er braucht Experten mit digitalem Know-how. Laut einer Studie des Weltwirtschaftsforums sind nur 46 Prozent der Mitarbeiter für die neuen Jobs gerüstet. Um mit den neuen Technologien Schritt halten zu können, brauchen wir digitale Qualifikationen, die schon in der Schule gelehrt werden. Digitale Bildung in der Schule ist die Voraussetzung für eine erfolgreiche digitale Transformation. Alleine die Klassenzimmer mit WLAN, Smartboards und Laptops auszustatten reicht allerdings nicht, um gegen den in Deutschland existierenden digitalen Bildungsrückstand vorzugehen. Vor allem braucht es eine gemeinsame Verständigung von Bund und Ländern für eine länderübergreifende digitale Bildungs- und Qualifizierungsoffensive.

Der Erwerb von Medienkompetenz und digitaler Bildung müssen in allen Schulformen und Jahrgangsstufen sowie als Kernelement der Lehreraus- und -fortbildung fest verankert werden. Der VDI fördert mit einer durchgehenden Strategie den Nachwuchs vom Kindergarten bis zum Berufseinstieg und setzt sich für Chancengleichheit für Schüler aus benachteiligten Familien ein. Das erwarten wir auch von der Politik, denn für das digitale Zeitalter werden alle möglichen Experten gebraucht, egal welcher Herkunft.

Auf der Ebene der Hochschulen kann die Implementierung der Digitalen Transformation nur adäquat stattfinden, wenn das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern weiter aufgelockert wird. Die Rahmenbedingungen für eine Beteiligung des Bundes an der Finanzierung der Hochschulen müssen verbessert werden, um ihnen langfristige Planungs- und Investitionssicherheit zu geben. Mit diesen Mitteln könnten die Hochschulen die notwendige Verbesserung der Qualität von Studium und Lehre zügig einleiten – und dabei vor allem die Planung langfristiger Projekte voranbringen.


www.vdi.de