Zum Greifen nah

November 2018 | Wirtschaftswoche | Economy 4.0

Zum Greifen nah

Auf welche Weise werden Mensch und Roboter in der Fabrik von morgen miteinander arbeiten? Ein Gespräch mit Henrik A. Schunk, CEO des Greifsystem-Spezialisten SCHUNK.

Dank künstlicher Intelligenz ist es dieser 5-Fingerhand möglich, Objekte in beliebiger Lage zu identifizieren und autonom zu greifen.
schunk gmbh & Co. KG / Unternehmensbeitrag

Herr Schunk, Ihr Unternehmen gilt als Kompetenzführer bei Greifsystemen und Spanntechnik. Wie sehen die Handlingsysteme der Zukunft aus?
In vielen Branchen lässt sich seit Jahren feststellen, dass die Vielfalt an Produktvarianten wächst. Das betrifft die Automobilindustrie ebenso wie die Elektronik- oder Haushaltsgeräteindustrie. Maschinen- und Anlagenbauer sind immer häufiger gefordert, eine maximale Flexibilität in den Prozessen und zugleich eine Nullfehlerstrategie, eine durchgängige Rückverfolgbarkeit sowie eine größtmögliche Prozesstransparenz und Wirtschaftlichkeit zu gewährleisten. In der Konsequenz gibt es immer mehr hochautomatisierte, vernetzte Produktionssysteme bis hin zu Montagelinien, die sich autonom an die jeweils zu fertigende Produktvariante anpassen. Intelligenz, Vernetzung und Kollaboration sind die drei entscheidenden
Merkmale von Handlingsystemen für die smarte Fabrik.
 

Welche Auswirkungen erwarten Sie für Ihr Portfolio?
Wir arbeiten intensiv an Lösungen, die das maschinelle Lernen für die Handhabung nutzbar machen und auf die Möglichkeiten einer autonomen Greifprozessoptimierung zurückgreifen. Ich bin sicher, dass wir in drei bis fünf Jahren ein sehr viel dynamischeres Handling erleben, als es heute der Fall ist. Bislang müssen jeder Greifpunkt und jeder Handhabungsschritt mühsam einzeln programmiert werden. Künftig wird Handling intuitiv und sehr viel dynamischer sein. Je besser das gelingt, desto fließender wird auch das Zusammenspiel mit dem Menschen.


Wie kann man sich das konkret vorstellen?
Wer eine volle Kaffeetasse zum Mund führt, greift anders und bewegt sich anders als jemand, der einen Kasten Mineralwasser in den Kofferraum stellt. Beides geht vollautomatisch, ohne bewusst darüber nachzudenken. Ähnlich wie der Mensch werden auch Handhabungssysteme künftig ihr Verhalten automatisch an die jeweilige Greifsituation anpassen. Sie werden in der Lage sein, zu lernen und individuell zu agieren, je nachdem, ob es sich um große, schwere, weiche oder zerbrechliche Gegenstände handelt. Zudem werden Greifer die Eigenschaften der gegriffenen Objekte automatisch detektieren. So wie die menschliche Hand automatisch feststellt, ob die Kaffeetasse warm oder der Sprudelkasten voll ist, werden Greifer künftig in Echtzeit Leistungs- und Effizienzkennzahlen zur Prozessstabilität liefern und eine 100%-Kontrolle im laufenden Produktionsprozess ermöglichen.
 

Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?
Insbesondere die Möglichkeiten digitaler Schatten oder – noch einen Schritt weiter – die Möglichkeiten digitaler Zwillinge werden erhebliche Auswirkungen auf das industrielle Greifen haben. Die Digitalisierung der Handlingsysteme schafft also die Voraussetzungen für Handhabungsszenarien der Zukunft. Entsprechend groß ist deren Bedeutung. In wenigen Jahren schon werden wir Greifsystemen nur noch grob mitteilen, wo ein Werkstück liegt und die Information mit dem Bild eines digitalen Zwillings verknüpfen. Der Greifer selbst wird dann wissen, wie das Werkstück zu greifen ist und im intelligenten Zusammenspiel mit dem übergeordneten Handhabungssystem die optimale Greifstrategie entwickeln. Dazu zählt auch, dass der Greifer mithilfe unterschiedlicher Sensoren sicherstellt, dass es nicht zu Kollisionen mit anderen Gegenständen oder mit dem Menschen kommt.


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